Tourismus in Zeiten von Corona

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In Quarantäne

Das Corona-Virus hat weite Teile der Welt in die Quarantäne gezwungen. Was ist Freizeit ohne Freizügigkeit noch wert? 

Text: Thomas Ebert; Foto: Joel Jasmin / Unsplash

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Kurz vor Druckschluss dieser Ausgabe brachte Covid-19 das öffentliche Leben in Europa zum Stillstand. Während man sich im Netz noch zoffte, wie viele Rollen WC-Papier als Hamsterkauf gelten und ob der Profifussball zur Erhaltung der Menschheit als systemrelevant einzustufen sei, wurden Grenzen abgeriegelt, Notstände ausgerufen, Ausgangssperren verhängt, häusliche Quarantäne angeordnet. Switzerland shut down. Ohne dass ein Höhepunkt der Pandemie abzusehen war, ergab sich – als mit Abstand harmloseste aller Konsequenzen – für Millionen von Menschen eine ganze Menge freie Zeit.

Freizeit ohne Freizügigkeit

Jeder Personalchef kann es bestätigen: Freizeit zählt zu den höchsten Gütern und den härtesten Währungen mitteleuropäischer Leistungsgesellschaften. Und wer den Tourismus als eine unserer liebsten Freizeitbeschäftigungen bezeichnet, liegt wohl auch nicht ganz daneben. Kurztrip hier, Abschalten dort, Auftanken da: Hauptsache raus aus dem Alltag, vor allem räumlich. Glaubt man der Werbung, ist Freizeit ohne ausgebauten Camper fast schon Verschwendung. Es gibt natürlich tausend wichtigere Probleme, die während einer globalen Pandemie zu diskutieren und zu lösen sind. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Was bedeutet es für unsere Freizeit, wenn ihr die Freizügigkeit fehlt? Oder etwas zugespitzter: Wenn Gipfel gemieden werden müssen, um die Kurve abzuflachen – was fehlt uns, wenn wir nicht mehr in die Berge können?

Der französische Kletterer Lionel Terray, Jahrgang 1921, hat die Bergsteiger in einem berühmten Buchtitel die «Eroberer des Unnützen» genannt. Terrays alpinistische Blütezeit wurde vom Zweiten Weltkrieg ausgebremst. Seine erste Wiederholung des Walkerpfeilers im Jahr 1946 war so unnütz wie Knoblauch gegen Covid-19, für Terray aber ein Ausdruck der Dankbarkeit, überhaupt noch am Leben zu sein. Dass seine Metapher von der Eroberung des Unnützen heute nicht mehr in Mode ist, liegt daran, dass das Kriegerische erfreulicherweise aus dem Bergsteiger-Wortschatz verschwunden ist. Niemand «erobert» heute noch Gipfel oder «bezwingt» Routen.

Leider ist auch das Unnütze verschwunden, denn heutiges Bergsteigen dient nicht selten einem Zweck – als Beleg der optimierten Freizeitgestaltung. Zur Verteidigung des Bergbilder-Breis, der gewissenhaft im Netz aufgehäuft wird, schreibt man dann am besten noch «Mit dem Berg-Virus infiziert» in seine Insta-Bio; und in diesen Tagen kann man endlich sehen, wie falsch diese Behauptung wirklich ist. Denn niemand will ja wirklich dauerhaft in den Bergen bleiben, sondern abends wieder das geniessen, was er morgens aufgegeben hat. Dass wir am Berg aus dem Alltag ausbrechen, ist gelinde gesagt ein Märchen: wir pressen den Berg in den Alltag hinein.

Der Berg als Beleg erfolgreichen Zeitmanagements

Wie hoch der Druck der pendelnden Freizeitgesellschaft ist und wie gering die Kompromissbereitschaft, zeigen die Blechlawinen in die Erholungsregionen, nach denen die Einheimischen ihre Uhren stellen können. «Enjoy the moment» ist das Motto, sobald Arbeit und Alltagsstress den Moment endlich zulassen. Enjoyen um jeden Preis, und wenn es sein muss, auf Kosten anderer, denn ab vier Uhr staut es sich wieder. Erinnern wir uns: Bevor Covid-19 grassierte, war das grösste Problem der Berg-Virus-Infizierten, dass eine mangelhafte Bustaktung ihren geplanten After-Tour-Gartenbeiz-Besuch platzen liess. Und dass jetzt einzelne Skigebiete in den Alpen zu internationalen Corona-Drehkreuzen mutieren konnten, während man andernorts bereits empfahl, die Grosseltern wegzusperren, wirft zwar ein Licht auf unser Anspruchsdenken, aber kein gutes.

Tausende Opfer, Rückfall in Nationalstaaterei, wirtschaftliche Rezession – es ist schwer absehbar, wann nach Covid-19 eine Rückkehr zur Normalität möglich sein wird. Aber wenn als eine der Folgen die stillschweigende Gleichsetzung von Freizeit und Freiheit ein Ende hat, wenn Gesundheit und Reisefreiheit nicht als selbstverständlich, sondern als unersetzlich wertgeschätzt werden; wenn Bergsteigen wieder weniger als Zeugnis des persönlichen Freizeitmanagements dient, sondern als (auch wenn das jetzt nach Thomas Mann klingt) Fest des Wohlergehens von Mensch und Natur gefeiert wird – dann wäre das nicht das Schlechteste.

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