Bike-Expedition am Kungsleden

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Kungsleden by bike – Fluch und Segen in Nordschweden

Drei Freunde machen sich im Hochsommer auf, um den berühmten Kungsleden-Weitwanderweg mit dem Mountainbike zu befahren. Doch der kälteste Sommer seit 60 Jahren erteilt ihnen eine Lektion. 

Text: Frowin Betschart
Bilder: Michael Gerber, Frowin Betschart, Marcel Langenegger

Tag 1

Kiruna – Alesjaure

Da sitzen wir nun (drei Freunde) mit unseren Bikes und zwei polnischen Gastarbeitern, die uns freundlicherweise mit ihrem Bus mitnehmen. Wir sind auf dem Weg von Kiruna nach Abisko dem Startpunkt unserer Reise. Die zwei Jungs gehen fischen, wir drei gehen biken. Aber von Anfang an…

2015 kam uns die Idee, den Weitwanderweg Kungsleden im Norden Schwedens, 498 Kilometer lang, in zehn Tagen zu befahren. Wir, Frowin, Marcel und Michi, Bike‐Enthusiasten, die abseits der täglichen Routine ein wenig Abenteuerluft schnuppern wollten. Der Plan war schnell gefasst. Es folgten Kartenstudium, intensive Trainingstage (man wollte schliesslich fit sein) und all die restlichen Reisevorbereitungen, die es eben so braucht. Ende Juli ging es dann endlich nach Kiruna, die nördlichste Stadt in Schweden. Kiruna steht auf Eisen. Unter Kiruna im Erdreich liegt das beste Eisenerz Europas. Ohne Eisen kein Kiruna. Alle, die hier leben, sind abhängig vom Erzabbau.

«Oft haben wir in der Vorbereitung technische Trails befahren. Das war, wie sich jetzt zeigt, auch bitter nötig.»

Aber das intensive Schürfen hat den Boden instabil werden lassen. In den nächsten Jahren muss Kiruna umziehen, sonst werden Teile der Stadt einstürzen. Die ersten Häuser sind bereits abgebrochen. Das neue Gemeindehaus befindet sich bereits im Bau – fünf Kilometer östlich. Dort entsteht das «neue» Kiruna. Der Kungsleden beginnt aber nicht in Kiruna, sondern in Abisko. Und weil wir unsere Bikes nicht mit dem Zug transportieren dürfen, sind wir nun auf die Hilfe unserer polnischen Freunde angewiesen.

Am späten Nachmittag in Abisko angekommen, kann es so richtig los gehen. Wir wollen heute noch das erste Stück des Kungsleden befahren und Alesjaure erreichen. Ein tolles Gefühl, nach intensiver Vorbereitung endlich auf dem Bike zu sein. Wobei das gute Gefühl nicht allzu lange anhält. Oft haben wir in der Vorbereitung technische Trails befahren. Das war, wie sich jetzt zeigt, auch bitter nötig gewesen. Auf dem Kungsleden, technisch äusserst anspruchsvoll, muss man sich mit dem Bike jeden Meter hart erarbeiten. Mit Flussüberquerungen, Sümpfen, viel Wasser und den schmalen, rutschigen Holzplanken zeigt der Kungsleden bereits am ersten Tag sein wahres Gesicht. Wir sind froh, als wir unsere Unterkunft in Alesjaure erreichen.

Tag 2

Alesjaure – Sälka

Drei Uhr morgens in Alesjaure: Wir versuchen uns in der Hütte für die bevorstehenden Tage ein wenig zu erholen. Alles schläft, als Marcel von einem dringenden Bedürfnis geweckt wird. Zimmertüre auf und… Stopp! Auf dem Gang patroulliert ein Hund, der mit Marcels Plan, das Zimmer kurz zu verlassen, offensichtlich nicht einverstanden ist. Wie der liebevolle Nachbarshund sieht er nicht gerade aus. Der zweite Versuch, eine halbe Stunde später das Zimmer zu verlassen, misslingt aus demselben Grund. Marcel gibt den Plan mit dem Toilettengang auf und übt sich für den Rest der Nacht in Körperbeherrschung.

Ein neuer Tag bricht an. Auf dem Trail bestätigt sich unser gestriger Eindruck. Eine gute Linie durch den mit Steinen besetzten Weg zu finden ist anspruchsvoll und kräftezehrend. Mit jedem Höhenmeter kommt nun auch immer mehr Schnee dazu. Wir müssen bereits am zweiten Tag unseres Abenteuers die Bikes schieben und tragen – für die kommenden Tage schwant uns Böses. Mittagshalt auf dem Tjäktja‐Pass. Endlich was zu essen! Auch wenn es nur Knäckebrot mit Würstchen ist, was unsere Bäuche füllt.

Die Vorfreude auf die anstehende Abfahrt lässt das Essen gleich doppelt so gut schmecken. Doch Schnee und Wasser trüben das Abfahrtserlebnis erheblich und auch auf dem Weg aus dem Tal hinaus bessern sich die Bedingungen nicht merklich. Jede Pedaldrehung kostet Kraft, ständig sinken wir tief in den Schnee ein. Zu allem Übel befinden sich unter dem Schnee versteckt oft kleine Tümpel und Bäche. Uns dämmert, dass unsere Füsse die nächsten Tage wohl nicht mehr trocken werden.

«Uns dämmert, dass unsere Füsse die nächsten Tage wohl nicht mehr trocknen werden.»

Acht Stunden sind wir an diesem Tag unterwegs, nur eine davon im Sattel. Etwas Gutes hat das langsame Vorankommen: Wir können unseren Blick schweifen lassen und geniessen die atemberaubende Landschaft und die von Menschen unberührte Natur. Wildnis – so weit das Auge reicht!

Am Abend wollen wir bei einem Besuch in der Sauna entspannen und gleichzeitig die lokalen Gebräuche pflegen. Muskellockerung mit Lokalkolorit, sozusagen. Doch wir sind offenbar nicht die Einzigen mit dieser Idee und so finden wir die Sauna hoffnungslos überfüllt vor. Auch eine Stunde später sieht es noch nicht besser aus. Also verschieben wir den Saunabesuch auf nach dem Abendessen. Zu unserem Schrecken scheint die Sauna rund um die Uhr voll belegt zu sein, und so quetschen wir uns beim dritten Versuch einfach irgendwo dazwischen. Den Wellness-Teil des Tages hatten wir uns anders vorgestellt.

Tag 3 Sälka – Hukejaure

Schnee, soweit das Auge reicht. Seen, die mit Eis bedeckt sind, und dann auch noch starker Regen. Der schwedische Sommer hatte dieses Jahr definitiv noch nicht begonnen. Dass wir einen Fluss überqueren müssen, macht die Sache nicht besser. Aber uns bleibt keine Wahl. Also raus aus den Schuhen und rein ins kalte Wasser. Die Minuten im Eiswasser fühlen sich wie Stunden an und erst am Abend, als wir schon in unseren Schlafsäcken liegen, kehrt das Gefühl in unsere Zehen zurück.

Später erfahren wir, dass es sich hier im Fjäll, der schwedischen Hochebene, um den kältesten Sommer seit 60 Jahren handelt. Kombiniert mit dem schneereichsten Spätwinter seit Beginn der Aufzeichnungen ergibt das für uns eine denkwürdig schlechte Ausgangslage. Auch heute schieben wir mehr, als dass wir fahren. Auch das nur mit Mühe, da die aufgeweichte Schneedecke uns bei jedem Schritt einsinken lässt. An diesem Tag, rückblickend wohl dem strengsten unserer Reise, ist niemandem zum Lachen zumute. Wir sind froh, als wir die urige Hütte in Hukejaure erreichen und uns aus unseren nassen Kleidern schälen können. Auch wenn es keiner von uns ausspricht, auf die Erlebnisse des dritten Tages hätten wir wohl alle verzichten können.

Tag 4 Hukejaure – Ritsem

Post ist da! Im Auftrag der Hüttenwartin von Hukejaure überbringen wir nach der ersten flowigen Abfahrt unserer Reise einen Brief in die nächste Hütte. Postverteilung wie zu alten Zeiten bei gutem Wetter und tollem Singletrail. So macht es Spass, durch das schwedische Fjäll zu fahren. Nach den ersten Tagen, geprägt von Schnee, Eis und unseren Flüchen, werden wir heute endlich mit fahrbaren Trails und einigermassen gutem Wetter belohnt. Auch wenn die Bedingungen immer noch anspruchsvoll, das Vorankommen auf den technischen, verblockten Trails anstrengend ist: Im Vergleich zu den vergangenen Abschnitten haben wir heute erstmals das Gefühl, auf statt nur mit und neben dem Bike unterwegs zu sein.

Immer wieder sehen wir Rentiere, Schneeeulen und Lemminge. Die Eindrücke der Natur lassen uns die Anstrengung jeweils für einige Momente vergessen. Doch weder die verbesserten Bedingungen noch die schwedische Fauna können darüber hinwegtäuschen, dass uns die ersten Tage auf dem Kungsleden weit mehr Kraft und Zeit gekostet haben, als wir ursprünglich eingerechnet hatten. Trotz guter Stimmung schleichen sich erste Zweifel in unsere Gedanken. Wir alle wissen, dass der Zeitplan nicht mehr zu schaffen ist. Wir verdrängen diesen Gedanken so gut es eben geht und lassen diesen Tag in einer – man höre und staune – leeren Sauna ausklingen.

Tag 5 Ritsem – Sitojaure

Mit viel Vorsicht laden wir unsere Bikes in den Reisebus. Wir müssen den Stora Sjöfallets – Nationalpark umfahren, in dem das Biken seit dem Sommer 2015 nicht mehr erlaubt ist. Nach knapp zwei Stunden im Bus wechseln wir das Transportmittel und steigen auf die Fähre nach Saltoluokta um. Unsere Bikes werden von riesigen Händen umfasst und auf die kleine Fähre gehievt. Alle drei Bikes gleichzeitig, wohlgemerkt. Der zu den Händen gehörende Fährmann ist ein Baum von einem Mann. Im Gegensatz zu uns macht er sich beim Handling der Bikes ganz offensichtlich keine Sorgen um unsere teuren Carbonrahmen.

Von Saltoluokta führt uns ein guter Singletrail nach Sitojaure. Für einmal kommen wir richtig gut voran und schaffen unser Tagessoll ohne viel Mühe. Doch was wäre ein Tag auf unserer Bike-Expedition ohne Ärgernis? In Sitojaure scheinen sich sämtliche Stechmücken Schwedens versammelt zu haben. So lassen wir das erfrischende Bad im See ausnahmsweise aus. Glücklich, im Besitz von Moskitonetzen zu sein, lassen wir den Tag Revue passieren. Früh legen wir uns schlafen, denn wir wollen verlorene Zeit wieder wettmachen, indem wir, die Mitternachtssonne nutzend, bereits um drei Uhr morgens die nächste Etappe in Angriff nehmen.

Tag 6 Sitojaure – Jokkmokk

«The river has taken the bridge!» Mit diesen Worten werden wir aus dem Schlaf gerissen. Der Hüttenwart steht in unserem Zimmer und faselt, dass unsere geplante Route nicht funktioniere. Eine Brücke auf halbem Weg sei vom Fluss weggerissen worden. Hinter ihm steht die Tür weit offen. Wir sehen Unmengen von blutrünstigen Mücken in unser Zimmer ziehen. Die wenigen Stunden bis zum Aufbruch werden wir den Stechmücken wohl als Verpflegung dienen müssen.

Wir starten wie geplant frühmorgens gegen drei Uhr, um im schlimmsten Fall genügend Zeit zu haben, um wieder umkehren zu können. Nachdem wir uns zwei Stunden durch dichtes Birken-Buschwerk gekämpft haben, erreichen wir die Überreste der Brücke.

«Wohl war die Brücke weg, doch dieser Fluss liess sich ohne Weiteres zu Fuss durchqueren. Damit hatten wir ja nun wirklich schon genug Erfahrung.»

Wir erkennen, dass die Schilderungen des Hüttenwartes doch weitaus dramatischer waren als die Realität. Wohl war die Brücke weg, doch dieser Fluss liess sich ohne Weiteres zu Fuss durchqueren. Damit hatten wir ja nun wirklich schon genug Erfahrung. Wir verbringen den Tag zu grossen Teilen im Sattel und die letzte Abfahrt zur Strasse in Richtung Jokkmokk zaubert uns noch einmal ein Lächeln ins Gesicht, vor allem weil sie einfach zu meistern ist.

Wir alle merken, dass es mit unseren Energiereserven nicht mehr weit her ist. In Jokkmokk beratschlagen wir über das weitere Vorgehen. Die Tatsache, dass es von Jokkmokk aus wieder in die Berge gehen würde, die Trails noch schwieriger werden sollten und ein weiterer Nationalpark mit dem Bus umfahren werden müsste, lässt uns unser Vorhaben nach nur einem Drittel des Kungsledens abbrechen. Wir wären gern noch weitergefahren, und paradoxerweise machten wir genau deswegen nicht weiter. Denn mit Fahren hätten die kommenden Kilometer wohl reichlich wenig zu tun gehabt.

Tag 7 Jokkmok

Da sitzen wir nun, drei Freunde im hohen Norden. Biken und ein gemeinsames Abenteuer war unser Ziel. Mit Biken war es leider nicht weit her: Der Kungsleden ist ein einziger Singletrail, der, nebst Ausdauer, grösstes technisches Können vom Biker verlangt. In diesem Jahr war er wetterbedingt für Mountainbikes schlicht unfahrbar. Dafür lag einfach noch zu viel Schnee, dafür war es schlicht zu nass.

Das gemeinsame Abenteuer allerdings, das haben wir wohl erlebt, und auch wenn wir unser Ziel, den Kungsleden zu bezwingen, nicht erreicht haben, so kehren wir doch mit unvergleichlichen Eindrücken und Erinnerungen nach Hause zurück.

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