Tourenkanus im Überblick

 In Wissen

Welches Boot für welchen Zweck?

Neue Welten hat der Mensch von jeher auf dem Wasserweg erobert. Doch die Einbäume von einst sind heute hochtechnische Sportgeräte, und die Vielfalt an Bootsmodellen ist enorm. Der Outdoor Guide erklärt, welches Kanu zu welchem Kapitän passt.

Text und Fotos: Moritz Becher

Kanu oder Kajak?

Die zehn längsten Flüsse Europas summieren sich auf 17’283 Kilometer. Das entspricht über 140 Mal der Strecke Zürich–Bern – oder dreieinhalb Mal die Distanz zwischen Palermo und Hammerfest. Rund 1500 Seen gibt es in der Schweiz, in Finnland sind es 187’888. Europas Küstenlinie beträgt 98’654 Kilometer. Kurz: Da draussen lockt eine gigantische Spielwiese – und eine ebenso gigantische Auswahl an Spielgeräten. Um Verwirrung zu vermeiden, sei hier kurz erklärt: «Kanu» ist der Oberbegriff für alle Wassersportgeräte, die mit Paddeln in Blickrichtung bewegt werden. Kajaks und Kanadier wiederum sind die beiden Hauptkategorien im Kanusport mit zahlreichen «Untergattungen», von welchen im Folgenden die Rede ist. Ausgeklammert werden Wildwasserkajaks. Sie bieten zwar extrem viel Spass, stellen aber eine eigenständige Bootsgattung mit einem grundverschiedenen Aktionsspektrum dar.

©Moritz Becher

©Moritz Becher

Faszination Kanusport

Lange war der Kanusport losgelöst von all den anderen populären Outdoor-Aktivitäten. «Früher waren Paddler in erster Linie Paddler», sagt Michael Neumann, ehemaliger Chefredakteur des Kanu-Magazins. Dies hat sich geändert. «Heute gehen die Leute an einem Wochenende paddeln, am folgenden einen Klettersteig und im Sommerurlaub fahren sie mit dem Mountainbike über die Alpen», erklärt Neumann. Was die zunehmende Faszination am Kanusport begründet, ist «eine Freiheit, die man sonst nur noch selten im Leben findet», beschreibt Jochen Lettmann, Geschäftsführer der gleichnamigen Kajakschmiede, das Lebensgefühl. Es gibt kaum eine andere Outdoor-Aktivität, bei der man so schnell so weit weg vom Alltag ist – selbst in stark besiedelten Ballungsräumen. Wer zum Beispiel auf der Limmat durch Zürich schlendert, geniesst neoperspektivische Stadtführung und Stadtflucht in einem. Nie ist man auf ausgetretenen Pfaden unterwegs, das Paddeln in freier Natur hat so immer etwas von einer Entdeckerreise. Da die Boote quasi keinen Tiefgang haben, kann man kleinste Wasserläufe und Seenverästelungen erkunden, solange man die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel hat. «Man kommt eben auch dorthin, wo Motor- und Segelboote schon längst kapitulieren mussten», so Lettmann.

Vom Einbaum zum Carbon-Kreuzer

«In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Gewicht einer gesamten Tourenausrüstung halbiert und die Bootspalette verzehnfacht», sagt Michael Neumann. Die Ansprüche der Paddler und die Bereitschaft der Menschen, mehr Geld für ihre Freizeit auszugeben, sind ebenfalls stark angestiegen, weshalb sich das Angebot laufend vergrössert. Modellkategorien und -auswahl werden immer differenzierteren Zielgruppen angepasst. «In Zukunft wird es auch Frauenboote und spezielle Entwicklungen für Senioren geben», sagt Toni Prijon, Inhaber der gleichnamigen Traditionsmarke aus Oberbayern. Auch die Kanulogistik wurde durch spannende Neuentwicklungen im Bootsbau deutlich vereinfacht.

Typfrage – die Qual der Wahl

Welcher Bootstyp es in die heimische Garage oder in den Familienurlaub schafft, ist neben der Nutzen- meist auch eine Philosophiefrage, die nicht selten zur Religionsfrage wird. Die Vielfalt an erhältlichen Kanumodellen hat sich in den vergangenen Jahren zwar extrem diversifiziert, lässt sich aber grundsätzlich in die Kategorien Kajak, Kanadier, Faltboot und Luftboot unterteilen. Innerhalb dieser Kategorien gibt es Hybrid-Varianten und Überscheidungen, was die grundsätzliche Nutzungsmethodik betrifft.

Paddler-Anamnese: Was will ich?

Je genauer man diese Frage für sich beantworten kann und je konkreter die eigenen Vorstellungen sind, desto einfacher wird es sein, den passenden Untersatz zu finden. Um es vorweg zu nehmen: Die vielzitierte eierlegende Wollmilchsau gibt es auch in der Kanuwelt nicht. Bei einem Allround-Boot wird man immer einige Kompromisse eingehen müssen, dafür erhält man aber vielseitigen Spass auf vielen Gewässern als Gegenleistung. Um seinem eigenen Wunschboot näher zu kommen, helfen diese Fragen:

Motivation

Was ist meine Motivation?
Plantschen oder powern? Tagestouren oder Abenteuerauszeit? Liegt mein Fokus vor der Haustür, auf dem Urlaub in ferneren Paddelrevieren oder gar auf der Entdeckung neuer Algenarten vor Papua-Neuguinea? Oder will ich mir den Monatsbeitrag im Fitness-Studio sparen und dafür den Feierabendsport auf die Wasseroberfläche verlegen?

Gewässer

Auf welchen Gewässern will ich fahren?
Rauschende Brandung, breiter Strom, spiegelglatter Bergsee oder lieblicher Wildfluss? Vierwaldstättersee, finnisches Schärenmeer oder Yukon River?

Körperbau

Wie sind meine körperlichen Voraussetzungen und persönlichen Bedürfnisse?
Fängt meine Konfektionsgrösse mit X an und hört mit L auf oder doch eher mit S? Zarte Powerfrau oder Hüne mit endlosen Kraftreserven? Körperlich einwandfrei belastbar oder Stammkunde bei der Wirbelsäulengymnastik? Ausrüstungsminimalist oder Komfortfreund?

Lebenssituation

Wie ist meine persönliche Lebenssituation?
Unterwegs mit Kind und Kegel oder solo um Sylt? Lieber allein im Cockpit oder mit Partner? Ist mein Zuhause eine Downtown-Dachgeschosswohnung oder ein Eigenheim mit reichlich Stauraum in der Garage?

 

Budget

Und nicht zuletzt: Was darf mich der Paddelspass kosten?
Wieviel kann und will ich für mein (neues) Hobby ausgeben?

Gerade die Frage nach dem vermeintlich hohen Anschaffungspreis gilt es zu relativieren. Ein Kanu kann ein Begleiter auf Lebenszeit sein. Bei richtiger Lagerung und Pflege sind die Halbwertszeiten heutiger Bootsmodelle denen einer Ski-, Wander- oder Kletterausrüstung deutlich überlegen. Wenn man den Anschaffungspreis eines Kanus – im Vergleich zu einer kompletten Skiausrüstung – auf die Nutzungsdauer und Einsatztage über die lange Lebensdauer runterrechnet, verliert das Investment schnell seinen Schrecken. Zumal die Robustheit der Boote gerade für Einsteiger den Occasionmarkt sehr attraktiv macht. In einschlägigen Foren und bei vielen Händlern werden sehr gut erhaltene Secondhand-Kanus zu attraktiven Preisen angeboten. Auch bieten viele Hersteller mittlerweile spezielle Einstiegsmodelle mit reduzierter Ausstattung zu einem niedrigeren Preis an.

Kajak

Festrumpf-Tourenkajak mit Doppelpaddel

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Modell: Prijon Touryak

Kajaks kommen ursprünglich von den Inuit, die diese Bootsform – ein Gerüst aus Knochen und Holz bespannt mit Tierhäuten – für die Jagd einsetzten. Sie werden mit einem Doppelpaddel bewegt und stellen die vielfältigste aller Kategorien für alle Arten von Gewässern dar. Im Gegensatz zum Kanadier sitzt man im Kajak quasi etwas unterhalb der Wasseroberfläche, was dem Paddler eine einzigartige Perspektive ermöglicht. Bessere Tourenkajaks verfügen neben einem komfortablen, Langstrecken-tauglichen Schalensitz über zwei abgeschottete Stauräume, die über wasserdichte Ladeluken erreichbar sind. Zusätzlich zu ihrer Funktion als Gepäckabteile sind sie von enormer sicherheitsrelevanter Bedeutung, da die eingeschlossenen Lufträume ein Sinken des Kajaks im Falle einer Kenterung nahezu unmöglich machen. Die Ausstattung reicht von Gepäcknetzen, einer zusätzlichen Tagesluke als «Handschuhfach», Rundumleinen bis hin zu per Seilzug klappbaren Steueranlagen. Der Einstieg in ein Kajak verlangt etwas Gelenkigkeit, da man in eine feste Sitzluke hineinschlüpfen muss. Geht es auf dem Wasser etwas rauer zu, schliesst man die Sitzluke mit einer Spritzdecke, die der Paddler beim Einstieg wie ein Kleidchen überzieht und die das Eindringen von Wasser in den «Fahrgastraum» verhindert. Kajaks sind als Ein-, Zwei- und sogar Drei-Personen-Boote erhältlich.

Kanadier

Offener Kanadier mit Stechpaddel

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Modell: Gatz Mohawk 470

Die Kanadier-Boote wurden von den Indianern Nordamerikas «übernommen». Dank ihrer offenen Bauweise und ihrem grossen Volumen gelten sie als wahre Packesel. Deshalb sind sie oft erste Wahl für längere Touren mit viel Gepäck und Ausrüstung in der Wildnis oder als Familienboote mit der gesamten häuslichen Mannschaft. 300 Kilogramm Zuladung vertragen die meisten Zweier-Kanadier locker, Familien-Modelle gut und gerne 400 Kilogramm und mehr. Beschleunigt und gesteuert werden sie kniend oder sitzend per Stechpaddel. In den meisten Fällen werden Kanadier von mindestens zwei Personen «angetrieben». Der Ein-Mann-Betrieb verlangt etwas Erfahrung, ist aber mit den meisten kleineren Booten auch problemlos möglich, wenn der Paddler seinen Sitz in Richtung Bootsmitte verlagert. Kanadier eignen sich auf Grund ihrer Pack- und Personenkapazitäten sehr gut für lange und kurze Ausflüge auf Flüssen und Seen aller Art. Für Touren auf dem Meer sind sie dagegen nur sehr bedingt geeignet.

Faltboot

Reiseboote – für eine komfortable Logistik 

Nortik Argo

Modell: Nortik Argo


Modell: Ally Adventure 16

Modell: Ally Adventure 16

Eingefleischte Faltboot-Fans schätzen die räumliche Flexibilität ihrer «Reisepartner» und belächeln die Logistik- und «Wie-bekomme-ich-mein-Tourenkajak-nach-Kanada-Probleme» von Hartrumpf-Bootsbesitzern. In aufgebauter Form und Funktion sind sie je nach Modell den schon beschriebenen Bootstypen ähnlich – und es ist keine Frage: Faltboote eröffnen Fernreisenden, Kleinwagenfahrern und Stadtwohnungsbesitzern Möglichkeiten, die mit Hartrumpf-Booten nur schwer realisierbar sind. Viele Airlines befördern Faltboote als normales Sportgepäck, in einem Kombi können zwei Boote spielend im Kofferraum mitreisen und selbst in einer kleinen Studentenbude passen sie auf den Kleiderschrank oder ins verwinkelte Kellerabteil. In punkto Performance und Robustheit können es qualitativ hochwertige Faltboote auf jeden Fall mit ihren hartschaligen Kollegen aufnehmen. Die räumlich grössere Flexibilität bedingt im Gegenzug allerdings etwas mehr Zeitaufwand, da die Boote am Ein- und Ausstieg (oder zuhause) auf- und abgebaut werden müssen, was aber mit etwas Übung und Routine unter 30 Minuten bleibt. Zudem sollte man Faltboote gut trocknen und säubern, bevor man sie wieder einlagert, um Schimmel und Stockflecken zu vermeiden. Die grössere Auswahl dieses Bootstyps findet man in der Kajakform, aber auch die Anzahl an erhältlichen Faltkanadiern steigt permanent.

Luftboot

Luftboote – sehr kippstabil und unkompliziert

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Modell: Grabner Outside


nortik trekraft ohne verdeck oben

Modell: Nortik TrekRaft

Luftboote sind perfekte Begleiter bei Touren auf wechselhaften Flüssen, da sie die Eigenschaften eines Rafting-Bootes mit denen eines Wanderkanus kombinieren. Hochwertige Vertreter dieses Bootstyps schmiegen sich an das Strömungsverhalten des Gewässers an und bieten dennoch ausreichend Steifigkeit, um akzentuiert manövrieren zu können. Auf Abschnitten mit Stromschnellen verzeihen sie schneller einen Fahrfehler und sind durch den flachen, breiten Rumpf nur sehr schwer zum Kentern zu bringen. Auf ruhigeren Abschnitten gleiten sie mit Paddelunterstützung mühelos im Strom. Nicht umsonst sind sie auf zahlreichen Abenteuerurlaubsfotos vom Colorado bis zum Yukon River vertreten. Ihre Reisetauglichkeit ist enorm, die Auf- und Abbauzeiten sind dank der Rückschlagventile absolut homöopathisch und das Material ist sehr robust und verzeihend. Allerdings verschlingen die breiten Luftschläuche ordentlich Ladekapazität, sodass der Aufbau bei grösserem Reisegepäck meist in die Höhe wächst, was sie zusammen mit dem immanenten Aufschwimmcharakter sehr windanfällig macht. Hohe Paddelgeschwindigkeiten auf nichtfliessenden Gewässern und ein dafür notwendiger konsequenter Geradeauslauf gehören nicht zu ihren Stärken. Entsprechend sind sie für Fahrten auf dem Meer und grösseren Seen kaum geeignet, auf schnellen Wildflüssen dagegen eine sehr gute Wahl. Eine Sonderform der Luftboote sind sogenannte Packrafts, wie z. B. von der Firma Nortik. Das sind erstaunlich robuste Mini-Rafts, die mit dem Gewicht (ca. 3 kg) und dem Packmass eines Zwei-Personen-Zelts locker in einen Trekking-Rucksack passen. Der Spassfaktor ist enorm, selbst etwas ruppigeres Wildwasser und Felsberührungen stecken die Rucksack-Rafts gut weg – und man kann sehr bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuss zum Einstieg gelangen.

Probieren geht über studieren

Beim Bootskauf gilt wie beim Autokauf: Probefahren. Viele Händler bieten Testmöglichkeiten ihrer Produkte an. Man kann sich entweder ein Boot gegen ein schlankes Entgelt ausleihen, wobei die Gebühr meist bei einem anschliessenden Kauf verrechnet wird, oder an einem der zahlreichen Test-Events teilnehmen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Es kostet nix, man kann nach Herzenslust verschiedene Modelle testen und sich vor Ort mit anderen Paddlern austauschen. «Testveranstaltungen sind die beste Gelegenheit, um die grossen Unterschiede bei den Produkten selbst zu merken und die Spreu vom Weizen trennen zu können», bestätigt Wolfgang Grabner vom gleichnamigen Luftboot-Spezialisten. Und schlussendlich entscheidet auch das eigene «Popometer» über die Wahl der Waffe.

Links und Infos

Wichtige Links mit Hinweisen und Informationen zum Thema Kanusport allgemein, Ausbildung und Tourenplanung:

  • Kanuverband Schweiz SwissCanoe, www.swisscanoe.ch
  • Deutscher Kanuverband DKV, www.kanu.de
  • Interessante Tourenplanungshilfe für die Schweiz, die ihren Fokus allerdings auf Wildwasserfahrten setzt: RiverMap, www.rivermap.ch

Kurse und Testmöglichkeiten: Siesta Oppi GmbH, www.siestaoppi.ch

Knowhow Kanu Kajak
Rogen Naturreservat, Jämtland, Schweden. ©Moritz Becher

Kanukonstruktion – so wirkt sich die Bauart aus

Kanukonstruktionen und Strömungslehre füllen ganze Lehrbücher. Etwas Grundwissen hilft aber bereits, um das Verhalten des Bootes mit den eigenen Bedürfnissen abzugleichen. Wichtig dabei: eine ehrliche und realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Man macht sich selbst keine Freude, wenn das vielleicht schneidigere Boot gekauft wird, welches sich dann aber als bockiges Rodeopferd erweist, das seinen Reiter des Öfteren abwirft und deshalb fortan ein trauriges und einsames Dasein im «Stall» fristet.

Knowhow Kanu Kajak
©Moritz Becher
Unterboden

Kippstabilität
Besonders für Einsteiger ist die Kippstabilität eines Kanus, also die Drehung um die Längsachse, eines der entscheidenden Kriterien. Anfangs- oder Grundstabilität und Endstabilität des Bootes sollten gutmütig sein. Gemeint ist eine sichere Wasserlage des Kanus beim «Betreten», im Wasser treibend sowie bei voller Fahrt. Gesteuert wird das Kippverhalten eines Bootes über die entsprechende Konstruktion des Unterbodens, die sogenannte Spantenform. Sie wird in U-, Knick-, V- und Rundspant gemäss der Ansicht im Querschnitt unterschieden. In obiger Reihenfolge nimmt die Grundstabilität des Bootes ab. Sprich: Durch einen breiteren, U-förmigen Rumpf und einen eher flachen Unterboden verfügt das Boot über eine höhere Stabilität. Das wiederum kostet Geschwindigkeit und Wendigkeit – und erhöht zudem das Gewicht. Wer es bewusst agil möchte, entscheidet sich für einen schmaleren Rumpf und eine etwas rundere oder gekantete Spantenform. Da ein durchgehender Rundspant für Hobby-Paddler nur sehr schwer fahrbar ist, ein ausgezeichnetes Balancegefühl im Hüftgelenk verlangt und primär im Wettkampfbereich zum Einsatz kommt, greifen die meisten Kanuhersteller bei der Konstruktion vieler ihrer Wanderboote auf den Knickspant zurück. Im Querschnitt gleicht dieser je nach Ausprägung einem hälftigen Stopp-Strassenverkehrsschild. Die Anordnung der Knicke verändert sich über die gesamte Bootslänge und steuert die Fahreigenschaften in punkto Wendigkeit, Anfangs- und Endstabilität. So sind selbst lange Seekajaks durch Aufkanten – dem seitlichen auf die Kante legen – etwas wendiger, haben noch bei erhöhtem Wellengang eine relativ sichere Wasserlage und sind trotzdem ziemlich flott im Vorwärtsdrang.

Kielsprung

Banane oder Lineal
Ein zweites entscheidendes Kriterium für das Bootsverhalten ist der Kielsprung, also die vertikale Krümmung des Bootes in der Längsachse. Je flacher diese ist, desto besser ist der Geradeauslauf, je stärker desto drehfreudiger ist das Kanu in der Hochachse – ähnlich einem Rocker-Ski. Bei Fahrten auf ruhigeren oder nichtfliessenden Gewässern (Seen, breite Flüsse, Meer) ist ein guter Geradeauslauf wichtig, um die Paddelkraft ausschliesslich für den Vortrieb einsetzen zu können, ohne Energie für Ausgleichs- und Korrekturschläge zu verschwenden. Sonst «schwanzelt» das Boot bei jedem Paddelschlag, was Zeit, Kraft und Nerven kostet. Auf kleineren und schnellfliessenden Gewässern (z.B. Wildflüssen) ist die Wendigkeit und gute Reaktionsfähigkeit eines Kanus entscheidend, um Hindernissen schnell ausweichen zu können. Diese Boote tendieren eher zu einer «Bananenform», verfügen also entsprechend über einen stärker ausgeprägten Kielsprung.

Länge

Länge läuft
Schlussendlich ist bei der Wahl der richtigen Bootsform auch die Länge des Gefährts entscheidend. Der Ausspruch «Länge läuft» trifft weitgehend zu – natürlich nur in Kombination mit den oben beschriebenen Konstruktionskriterien und einem brauchbaren Längen-Breiten-Verhältnis. Seekajaks beispielsweise knacken nicht selten die 5-Meter-Marke – bei einer Breite von 60 Zentimetern und deutlich weniger. Mit zunehmender Bootslänge steigt auch das Packvolumen, was bei Mehrtagestouren ein massgeblicher Faktor ist. Doch Vorsicht: Wer beim Kanukauf zu viel Wert auf grösstmöglichen Stauraum legt, aber nur selten tatsächlich auf grosse Fahrt geht, tut sich auf alltäglichen «Leerfahrten» keinen Gefallen. Ist die Wasserlinie zu tief am Rumpf, schwimmt das Kanu stärker auf, was den Geradeauslauf und die Steuerungsmanöver beeinträchtigt. Zudem ist es windanfälliger, was gerade auf grösseren Seen und Tagesausflügen in Küstengewässern ständige Kurskorrekturen nötig macht.

Knowhow Kanu Kajak
Tromsö, Norwegen. ©Moritz Becher

Baustoffkunde

Die für die Herstellung von Kanus verwendeten Materialien verleihen den Booten individuelle Eigenschaften in punkto Robustheit, Gewicht, Gleit- und Verwindungsverhalten. Wie bei der Entscheidung für einen Bootstyp ist auch bei der Materialwahl der Einsatzzweck ausschlaggebend.

Kajaks werden hauptsächlich aus den Werkstoffen Polyethylen (PE), Glasfaser (GFK), Carbon-Aramid (CA) und Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) hergestellt. Am weitesten verbreitet sind PE-Boote aufgrund ihrer hohen Robustheit und dem etwas günstigeren Preis, allerdings sind sie auch schwerer. GFK-Boote sind preislich auf ähnlichem Niveau, etwas leichter, aber auch deutlich empfindlicher bei Schlägen und Grundberührungen. Kajaks aus Carbon-Aramid, erkennbar an den schwarz-gelb gemaserten Unterschalen, vereinen die hohe Schlag- und Bruchfestigkeit von Kevlar (Aramid) mit der extremen Zugfestigkeit und Steife von Carbon bei erheblicher Gewichtsreduktion. Allerdings erleichtern sie auch das Portemonnaie spürbarer. Ein attraktiver Kompromiss ist ABS. Dieser Baustoff, aus dem z.B. auch besonders hochwertige Kfz-Stossstangen gefertigt werden,  ist leichter als PE und zugleich robuster als GFK und sogar CA – und trotzdem preislich attraktiv. Grundsätzlich gilt: Wenn häufige Grundberührungen keine Seltenheit sind oder unbesorgt mit der rauschenden Brandung auf dem Kiesstrand angelandet werden soll, sollte die Tendenz eher in Richtung PE-Boot gehen. Wenn Sorgfalt gross geschrieben wird und das Boot auch von weniger kräftigen Personen alleine hantiert werden soll, wäre eine der anderen Materialien interessant.

Beim Bau von Kanadiern kommen ebenfalls primär die Stoffe PE, GFK, Carbon-Kevlar oder ABS-Derivate (z.B. Royalex) zum Einsatz, meistens in Form einer Sandwich-Konstruktion. Dabei werden zwischen die Baustofflagen geschlossenzellige Schaummatten eingearbeitet, die den Auftrieb erhöhen. Zum Teil sind in Bug und Heck zusätzliche Auftriebskörper fest verbaut, die ein Sinken des Bootes im Falle einer Kenterung verhindern.

Falt- und Luftboote werden häufig mit dem Vorurteil einer mangelnden Robustheit konfrontiert. Zu Unrecht. Hochwertige Modelle bestehen aus absolut reissfesten Nylon- oder Polyestergeweben, sind mehrfach Hypalon-, PU- oder PVC-beschichtet oder umfangreich mit heissvulkanisiertem Kautschuk verstärkt. Und sollte tatsächlich einmal die Bootshaut beschädigt werden, lassen sich diese Bootstypen mit den im Lieferumfang enthaltenen Reparatursets unterwegs gut flicken – im Gegensatz zu den Hartrumpf-Kollegen. Luftboote verfügen in der Regel zudem über ein Mehrkammersystem, welches einen gänzlichen Luftverlust sicher verhindert.

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