REPORTAGE: Trekking in Namibia

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Durch die Wüste

Trekking Namibia: zu Fuss durch die älteste Wüste der Erde

31’000 Quadratkilometer misst das Sandmeer der Namib. Sie zu durchqueren, gehört zu den ganz grossen Trekking-Abenteuern. Über die höchsten Dünen der Welt geht es bis zur gewaltigen Brandung des Atlantiks. Eine Reise, die Demut lehrt – und den Horizont im wahrsten Sinne erweitert.

Text & Fotos: Moritz Becher

 

Dann ist er plötzlich da. Der Moment, in dem du seit weiss Gott wie vielen Wochen, Monaten oder Jahren zum ersten Mal an nichts denkst und dir nichts bewusst machst. «Ort, wo nichtsist» heisst Namib übersetzt. Was nach Trostlosigkeit tönt, ist aber alles andere als das. Denn die Namib ist überwältigend. In jeder Hinsicht.

«Dieses Reiseabenteuer ist so einmalig schön, das musst du einfach machen». Jerome Blössers Begeisterung für die Namib war sogar durchs Telefon ansteckend. Er ist nicht nur ein guter Freund, sondern wandert quasi schon sein ganzes Leben durch die Wüsten der Erde. Irgendwann hat er sein Hobby zum Beruf gemacht – und seine Guides dürfen mittlerweile als einige von ganz wenigen die Namib-Wüste mit Gästen durchqueren. Neun Monate nach seinem Anruf jagen wir in einem Kleinbus über Schotterpisten von Windhoek in Richtung Rotstock-Berge. Am Steuer sitzt unser einheimischer Guide Nico, und natürlich ist er es, der routiniert im vorbeifliegenden gelbgrünbraunen Buschland immer wieder deren Bewohner als Erster entdeckt. Kudus, Springböcke, Warzenschweine. Tiere, die man sonst nur aus dem Zoo oder Fernsehen kennt. Je näher wir unserem ersten Ziel kommen, desto karger wird die Vegetation. Dann tauchen sie am Horizont auf: die Rotstock-Berge. Die Spätnachmittagssonne lässt die Gesteinsformationen wie glühende Briketts leuchten. Während der Kolonialzeit wurde das Massiv wegen seines roten Gneises so getauft. Bevor wir in die Namib aufbrechen und jegliche Zivilisation hinter uns lassen, ist dies eine wunderbare Region, um sich zu akklimatisieren und einzulaufen – und auch ein bisschen südwestafrikanisches Lodge-Leben zu geniessen. Jetzt, Anfang Juni, im trockenen namibischen Frühwinter, sind die Tagestemperaturen mit 25 bis 30 Grad erträglich, nachts fällt das Thermometer auf einstellige Zahlen, bisweilen sogar um den Gefrierpunkt.

Die Wüste lebt

Bei unseren Tagesausflügen begegnen wir Oryx-­Antilopen, dem Wappentier Namibias, und Hartmann-Bergzebras, die friedlich durch die graugrüne Wüstensteppe ziehen. Nico ist ein wandelndes Naturlexikon. Auf den Wanderungen erklärt er die Überlebenstaktiken der Buschmann-Jäger, die zum Teil tagelang keinen Zugang zu Wasser hatten. Sie bedienten sich zum Beispiel bei Hoodia-Pflanzen, einer stacheligen Sukkulenten-Art, die Wasser speichert, aber schrecklich bitter schmeckt. Nicht zu verwechseln mit der Euphorbia virosa – der Namibischen Giftwolfsmilch –, deren weissen Saft die Buschmänner auf ihre Pfeilspitzen schmierten, um ihre Beute selbst mit banalen Treffern dahinzuraffen. Auch darum ranken sich Geschichten von weissen Kolonialisten, die der Wirkung der Euphorbia aus Unwissenheit zum Opfer fielen. Was die vermeintlich karge Natur ihren Besuchern offeriert, ist Biologieunterricht «live». Scheue Kobras und Sandvipern machen sich meist unter Felsplatten rar, noch bevor alle aus der Trekking-Truppe ihre geschmeidigen Körper betrachten können. Martialisch anmutende und doch völlig harmlose Ground Crickets – gepanzerte Langfühlerschrecken – schreiben mit ihren staksigen Beinen unzählige Geschichten in den rot leuchtenden Sand. Über ihnen hängen die bis zu 200 Kilogramm schweren Nester von Siedler-Webervögeln in den Bäumen. Bis zu 100 Brutpaare der kleinen afrikanischen Sperlinge nutzen geschäftig die zahlreichen Höhleneingänge. Doch so schön es rund um die Rotstock-Berge auch ist, das eigentliche Abenteuer, die Durchquerung der Namib, lockt immer stärker und die Gruppe fiebert dem Start entgegen.

«Dieses Reiseabenteuer ist so einmalig schön, das musst du einfach machen».

Big Daddy is calling

Mehrere Hundert Meter lang sind die Staubfahnen der Allradfahrzeuge auf dem Weg in den Namib-Naukluft-Park, dem mit 50’000 Quadratkilometern grössten Nationalpark Afrikas. Um 7 Uhr morgens setzt im Juni in Namibia die Dämmerung ein, und genau um diese Uhrzeit erst öffnen die Tore des Parks. Schlangen von grossen und kleinen Bussen, zahllosen Allrad-Fahrzeugen und Mietwagen haben sich dann bereits aufgereiht. Denn das Morgenlicht taucht die Dünenlandschaft in eine einzigartige Farbstimmung, die niemand verpassen will. 60 Kilometer weit führt die asphaltierte Strasse vom Parkeingang bis zum Ende bei Sossusvlei. Zu beiden Seiten erheben sich nach und nach monströse, rot leuchtende Sanddünen mit markanten Schattenwürfen in der Morgensonne. «Freut euch auf Big Daddy», ruft uns Nico zu, «dagegen sind das hier kleine Hügel.» Eine Stunde und einen Offroad-Ritt über schlupfrige Sandwege später sehen wir, was unser Guide angedeutet hat. Wie ein Mount Everest türmt sich die nach namibischen Angaben grösste Düne der Welt vor ihren Besuchern auf – gut 350 Meter hoch. Am Fusse liegt eines der meistfotografierten Motive Südwestafrikas: das Dead Vlei. Die ausgetrocknete Salz-Ton-Pfanne mit ihren toten, schwarz leuchtenden Kameldornbäumen wirkt wie ein Fussballfeld mit Mannschaftsaufstellung in einem riesigen Stadion aus rostroten Dünenbergen. Darüber der tiefblaue Morgenhimmel. Ein Farbenspiel, das seinesgleichen sucht. «So, da müssen wir nun hoch», sagt Nico und zeigt Richtung Gipfel von Big Daddy. Der Sand ist so weich und feinkörnig, dass jeder Schritt nach oben automatisch um mindestens die Hälfte wieder abrutscht. So werden die «paar» Höhenmeter bis zum Dünengrat zu einer kräftezehrenden Kletterpartie. Oben angekommen verlangt der Körper nach Flüssigkeit und Sauerstoff. Obwohl wir nur mit Tagesrucksäcken unterwegs sind. Okay, zugegeben: «By fair means» werden wir die Namib-Durchquerung nicht bewältigen. Wir geniessen den Luxus, dass alles, was wir tagsüber nicht benötigen, sowie die Nahrungs- und Wasservorräte für eine Woche von einem Begleittrupp motorisierter Wüstenprofis in ihren Allrad-Pick-ups transportiert wird. Was sich nach fauler Ausrede anhört, ist für uns buchstäblich lebensnotwendig. Denn zwischen uns und Walvis Bay, der nächsten Siedlung am Atlantik, liegt nur Sand.

«Geen probleem»,
so viel Afrikaans haben wir schon gelernt.

Durch den Sand ans Meer

Nur die wenigsten Touristen machen sich die Mühe, Big Daddy auch tatsächlich zu besteigen. Ihr Pech, denn oben angekommen ist der Rundumblick überwältigend. So weit das Auge reicht schlängeln sich Dünen in verschiedenen Farbnuancen kunstvoll durch die endlose Landschaft. Dort, wo alle anderen umkehren, beginnt unser Abenteuer. Gut 70 Kilometer Trekking durch die Sandwüste liegen vor uns. Sie werden wir bis zum Meer durchqueren, dann weiter nordwärts bis zur Lagune Sandwich Harbour.

So mühsam der Aufstieg war, so herrlich ist die «Abfahrt». Mittendrin bleibt Nico abrupt stehen, greift blitzschnell mit beiden Händen in den Sand und lässt ihn dann vorsichtig durch seine Finger entweichen. Zum Vorschein kommt eine kleine grüngelblich schimmernde Düneneidechse. Ihre Schnauze ist flach und leicht gekrümmt. Das in der Namib endemische, zierliche Reptil gräbt sich bei Gefahr mit seinem Maul blitzschnell in den Sand ein, ein Paradebeispiel der Evolution.

Am Horizont leuchtet ein grauweisser Gebirgszug. «Das ist der Witberg, unser Tagesziel», erklärt Nico. «Bitte bleibt immer so weit zusammen, dass ich den Ersten und den Letzten von euch sehen kann». Ein Muss, denn verschwindet jemand hinter einer Düne und kommt nur ein paar Grat vom Kurs ab, kann es für ihn schnell gefährlich werden. Der meist beständige Wind verweht die Spuren der Mitwanderer und die eigenen schnell. In der Ebene und auf den windzugewandten Seiten der Dünen ist das Wandern ein Genuss. Der Untergrund ist fest, die Füssesinken nur minimal ein. Geht es allerdings auf der weichen, windabgewandten Seite hoch, ist das Konditions- und Muskeltraining vom Feinsten. Doch der Ausblick belohnt jede Anstrengung: Der Blick schweift über diesen Ozean aus Sand bei stürmischer See, zum Stillstand erstarrt. Undzugleich wie in einem Kunstwerk, wo der Fantasie ob der Bedeutung der geschwungenen Skulpturen keine Grenzen gesetzt sind. Dort ein schlafender, sechsbeiniger Drache, da eine riesige Kobra, die sich Richtung Horizont schlängelt.

Schlafen im 5-Millionen-Sterne-Hotel

«Vergesst das Trinken bitte nicht», ermahnt Nico. Fünf bis sechs Liter Wasser muss jeder pro Tag mitnehmen. Die Temperaturen, dazu die Bewe­gung und der trockene Wind, das alles entzieht dem Körper fast unbemerkt Unmengen an Flüssigkeit. Auf einem Dünengrat zieht unser Guide das Satellitentelefon aus dem Rucksack. «Noch 1,5 Stunden, dann haben wir das Camp erreicht.» Langsam senkt sich die Sonne, ihr Licht verändert sich von gleissend zu warm. Die Farben werden intensiver, der Beginn der «Golden Hour». Zeit fürs Camp – aber wo sind die Pick-ups? «Paul, Paul, bitte kommen», haucht Nico ins Funkgerät. Knacken, dann eine knarzende Antwort in fremder Sprache. Auch wenn heute Englisch die offizielle Amtssprache Namibias ist, wird im Alltag von nahezu allen Afrikaans gesprochen. Eine Stunde später tauchen die vier Geländewagen aus den Dünen auf. «Sorry, wir hatten einen Plattfuss und haben uns zwei Mal festgefahren», erklärt Paul, der Anführer des Pick-up-Teams, entschuldigend. «Geen probleem», so viel Afrikaans haben wir schon gelernt.

Im Nu steht das Camp, eine Wagenburg mit grosser Stoffbahn als Wind- und Sandblocker, dazu kleine Schlafzelte und in der Mitte ein züngelndes Lagerfeuer. Brennholz gibt es in der Namib keines, das fünfköpfige Team hat aber alles dabei, eine logistische Meisterleistung. Apropos: Verköstigt werden wir nicht mit Tütenfutter und Wasser, sondern mit dem kulinarischen Angebot eines hochklassigen Hotels. Im Kochzelt wird emsig gewerkelt, und während wir die müden Glieder bei Kaltgetränken am Lagerfeuer ausstrecken, brutzelt auf selbigem herrlich duftendes Grillgut von Rind, Antilope, Fisch und Strauss. «Braai» – die namibische Version von BBQ – wird uns so gut wie jeden Abend serviert. Was gibt es Schöneres, als mitten in der Wüste am offenen Feuer bekocht zu werden? Als Nachtlager dienen «Bedrolls», aufgerollte dicke Schaumstoffmatratzen mit richtiger Bettdecke und Kissen, umhüllt von einem wetterfesten Bezug. Ein echtes Himmelbett. «Wenn der Wind nicht aus Westen kommt und Feuchtigkeit bringt, könnt ihr auch direkt im Freien schlafen»,schlägt Nico vor. Dazu braucht es keine Überredung, denn der Nachthimmel über der Namib ist wie ein Blick ins Astronomie-Buch. Weder Luft- noch Lichtverschmutzung beeinträchtigen die Sicht auf die Gestirne der südlichen Hemisphäre. Milch­strasse, Kreuz des Südens, Skorpion, Magellansche Wolken – so klar hat sie noch kaum einer aus der Gruppe je gesehen. Sternschnuppenziehen lange Schweife hinter sich her, ein geheimer Wunsch folgt dem nächsten. Stundenlang könnte ich diesem Spektakel zusehen, und doch fallen schon nach kurzer Zeit erschöpft die Augen zu. «Lekker slaap», höre ich noch aus den Zelten von Pauls Team. In der Tat: Gute Nacht!

Spuren des Lebens, Spuren des Sterbens

Von der ersten Morgendämmerung bis zum Sonnenaufgang ist es nur ein gefühlter Wimpernschlag. Aufstehen, Frühstück, Lunch-Paket schmieren, Wasser abfüllen, packen. Los geht’s! Die frühen Morgenstunden sind doppelt wertvoll: traumhaftes Fotolicht und angenehme Wandertemperaturen. Schon ab 10 Uhr ist der Sonnenstand zu hoch, und das Thermometer steigt über die 25-Grad-Marke. Nico erklärt uns Tierspuren, kann sogar das ungefähre Alter bestimmen. Zwei Oryx-Antilopen, wegen ihrer speerartigen, bis 1,5 Meter langen Hörner auch Spiessböcke genannt,sind erst kurz vor uns hier gelaufen. Sie sind die wahren Überlebenskünstler der Wüste. Ihren Flüssigkeitsbedarf können sie über Monate nur aus der Nahrung beziehen, Körpertemperaturen von über 40 Grad machen ihnen nichts aus. Doch gelegentlich tauchen im Sand auch die Überreste derjenigen auf, von denen die Trockenheit, das Alter oder die Hyänen ihren Tribut verlangt haben. Leuchtend weiss heben sich die Skelette gegen den gelbbraunen Sand ab.

«Lust auf eine warme Dusche?», fragt Paul grinsend, als wir in Camp 2 ankommen. Ein Scherz, bin ich mir sicher. Obwohl das Verlangen danach enorm ist. Der Wind, so angenehm er für die Kühlung ist, platziert Sandkörner in jedem, wirklich jedem Winkel des Körpers. Dazu der Schweiss und die Sonnencreme … «Kein Scherz», sagt Paul und scheint meine Gedanken lesen zu können. Hinter den Jeeps steht ein quadratisches, mannshohes Zelt. «Unser Duschzelt», sagt er triumphierend. «Jeder von euch hat einen Eimer warmes Wasser zur Verfügung.» Frisch geduscht, mitten in der Namib, mit einem eiskalten Bier in der Hand am Lagerfeuer zu sitzen, in die Flammen zu schauen und den Wüsten-Geschichten von Pauls Jungs zu lauschen, das ist fast zu gut, um wahr zu sein.

Gefährliche Brandung

Am Morgen des vierten Wüstentags hält Nico plötzlich inne. «Hört ihr das?» Stille, ein bisschen Wind. Doch, ja, ganz entfernt, ein dunkles Grollen. «Die Brandung des Atlantiks», verkündet unser Guide euphorisch. «Heute Abend sitzen wir am Meer und essen frischen Fisch.» Sehen können wir die Küste noch nicht, aber die Vorstellung wirkt wie eine Express-Ladung der Batterien. Heute Abend also werden wir die älteste Wüste der Welt, circa 80 Millionen Jahre hat sie bereits auf dem Buckel, von Ost nach West durchquert haben. Ihre Ausmasse sind gigantisch: Von Norden nach Süden erstreckt sie sich auf einer Länge von 2000 Kilometern, bis zu 160 Kilometer ragt sie ins Landesinnere, 95’000 Quadratkilometer Fläche. 31’000 davon sind als «Namib-Dünenmeer» 2013 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt worden. Wenn man sich den Spass macht und sich vorstellt, dass allein in einem (!) Kubikmeter Wüstensand mehrere Hundert Milliarden Sandkörner stecken … dann wird einem bewusst, was für ein erdzeitgeschichtlicher Furz wir Menschen doch sind.

Das Wummern der Brandung wird mit jedem Kilometer lauter. Dann sehen wir die Küste zum ersten Mal, milchig eingehüllt in Nebelschwaden. Magere Vegetation macht sich breit. Der graue Sandboden zwischen den kniehohen, störrischen Büschen ist übersät mit Schakal- und Oryx-Spuren. Ob die Allrad-Crew das Lager wohl schon aufgebaut hat? Doch Paul ist wie immer für eine Überraschung gut. Im Nebel tauchen kleine Gebäude und zahlreiche rechteckige Zelte auf. «Willkommen in meinem Fisch-Camp», begrüsst er uns herzlich. Errichtet wurde es primär für Angeltouristen, die sich vom Ufer aus von den reichhaltigen Fischgründen des kalten Benguelastroms bedienen. Ich kann nicht widerstehen – nach der Durchquerung der Namib muss ich einfach in die Brandung springen. «Bitte geh auf keinen Fall alleine ins Wasser und maximal bis zur Hüfte. Du bist zwar gross und stark, aber die Strömung ist stärker», warnt mich Nico. Er untertreibt nicht. Das Wasser ist – die Antarktis lässt grüssen – nicht nur eiskalt, es zerrt auch mit unglaublicher Kraft an meinem Rumpf wie ein wütender Ringkämpfer. Dennoch: Die Erfrischung und das Erlebnis sind jede Gänsehautbeule wert.

Namib-Nebel und Diamantenrausch

Die Magie der Namib zeigt sich hier an der Küste von einer besonders mystischen Seite. Wenn das kalte Wasser des arktischen Benguelastroms mit der heissen Wüstenluft zusammentrifft, bildet sich der berühmte Namib-Nebel. Vor allem in den Morgenstunden hängt er kilometerweit in den Dünen und versorgt die Natur mit Feuchtigkeit.

Heute ist Fahrtag. Zum einen müssen wir ein paar Kilometer Richtung Swakopmund «gutmachen», zum anderen wollen wir etwas Kolonialhistorie besichtigen. Nach vier Tagen und mehr als 70 Kilometern Wüstenwandern tut es gut, etwas Strecke auf Pneus zu absolvieren. Immer wieder stoppen wir kurz. Alte Walfängerstätten, armselige Holzverschläge, trotzen den Elementen, «umzäunt» von den riesigen, sonnengebleichten Rippen ihrer Opfer.

Dann geht es ins Landesinnere zu verlassenen Diamantenschürfsiedlungen. Aristokratische und klischeehafte deutsche Namen: Grillenberger und Charlottenfelder. Was elitär-charmant klingt, sind alte Holzbaracken, die Überreste von Ochsenkarren, Schürfgeräte, Gerippe von kleinen Schlafhütten. Bis zu 18 Arbeiter mussten unter erbärmlichen Bedingungen darin hausen. So viel Hoffnung und so viel Elend, noch heute ist es spürbar. 1908 begann der Diamantenrausch in Kolmannskuppe nahe Lüderitz und breitete sich vondort aus. 1909 holten die Arbeiter jeden Monat im Schnitt 70’000 Karat aus dem Sand, ein Fünftel dergesamten Weltproduktion. Doch es war wie so oft: Wenige wurden steinreich, viele aber schufteten sich buchstäblich zu Tode. Überhaupt versprüht die Namib-Küste einen morbiden Charme. Die Strömungen im Wasser verschieben die Sandbänke ständig. Zahl­lose Schiffe verloren im Nebel die Orientierung – und havarierten. Die überlebenden Seemänner waren quasi zum Tode verurteilt. Wie ein rostendes Mahnmal steckt der Fischkutter «Shawnee», der sich 1976 in die Brandung von Conception Bay bohrte, kurz vor unserem vorletzten Camp im Sand.

Von der Langen Wand bis Swakopmund

Endspurt. Es geht nordwärts. «Wer möchte nochmal einen Penthouse-Blick aufs Meer und die Wüste werfen?», fragt Nico. Wir stehen vor einer riesigen, steilen Dünenmauer, die über mehrere Kilometer parallel zur Küstenlinie verläuft – wie ein Bollwerk vor den atlantischen Brechern. Nicht umsonst heisst sie «Lange Wand». Fast wie Alpinisten fühlen wir uns, als wir die Direttissima nehmen. Eine echte Konditionsprüfung. Der Blick entschädigt für jegliche Strapazen. Zu sehen, wie die goldgelbe Namib in den tiefblauen Ozean fliesst, eingehüllt von mystischen Nebelschaden, bleibt unvergesslich.

Etwas wehmütig sitzen wir am letzten Abend ums Feuer. Die Jungs legen sich nochmal richtig ins Zeug. Als Appetizer gibt es frische Muscheln, gegrillt über der Glut, mit Tabasco und braunem Zucker, danach – natürlich – «Braai» und jede Menge kalte Getränke. Es wird viel gelacht. So eineWüstendurchquerung schweisst zusammen. Als wir am nächsten Vormittag die grosse Lagune «Sandwich Harbour», ein Schutzgebiet für Tausende von Vögeln und Robben erreichen, müssen wir uns von der Namib verabschieden. Wie zum Gruss stehen zwei Schakale auf einer Düne und beobachten uns, bevor sie mit ihrem hellen Fell mit den Sandbergen verschmelzen. Am anderen Ende der Lagune warten die Pick-ups, um uns nach Swakopmund zu bringen. Gedankenversunken blicke ich aus dem Fenster. Die Namib hat mich ein Stück Demut gelehrt. Vielleicht sollte man öfter Menschen in die Wüste schicken.

Zahlenspiel Namibia - Schweiz

Fläche
Die Schweiz würde 20-mal in Namibia hineinpassen.
Namibia 824’116 km2
Schweiz
41’285 km2

Einwohner
Die Schweiz hat viermal mehr Einwohner.
Namibia 2,1 Mio.
Schweiz
8,4 Mio.

Einwohner pro km2
Die Schweiz hat fast 100-mal mehr Einwohner pro km2.
Namibia 2,6/km2
Schweiz
204/km2

Durchschnitts-
jahreseinkommen
Ein Schweizer hat durchschnittlich ein 17,5-mal höheres Jahreseinkommen als ein Namibier.
Namibia CHF 4400.–
Schweiz
CHF 77’200.–

Export
Die Schweiz hat ein 69-mal grösseres Exportvolumen als Namibia (2016).
Namibia CHF 4,3 Mrd.
Schweiz
CHF 298 Mrd.

Zugleich ist die Schweiz Namibias grösster Importeur mit CHF 860 Mio., gut CHF 800 Mio. davon für Mineralien (aka Diamanten) und Metalle …

Text & Fotos: Moritz Becher
Respekt hatte der Reisejournalist vor dem Klima und der Weite der Namib – und einer möglichen Eintönigkeit. Zurückgekehrt ist er voller Begeisterung. Inzwischen ist Moritz Becher überzeugt: «Einmal im Leben sollte jeder Mensch eine Wüste durchwandert haben.»

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