Reisetipp: Biken in Schweden

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Rentiere, Singletrails und Waffelbuden – die besten Bike-Reviere in schwedisch Jämtland und Härjedalen

Schweden ist bekannt für Knäckebrot, Wälder und IKEA. Vielleicht bald auch für Moutainbiken in Åre, Östersund und Storulvån. Denn die Bikegebiete im Nordwesten Schwedens können sich sehen lassen.

 

Text und Bilder: Michael Gerber

Reist man aus der schwedischen Hauptstadt Stockholm gut 600 Kilometer Richtung Norden, faltet sich an der Grenze zu Norwegen die Landschaft zu Bergen auf. Die Landschaft um Åre, und Östersund heisst Jämtland. Etwas weiter südlich liegt Härjedalen. Schon seit Jahren ist diese Gegend bekannt für den Outdoorsport: Skifahren, Wandern, Rafting, Langlauf, Gleitschirmfliegen und vieles mehr hat hier seinen Platz gefunden.

Seit vielen Jahren reise ich immer wieder in den Norden Schwedens. Was als Wanderliebe begann, hat sich zu einer Suche nach neuen Singletrails entwickelt. Die Suche hat sich gelohnt. Das Jämtlandfjäll (Fjäll = Berg) ist ein Wanderparadies, welches die naturliebenden Schweden und Norweger viel besuchen, um einige Tage draussen in der unberührten Natur und Einsamkeit zu verbringen. Es bietet auf gut markierten Wegen alles: von kurzen Wanderungen bis zu mehrwöchige Trekkings. Einige dieser Wanderwege sind regelrechte Traum-Singletrails. Darin verbirgt sich auch die Schwierigkeit des Bikens im Norden Schwedens – bergauf stellt sich jeder Stein, jede Stufe auf dem Trail in den Weg und verlangt eine gute Fahrtechnik und trainierte Beine.

Dieses Jahr sind wir zu viert unterwegs und fahren die besten Trails, erleben die Gastfreundlichkeit der Schweden und tauchen ein in eine fantastische Landschaft.

Storulvån

Wir beginnen ganz im Westen. Kurz vor der Grenze zu Norwegen führt eine kleine Strasse nach Handölan und weiter nach Storulvån. Benannt ist der Ort nach dem grossen Fluss Ulvån, der sich hier gemütlich durch die Berge schlängelt. Storulvån ist eine Station des schwedischen Touristenvereins STF. Der STF betreibt in ganz Schweden Herbergen und Berghütten. Im Winter ist Storulvån ein Paradies für Skitouren und Skiwanderungen – im Sommer ein Ausgangspunkt für viele Wandertouren. Natur, Ruhe und eine tolle Berghütte, welche mehr an ein Hotel erinnert, erwarten die Besucher.

Bei unserer Ankunft herrscht reger Betrieb in der Berghütte. Paare, junge Familien und ganze Reisegruppen machen sich für eine Tageswanderung oder ein längeres Trekking parat und die Hütte gleicht einem Bienenhaus. Trotzdem werden wir sehr freundlich begrüsst und willkommen geheissen. In der modernen Hütte prasselt ein Kaminfeuer und viele Sofas laden zum Verweilen ein – mitten im schwedischen Fjäll. Durch die grossen Fensterscheiben sehen wir momentan nur grau und Regen. Doch ausser uns scheint sich niemand daran zu stören – im Gegenteil: Fröhlich machen sich die Schwedinnen und Schweden auf den Weg in die Natur. Das ist ansteckend.

«Fröhlich machen sich die Schwedinnen und Schweden auf den Weg in die Natur. Das ist ansteckend.»

Seit ein paar Jahren hat der STF hier begonnen, geführte Biketouren anzubieten. Mittlerweile gibt es ein kleines Netz an Eintagestouren und auch Touren von mehreren Tagen sind möglich. Sogar eine kleine Fatbike Flotte kann gemietet werden. In den umliegenden Berghütten ist einfach Platz und Verpflegung für eine Nacht zu finden, Gepäcktransport nicht inklusive.

In den nächsten Tagen machen wir verschiedene Touren rund um Storulvån. Bei den meisten Touren müssen wir mindestens einmal die Schuhe ausziehen, um einen Fluss zu durchwaten. Wenn der Boden vom vielen Schmelzwasser aufgeweicht oder morastig ist, sind die Stellen mit Stegen aus Holzplanken befestigt. Diese verlangen zu Beginn unserer Reise etwas Übung und Gleichgewicht, um mit beiden Rädern darauf zu bleiben. Schon nach einigen Tagen sind sie jedoch unsere Freunde und begleiten uns auf unserer gesamten Reise. Northshore heisst das in Kanada – hier «Spåra». Wobei ein Sturz nicht mit einem Knochenbruch, sondern eher mit einem Bad im knietiefen Schlamm endet.

Biken in Schweden (41 Bilder)

Åre

Bei Åre läuten dem Wintersportler die Glocken: Biathlon, Skiweltcup und Weltmeisterschaften. Hier befindet sich aber auch der grösste Bikepark ganz Skandinaviens. Åre ist in rund zwei Stunden einfach mit dem Auto oder Zug von Östersund (von Storulvån aus in ca. 30 Minuten) zu erreichen. Wir quartieren uns für drei Tage in der schmucken Jugendherberge ein und wollen dem Bikepark ein paar Besuche abstatten. Wer hier nach Integralhelmen und Protektoren Ausschau hält, sieht diese vielfach. Man muss sein Bild von einem Bikepark aber etwas revidieren. Es vergnügen sich hier Eltern mit ihren Kindern, absolute Anfänger und Profis aus dem Downhill-Weltcup. Ein manchmal beängstigendes Bild geben die «Polterabend»-Gruppen ab, welche die komplette Bike-Ausrüstung mieten und sich wie Profis fühlen, jedoch technisch noch am anderen Ende der Skala fahren.

«Ein manchmal beängstigendes Bild geben die «Polterabend»-Gruppen ab, welche die komplette Bike-Ausrüstung mieten und sich wie Profis fühlen, jedoch technisch noch am anderen Ende der Skala fahren.»

Die Trails sind vielfältig und bieten eine grosse Auswahl an unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Auch wir, mit unseren Allmountain-Bikes, finden schnell Spass am flowigen, sprungbeladenen «Shimano», am technischen «Flinbanan» oder am endlos scheinenden «Easy Rider». Ein Park für jedermann, jede Frau und fast jedes Kind. Suchtpotential. Åre ist uns aber nicht nur wegen des Bike‐Parks sehr sympathisch. Im kleinen Städtchen verstecken sich viele hübsche Kaffees oder Bars. Wer auf Outdoorklamotten steht, findet hier ein paar exklusive Shoppingmöglichkeiten. Wer einen Defekt am Mountainbike beheben will, ist hier ebenfalls richtig: Åre ist wohl der Ort mit der grössten Dichte an Bikeshops in ganz Schweden.

Lofsdalen

Etwa drei Autostunden südlich von Åre entfernt befindet sich ein weiterer Bike‐Park für den abfahrtsorientierten Biker. Etwas kleiner als Åre, mit sechs Pisten und einem Sessellift ist Lofsdalen noch ein «Geheimtipp», welcher praktisch nur von lokalen Bikern besucht wird.

Vålådalen

Vålådalen ist nicht weit von Åre entfernt, aber das pure Gegenteil der Skisport-Metropole. In Vålådalen trainiert die schwedische Langlauf‐Nationalmanschaft ganzjährig – und doch bleibt der kleine Ort weit hinten im Tal idyllisch und ruhig. Wir übernachten hier, um eine der schönsten Touren der Gegend zu fahren. «Pyramiderna» heisst die etwa fünfstündige Runde über Issjödalen. Auf dieser Tour durchfährt man dichte Nadelwälder, Landschaften mit kleinen Birken und Büschen, grosse Moorgebiete und gelangt so in das alpine und steinige Hochland. Auf dem Weg nach oben halten wir immer wieder Ausschau nach leckeren Moltebeeren und Pilzen. Das Ausschauhalten vertreibt uns die Zeit und wir bringen plaudernd den anspuchsvollen Uphill hinter uns – gute Fahrtechnik ist hier gefragt.

Oben auf dem Plateau angekommen, bietet sich eine wunderbare Aussicht über den Fluss Vålån und die «Pyramiden». Diese «Pyramiden» entstanden aus einem See, der vor Jahrtausenden sein Wasser verlor und an dessen Abfluss sich die drei Pyramiden aus Sediment und Gestein bildeten. Die Abfahrt ist flowig und führt an einer verlassenen Siedlung der Samen (den Ureinwohnern Nordschwedens) vorbei. Am Abend bereiten wir mit den gesammelten Zutaten ein leckeres Nachtessen zu und könnten uns vorstellen, noch lange hier zu bleiben.

Östersund und Frösön

Um vom westlichen Jämtland ins etwas südlichere Härjedalen zu kommen, fahren wir wieder zurück nach Östersund, wo wir vor etwas mehr als einer Woche gelandet sind. Hier unterbrechen wir die Fahrt, denn die Gegend um Östersund bietet tolle Möglichkeiten mit dem Bike. Es sind gut beschilderte Wege, die von Wanderern und Bikern genutzt werden können. Dass die Trails für Biker immer beliebter werden, zeigen die Pneu‐Abdrücke im sandigen Boden. Die Gegend um Östersund ist bekannt für grosse und malerische Seen. Im Winter verwandeln sich die Seen in veritable Autostrassen. Im Sommer lädt das Wasser zum Baden ein, doch heute ist es einfach zu kalt!

Wir entscheiden uns für die Singletrail-Umrundung der nahe gelegenen Insel Frösön. Die Trails sind eher flach, doch macht dies die Runde nicht weniger anstrengend. Die technische Schwierigkeit auf dem mit Wurzeln gespickten Trail ist gross und wir merken bald, dass die gut 40 km uns einiges an Fahrgeschick und Kondition abverlangen. Da die Gegend hier um die grösste Stadt Nordschwedens etwas dichter besiedelt ist, kommen wir an traumhaft schönen Häusern vorbei. Wie wäre es wohl hier zu wohnen? Kurz bevor wir wieder bei unserem Auto sind, treten wir noch einmal kräftig in die Pedalen und werden auf einer Anhöhe mit fantastischer Aussicht und einer leckeren Waffel in einem Waffelcafé belohnt. Trotz des kühlen Wetters ein perfekter Biketag!

Helags/Ljungdalen

Die Touren um Ljungdalen und den Helags sind kurz und flüssiger zu fahren. Die Gegend um den höchsten Berg der Region bietet auch für nicht Biker tolle Ausflüge. So kann man von der STF Berghütte am Fusse des Helags Polarfuchs-Expeditionen oder Wanderungen auf die umliegenden Gipfel unternehmen. Die Hütte bietet wie alle STF Unterkünfte eine wunderbare Sauna mit Blick ins Fjäll. Nichts entspannt nach einem anstrengenden Tag auf dem Bikesattel mehr als eine «heimelige» schwedische Sauna.

Der STF setzt bei allen Übernachtungsmöglichkeiten auf lokale Produkte. Essen ist ein wichtiges Thema bei den Schweden und kulinarisch lohnt sich die Reise deshalb ebenfalls. Wie in allen anderen Hütten bekommen wir hier ein erstklassiges dreigängiges Menu mit lokalem Fisch, Rentier, Gemüse und Beeren aus der Region. Die Rückfahrt von Helags zurück nach Ljungdalen am nächsten Morgen geht vorwiegend abwärts, aber auch das ist auf den technischen und flowigen Trails ermüdend. Immer wieder gibt es Gegenanstiege, welche einem am Abend die Beine spüren lassen. Zum Glück erreichen wir kurz vor Mittag eine Waffelhütte. Waffeln geben Energie und eine gute Laune, was wir an Schweden ungemein schätzen.

«Waffeln geben Energie und eine gute Laune, was wir an Schweden ungemein schätzen.»

Wir erkennen, dass die Schilderungen des Hüttenwartes doch weitaus dramatischer waren als die Realität. Wohl war die Brücke weg, doch dieser Fluss liess sich ohne Weiteres zu Fuss durchqueren. Damit hatten wir ja nun wirklich schon genug Erfahrung. Wir verbringen den Tag zu grossen Teilen im Sattel und die letzte Abfahrt zur Strasse in Richtung Jokkmokk zaubert uns noch einmal ein Lächeln ins Gesicht, vor allem weil sie einfach zu meistern ist.

Wir alle merken, dass es mit unseren Energiereserven nicht mehr weit her ist. In Jokkmokk beratschlagen wir über das weitere Vorgehen. Die Tatsache, dass es von Jokkmokk aus wieder in die Berge gehen würde, die Trails noch schwieriger werden sollten und ein weiterer Nationalpark mit dem Bus umfahren werden müsste, lässt uns unser Vorhaben nach nur einem Drittel des Kungsledens abbrechen. Wir wären gern noch weitergefahren, und paradoxerweise machten wir genau deswegen nicht weiter. Denn mit Fahren hätten die kommenden Kilometer wohl reichlich wenig zu tun gehabt.

Funnäsdalen

Bis anhin ist mir der südlichste Ort unserer Reise noch nicht bekannt. Dennoch habe ich immer wieder davon gehört, wir hoffen es ist einen Stopp wert. Mit unbeschreiblichen 500 km Singletrails wirbt Funnäsdalen als Trailparadies für sich. Leider wird uns nun aber rasch klar, dass die Trails im Sommer über die Loipen der Langläufer führen. Im Winter spielt es für die Langläufer keine Rolle, ob unter den Ski ein beinhart gefrorenes Moor liegt. Im Sommer ist dieses Detail für den Biker entscheidend. Die Topographie wäre ideal und würde eine Entwicklung in Richtung Bike-Eldorado im hohen Norden zulassen. Doch irgendwie scheint diese Sache nicht fertig gedacht zu sein. Nach zwei Tagen im Moor und Dreck verlassen wir die Region gerne für unser nächstes Ziel: Ramundberget.

 Ramundberget

Wenn man Ramundberget mit drei Worten beschreiben kann: Waffeln, Traumtrails und Landschaft. Zwar wirkt die einstige Bergbausiedlung auf den ersten Blick etwas verschlafen, doch die Trails sind vom feinsten. Ramundberget hat nur eine Unterkunft und die ist, wen wundert es – von STF! Die Angestellten hier treiben alle aktiv Sport und geben gerne Auskunft, welche Trails befahren werden können und welche sich eher weniger eignen. Die zwei Tage in Ramundberget geniessen wir in den umliegenden Hügeln. Wir unterbrechen die Touren gerne für einen Stopp, um die Tierwelt zu beobachten oder in den Waffelhütten im Fjäll unserer neuen Liebe zu frönen. Neben Wiesel und Kranichen, bekommen wir nun endlich einen Elch zu Gesicht.

 Marieby

Die Zeit vor unserem Rückflug von Östersund in Richtung Zürich nutzen wir für einen Besuch bei meinem Freund Johan. Eine Biketour und ein Nachtessen auf seinem Hof ist ein toller Plan für den letzten Tag in Schweden. Ich kenne Johan, der als Schriftsteller, Outdoorguide und nun als Kleinbauer arbeitet, seit ein paar Jahren. Ich geniesse die Touren mit ihm und vor allem auch seine Kochkünste immer wieder gerne. Mit ein paar Freunden hat er Land um Marieby gekauft und verwirklicht den Traum der lokalen Bikecomunity – das erste Trailcenter in Schweden. Die Trails sind zum Teil noch weich und erst vor ein paar Tagen erbaut worden. Die älteren Trails sind lustige, flüssige Singletrails und schlängeln sich über Kilometer durch die Wälder, so dass man nach kurzer Zeit die Orientierung und die Sorge über den einsetzenden Regen vergessen hat. Johan erzählt, dass er vor zwei Tagen besucht des schwedischen Fernsehens hatte: Das Interesse und die Freude am Biken wird auch bei den Schweden immer grösser. Alle hier scheinen irgendwie Biker zu sein und können spannende Geschichten von überall auf der Welt erzählen. So geht eine gelungene und gesellige Reise hier in Marieby zu Ende.

ZUSAMMENFASSUNG

Wer die Natur liebt und vor technischen Trails bergauf und bergab nicht zurückschreckt, ist hier im schwedischen Jämtland und Härjedalen genau an der richtigen Adresse! Man muss sich die Kilometer hart verdienen, doch bietet die Gegend einiges an Flora und Fauna … und nicht zuletzt an Abenteuer.

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