Wetterprognose selbst gemacht

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Himmelszeichen und Wolkenspiele

Die Vorhersagen der Meteorologen sind meistens genau, aber immer mal wieder auch total daneben. Der Outdoor Guide erklärt die wichtigsten Wolkenbilder und zeigt einfache Tricks für eine sichere Wetterprognose.

Text: Thomas Kleiber
Fotos: Christian Penning

«Warmes Sommerwetter mit nur geringer Gewittertendenz» war vorausgesagt. Also entscheiden sich die beiden Bergwanderer, den Tag gemütlich anzugehen und den Hüttenaufstieg erst am Nachmittag in Angriff zu nehmen. Bei der Ankunft Mitte Nachmittag am Bahnhof von Kandersteg scheint denn auch wie erwartet die Sonne. Jonas aber schaut skeptisch in die Berge. Dort scheinen ihm die Quellwolken beunruhigend weit in die Höhe zu wachsen. «Das gefällt mir gar nicht!», meint er. «Lass uns einen Kaffee trinken und schauen, was passiert.» Nach der zweiten Tasse hören sie das erste Donnergrollen, bei der dritten schüttet es heftig. «Von wegen geringe Gewittertendenz», knurrt Kristina, «den Meteos werde ich morgen ein gepfeffertes Mail schreiben.» Zur gleichen Zeit steht ein Meteorologe vor dem Bildschirm und schaut auf das Radarbild. Im ganzen Alpenraum gibt es nur ein einziges Gewitter. Und zwar in Kandersteg, wie so oft. «Geringe Gewittertendenz», freut er sich. «Ich hab’s ja gesagt.»

Fehlprognosen vorprogrammiert

Zur Wettervorhersage stehen Meteorologen modernste Hilfsmittel zur Verfügung – Satelliten, Radar sowie Modelle, das heisst: komplexe Programme, die den zukünftigen Zustand der Atmosphäre zu berechnen versuchen. Diese Vorhersagen sind heute von erstaunlich guter Qualität. Dennoch kommt es immer wieder zu Fehlprognosen. Vor allem weil der aktuelle Zustand der Atmosphäre und der Erdoberfläche nie vollständig bekannt ist, trotz modernster Technologie. Doch selbst wenn jeder kleinste Luftwirbel und jede Pfütze erfasst werden könnte, wären alle Computer der Erde nicht in der Lage, diese Datenfülle zu verarbeiten. Modelle sind also nur grobe Vereinfachungen der Realität, mit entsprechenden Abweichungen vom tatsächlichen Verlauf. Der Meteorologe kann bis zu einem gewissen Grad Modellfehler erkennen und lokale Besonderheiten berücksichtigen. Aber alles kann auch er nicht wissen. Dazu kommt, dass seine Prognosen oft nicht richtig verstanden werden. Jonas und Kristina etwa interpretierten «geringe Gewittertendenz» falsch. Sie waren überzeugt, dass sie von Gewittern verschont bleiben würden.

Wettermodell Marke Eigenbau

Am besten fährt, wer die Prognosen der Meteorologen als Basis nimmt und dann unterwegs seine eigene kurzfristige Vorhersage erstellt. Verschiedenste Prognosedienste finden sich im Internet und in den Medien, zudem sind auch hilfreiche Smartphone-Apps erhältlich.C72D9685_DxO_Penning_Knowhow_Wetter Es lohnt sich, ihre Vorhersagen miteinander zu vergleichen. So erkennt man rasch, ob sich die Meteorologen einig sind über die Entwicklung oder ob die Lage heikler ist – und die Profis zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Als Zusatzinformationen lassen sich Lokalprognosen im Internet abrufen. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: Prognosen für einen bestimmten Ort werden fast ausschliesslich automatisch generiert. Kein Meteorologe prüft sie. Je nach Anbieter variieren sie deshalb von unbrauchbar bis erstaunlich gut. Auch hier gilt: Vergleichen hilft! Unterwegs lässt sich dann die tatsächliche Wetterentwicklung ständig mit dem erwarteten Ablauf vergleichen.

«Bei Frauen und Cirren …

… kann man sich irren.» So lautet eine bekannte Wetterregel, die viel Wahres enthält. Cirren (Federwolken) in grosser Höhe können in der Tat sowohl Schönwetterwolken als auch Vorboten eines Wetterumschwungs sein. Aber sie verhalten sich dabei unterschiedlich. Bei schönem Wetter ziehen gelegentlich Cirren über den Himmel, und der Druck bleibt auf hohem Niveau. Fällt der Druck und werden die Cirren immer dichter, bis der Himmel ganz milchig ist, steht meistens ein Wetterwechsel bevor. Allerdings dauert es dann noch oft mehr als einen halben Tag, bis es nass wird. Wetterregeln sind zwar hilfreich, um sich gewisse Gesetzmässigkeiten des Wetterablaufs zu merken. Wer ihnen aber blind traut, kann böse Überraschungen erleben. Besser man beobachtet und versucht zu verstehen, was abläuft.

So funktioniert der «Wettermotor»

Auf eine Regel – oder besser: eine physikalische Gesetzmässigkeit – ist immer Verlass: Warme Luft ist leichter als kalte. Deshalb steigt ein Heissluftballon in die Höhe, genauso wie wärmere Luft in kühlerer Umgebung aufsteigt. Dieser Vorgang bringt viele Begleiterscheinungen: Heizt die Sonne einen Hang auf, wird die Luft über ihm wärmer als in der Umgebung und steigt auf. Die aufsteigende Luft kühlt sich ab. Die Temperaturänderung beträgt ziemlich genau ein Grad pro hundert Meter (respektive ungefähr 0,6 Grad in aufsteigender Luft, sobald die Feuchtigkeit auskondensiert und sich Wolken bilden). Bei genügender Feuchte entstehen so an den Berghängen die Quellwolken, welche im Sommer am Nachmittag die Gipfel einhüllen. Aber auch im Tal sind Auswirkungen spürbar. Die aufgestiegene Luft am Hang wird durch Luft aus dem Tal ersetzt. In einem Bergtal entsteht so nebst den Hangaufwinden noch ein talaufwärts wehender Wind. In der Nacht kehrt die ganze Zirkulation um. Die abgekühlte Luft fällt die Hänge hinunter und strömt als Bergwind talabwärts. Berg- und Talwinde treten vor allem bei ruhigem und sonnigem Wetter auf. Ob und in welcher Intensität diese Auf- und Abwärtsbewegung stattfindet, hängt – abgesehen von der Intensität der Sonneneinstrahlung – insbesondere von den topografischen Verhältnissen vor Ort ab. Und da hat fast jedes Tal seine Eigenheiten.

Regionale Wetter-Macken

Gebirge beeinflussen das Wetter noch auf kleinem Raum. Jede Region der Schweiz hat darum ihre eigenen Wetter-Macken. So hält sich zum Beispiel der Föhn in Graubünden am längsten. Das Unterengadin bleibt oft noch lange trocken, wenn fast alle Alpenregionen längst vom Regen erfasst worden sind. Andererseits reissen im Wallis die Wolken hinter einer Kaltfront in den meisten Tälern rasch wieder auf. Während es im Berner Oberland noch bewölkt ist, scheint hier oft bereits wieder die Sonne. Aber auch nicht überall: Das Lötschental oder das Obergoms kriegen nicht selten noch viele Wolken von Norden her ab. Das Glarnerland wiederum ist bei Nordwestwind ein perfekter «Schneefänger». Der Extremist unter den Regionen ist sicherlich das Tessin: Dort scheint die Sonne gut zwei Drittel länger als im Mittelland, gleichzeitig regnet es doppelt so viel. Die regionalen Besonderheiten in der Schweiz machen exakte Prognosen nicht gerade einfach, dafür aber spannend. Mit etwas Erfahrung kann man sich mit den meteorologischen Spezialitäten seiner Lieblingsregionen recht schnell vertraut machen. Dennoch gilt: Das Wetter ist nicht verpflichtet, sich an die Regeln zu halten.

Text: Thomas Kleiber

Was Wolken erzählen

Wer Wolken richtig lesen kann, wird vom Wetter selten überrascht. Dem aufmerksamen Beobachter erzählen sie, in welchem Zustand sich die Atmosphäre befindet – und damit, ob es bald blitzen und regnen wird oder ob ein ruhiger Tag ansteht:

Schlechtwetter

Schlechtwetter im Anzug

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Grundsätzlich kann «Schlechtwetter» auf zwei Arten aufkommen: Entweder der Wind trägt es herbei oder es entsteht direkt vor Ort. Im ersten Fall ist der aufziehende Wetterwechsel meistens besser zu erkennen. Oft handelt es sich dann um Fronten. Sie schicken häufig Vorboten in Form von immer dichter werdenden Cirrostratus-Wolken, die man schon von Weitem in der Höhe heranziehen sieht. Zudem fällt der Luftdruck schon Stunden vor Ankunft der Front deutlich ab. Heimtückischer ist die zweite Variante, wenn die Wolken vor Ort entstehen – das Unwetter zieht nicht gut sichtbar heran, es entsteht direkt über dem eigenen Kopf. Dies ist besonders bei Gewittern der Fall. Doch zum Glück lässt sich die Art des Wetterwechsels meistens rechtzeitig erkennen. Die beste Hilfe ist die Form der Wolken.

Tipp: Flächige oder in die Breite gezogene Wolken sind in der Regel Vorboten eines langsamen Wetterwechsels. In diesem Fall ist die Atmosphäre stabil geschichtet, dichte Wolken mit Regen und Schnee müssen zuerst noch vom Wind herangeführt werden. Viel rascher kann es gehen, wenn die Wolken in die Höhe wachsen – ein deutliches Zeichen, dass Aufwinde vor Ort Wolken entstehen lassen. Je höher und schneller die Wolken emporschiessen, desto rascher droht ein Gewitter.

Quellwolken
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Wolf im Schafspelz

Die Quellwolke (Cumulus) kann zwar harmlose Himmelszierde bleiben, sich aber auch zum unwetterartigen Gewitter entwickeln. Also aufgepasst! Quellwolken entstehen, wenn Schläuche oder Blasen von warmer Luft aufsteigen und dabei abkühlen. Weil die Luft mit abnehmender Temperatur immer weniger gasförmiges Wasser halten kann, kondensiert die Feuchtigkeit zu winzigen Wassertröpfchen – es bilden sich Wolken. Ist die Atmosphäre stabil und verharren die verschiedenen Luftschichten mehr oder weniger in ihrer Höhe, bleiben die Wolken nette Wattebäuschchen, die über Stunden kaum grösser werden. Ist die Atmosphäre instabil, tendiert sie zur Umschichtung, und die Quellwolken können in die Höhe schiessen. Dabei kann innerhalb einer Stunde «aus dem Nichts» das heftigste Gewitter losbrechen.

Tipp: Auf Bergtouren lohnt es sich deshalb, darauf zu achten, wie sich die Quellwolken verhalten. Versäumt man dies und gerät unvermittelt selber in eine Wolke, hat man im dichten Nebel kaum noch eine Möglichkeit, zu beurteilen, ob es sich um eine harmlose oder um eine potenziell gefährliche Quellwolke handelt.

Gewitter

Heimtückische Gewitter

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Gewitter haben die heimtückische Eigenart, dass sie rasch und praktisch ohne Vorwarnung direkt über einem entstehen können. Dazu muss aber die Atmosphäre labil sein. Dann reicht ein kleiner Impuls, um die Dynamik anzuwerfen. Den häufigsten Anstoss gibt die Sonne, indem sie die Berghänge aufheizt. Deshalb steigt die Gewittergefahr in der Regel tagsüber an. Sehr zuverlässige Boten für eine labile Lage sind Türmchenwolken. Wenn sie sich zeigen, dann fast immer am Morgen und oft nur für kurze Zeit. Ist zudem der Druck über Nacht gefallen, ist die Gewittergefahr gross. Oft lösen sich die morgendlichen Wolken aber auf und der Himmel ist vorübergehend fast wolkenlos. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn bald entstehen Quellwolken über den Bergen. Je früher am Tag und je rascher sie in die Höhe wachsen, desto grösser ist die Gewittergefahr. Ausgewachsene Gewitterwolken sind an ihrer Ambossform zu erkennen.

Tipp: Bei einem Gewitter in der Umgebung sollte auf die Windrichtung geachtet werden. Häufig ziehen Gewitter mit dem Wind. Aber darauf ist nur beschränkt Verlass, denn sie können auch quer zum oder sogar gegen den Wind wandern. Bei Gewittergefahr sollten exponierte Orte wie Kämme und Gipfel, herausragende Objekte (Bäume, Felsspitze), aber auch weite Ebenen (Gletscher, Seen) gemieden werden. Idealen Schutz bieten Hütten mit Blitzableiter und Autos, zur Not tun es auch überhängende Felsen. Einigermassen sicher ist man in Wäldern, denn das Risiko ist klein, dass der Blitz ausgerechnet in den Baum einschlägt, unter dem man steht. Gefahr droht hier eher von grossen Ästen, die der Sturm abbrechen kann.

Warmfront

Warmfront: eindeutige Vorwarnung

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Wer in den Regen einer Warmfront kommt, ist selber schuld. Denn Warmfronten kündigen sich frühzeitig an, oft mehr als zwölf Stunden vor den ersten Tropfen. Das liegt an der Art, wie die warme Luft vorankommt. Die warme und leichte Luft der Warmfront gleitet auf die vor ihr liegende Kaltluft auf wie auf eine Rampe. Dabei kühlt sie ab, und ihre Feuchte kondensiert aus. Weil die Aufgleitrampe sehr flach ist, erscheinen die ersten dünnen Wolken weit vor jenen, die den Regen bringen. Mit der Annäherung der Front sinkt die Wolkenuntergrenze ab und die Wolken werden immer dichter. Ein klassischer Ablauf sieht wie folgt aus: Am Himmel erscheinen feine Schleierwolken (Cirren), meist aus Südwest. Wenn die Cirren nicht besonders schnell ziehen und der Druck nicht rasant fällt, liegt eine Tour jetzt noch drin. Einziger Knackpunkt: In grosser Höhe kann es schon stürmisch sein. Mit der Zeit werden die Cirren zu einem milchigen und immer dichteren Schleier.

Tipp: Nach einigen Stunden ist die Sonne nicht mehr zu erkennen, und in den Bergen können erste Tropfen oder Flocken fallen. Bald ist nun der Himmel einheitlich grau und stundenlanger Regen oder Schneefall setzt ein. Die markantesten Warmfronten gibt es im Winter. Dann ist die Luft über dem Kontinent kalt und somit die Temperaturdifferenz zur maritimen Luft der Warmfront besonders gross. Im Sommer sind Warmfronten meist diffuser und weniger wetterwirksam.

Kaltfront

Kaltfront: Gefahr im Sommer

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Kaltfronten ziehen rascher auf als Warmfronten. Oft bleibt das Wetter bis zum Eintreffen der Front freundlich. Nur der fallende Luftdruck ist dann ein klarer Hinweis auf den bevorstehenden Wetterwechsel. Manchmal ziehen als Vorwarnung aber auch Wolken vorbei, etwa Schäfchenwolken. Am heikelsten sind Kaltfronten im Sommer, wenn kühle und schwere Atlantikluft wie eine riesige Flutwelle über den aufgeheizten Kontinent rollt. Sie drückt die vor ihr liegende feuchtwarme Luft in die Höhe, was oft schwere Gewitter auslöst. In solchen Fällen exakte Prognosen abzugeben, ist selbst für erfahrene Meteorologen immer wieder eine grosse Herausforderung.

Tipp: Nicht selten zieht bereits Stunden vor der Kaltfront eine Linie mit heftigen Gewittern über das Land. Die eigentliche Front ist dann vergleichsweise harmlos in den Auswirkungen. Diese Gewitterlinien sind nur schwer vorhersagbar, denn sie führen ein Eigenleben. Bei angekündigten Kaltfronten im Sommer ist also Vorsicht geboten. Wird die Ankunft der Front auf den Abend vorausgesagt, sollte vorsichtshalber bereits ab Mittag mit Gewittern gerechnet werden. Sicher ist sicher.

Höhentiefs

Die Outlaws

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Das Wort Höhentief scheint auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein. Aber der Begriff ist schon richtig. Ein Höhentief ist eine Tiefdruckzone, die nur in den höheren Luftschichten messbar ist. Während bei einem heranziehenden Höhentief der Luftdruck auf dem Matterhorn also fällt, verharrt er gleichzeitig in Sion auf stabilen Werten. Höhentiefs sind Outlaws. Sie haben sich aus der normalen Bahn der Tiefdruckgebiete ausgeklinkt und wandern auf ziemlich unberechenbaren Wegen umher. Präziser ausgedrückt ist ein Höhentief ein mehr oder weniger rundes Stück Kaltluft, das sich um sich selber dreht. Man nennt es deshalb auch Kaltlufttropfen.

Tipp: Vagabundiert ein Kaltlufttropfen in der Nähe der Schweiz herum, ist bei Wetterprognosen Vorsicht geboten: Seine Unberechenbarkeit macht die Vorhersage unsicherer als üblich. Setzt sich ein Höhentief über den Alpen fest, lautet die Prognose meistens ungefähr so: «Unbeständig mit sonnigen Abschnitten, Regen und markanter Temperaturrückgang.»

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