Test: Skitourenschuhe 2020

Kunststoff-Kameraden

Das Wichtigste an einem Skitourenschuh? Passen muss er. Wie gut er wirklich ist, wird aber auch durch Dinge wie Flexindex, Bewegungsfreiheit und Klimakomfort bestimmt. In einem der bislang aufwändigsten Labortests und beim Check im Schnee haben wir die harte Schale und den weichen Kern der unverzichtbaren Kameraden aus Kunststoff abgeklopft.

Text: Outdoor Content Hub / Christian Penning

Der vorliegende Test ist keine umfassende Marktübersicht der aktuell erhältlichen Skitourenschuhe. Wir haben in Abstimmung mit den Herstellern acht im Handel relevante Modelle ausgewählt. Diese Auswahl deckt drei Kategorien und damit die wichtigsten Einsatzbereiche von Touren- und Freeride-Schuhen ab.

Kategorie 1 – Freetouring/Freeride: K2 Mindbender 130, K2 Mindbender 120, Fischer Ranger Free
Kategorie 2 – Skitour Allround: Dynafit Hoji Pro Tour, Scarpa Maestrale, Salomon S/Lab MTN
Kategorie 3 – Speedtouring/Hochtour light: Fischer Travers CC, Scarpa F1

Die Übergänge zwischen den Kategorien sind teils fliessend, Modelle wie der Dynafit Hoji oder der Salomon S/Lab MTN eignen sich zum Freeriden genauso wie für klassische Skitouren. Der Scarpa F1 und der Fischer Travers CC schlagen die Brücke zwischen Skitourenrennen und klassischen Skitouren. Ziel des Tests von Outdoor Content Hub ist es, nicht einzelne Modelle gegeneinander auszuspielen sondern jedes Schuhmodell möglichst exakt zu charakterisieren, um Tourengehern wichtige Informationen zu vermitteln, die es ihnen ermöglichen, eine wohl überlegte und möglichst treffsichere Modellauswahl zu treffen.

«Das systematische, genaue, tiefe Wissen über Skischuhe ist immer noch sehr gering.»

Prof. Dr.-Ing. Dipl. Sportl. Veit Senner
Lehrstuhl Sportgeräte und Sportmaterialien, Technische Universität München

Die 8 Test-Modelle

 Flex und Steifigkeit – der Skischuh als Teil des «Fahrwerks»

Über kaum einen Aspekt bei Tourenskischuhen wird kontroverser diskutiert als über die Steifigkeit, den sogenannten Flex. Bisweilen erinnern solche Gespräche an Fachsimpeleien unter Mountainbikern über die Fahrwerksabstimmung ihrer Bikes. Nicht ohne Grund: Studien haben gezeigt, dass das Flex-Verhalten einen klar spürbaren Einfluss auf die Skifahrtechnik hat. In welchen Situationen ist Steifigkeit gefragt? In welchen Situationen sind in welchem Masse Flexibilität und Beweglichkeit erforderlich? Ein Skischuh übernimmt im Zusammenspiel mit Bein, Fuss und Ski ähnliche Funktionen wie eine Federgabel bei Mountainbikes. Er übernimmt die Aufgaben eines Stossdämpfers und ist wichtig für die Steuerung.

Wieso ist ein progressiver Flex wichtig?

Im Schaft sollte jeder Schuh nach vorne etwas nachgeben. Dieser Flex ist wichtig, um das Sprunggelenk in der Schwungsteuerung beugen zu können. Der Flex sollte progressiv sein, sprich: Je weiter das Schienbein Schaft und Zunge nach vorne drückt, desto mehr Widerstand sollte der Schuh bieten. Die Härte des Skischuhs sollte dem Gewicht, der Kraft und dem Fahrstil des Skifahrers entsprechen, aber auch auf den Charakter und die Steifigkeit der Ski abgestimmt sein. Ist der Schuh zu hart, wird das Sprunggelenk blockiert, der Fahrer sitzt nach hinten ab und bringt nicht genügend Druck auf die Skischaufel. Gefragt ist also wie so oft im Leben die richtige Balance. Nur so lässt sich das Potenzial der Ski ausschöpfen.

Mythos Flex

Um dem Mythos Flex auf den Grund zu gehen, hat die TUM einen eigenen Prüfstand zu Ermittlung vergleichbarer Flex-Werte entwickelt. «Eine wesentliche Vorgabe für die Entwicklung dieses Gerätes war, dass wir eine realistische Belastung – so wie sie zwischen Skifahrer und Skischuh herrscht – nachbilden können», erläutert Prof. Dr.-Ing. Dipl. Sportl. Veit Senner von der TUM. Der Prüfstand ist eine innovative Methode, um die Flex-Werte auf einer vergleichbaren Basis und realitätsnahen Bedingungen zu vergleichen. Zentrales Element ist die mechanische Nachbildung eines Beins, über das der Realität auf Abfahrten entsprechende Kräfte auf den Skischuh übertragen werden. Der «Unterschenkel» ist über ein der Anatomie nachgebildetes kardanisches Gelenk mit dem (nachgiebigen) Fuss verbunden. Der Flex-Wert wurde über den realen Sprunggelenkswinkel im Schuh ermittelt. Um das Flex-Verhalten bei unterschiedlichen Temperaturbedingungen nachzuvollziehen, wurden die Untersuchungen in einer Klimakammer an der TUM durchgeführt: Mit 23° Celsius wurde die Raumtemperatur im Skishop simuliert, mit plus 5° Celsius Frühjahrstemperaturen am Berg und Winterbedingungen mit einem weiteren Testdurchgang bei minus 10° Celsius.

Ergebnisse Labortest

Flex- und Klimakomfortwerte aller acht getesteten Tourenskischuhe im Vergleich

Flex -10 °C
Flex +5 °C
Flex +22 °C
Rücktrocknung
Feuchtigkeitsaufnahme
Isolation

Erkenntnisse aus Labor- und Praxistest

Alles im Trockenen? – Nicht ganz!

Vor allem auf Mehrtagestouren und beim Einsatz der Tourenschuhe über mehrere Tage in Folge ist das Trocknungsverhalten ein wichtiger Faktor. Im Test erfolgte die Trocknung bei einer Raumtemperatur von 22 Grad. Innenschuhmodelle mit hoher Feuchtigkeitsaufnahme waren selbst nach 12 Stunden noch nicht vollständig trocken. Entsprechend müssten solche Innenschuhe bei höheren Temperaturen oder mit einer warmen Belüftung (Schuhtrockner) getrocknet werden, um am nächsten Tag wieder einsatzbereit zu sein.

Am schnellsten trocknete der Fischer Travers (relativ dünner Innenschuh). Die Modelle von Salomon und K2 (voluminösere Innenschuhe) trockneten deutlich langsamer. Gerade Tourengeher, die regelmässig Probleme mit kalten Füssen bekommen, sollten die Aspekte Isolation und Feuchtigkeitsmanagement auf dem Schirm haben. Bei regelmässigen Problemen mit kalten Füssen oder grosser Kälte bieten sich nachrüstbare Schuhheizungen an. Eine Rolle spielt auch hier der Einsatzbereich. Auf langen Mehrtagestouren mit Pausen oder auf Mehrtagestouren sind eine gute Isolation und ein gutes Feuchtigkeitsmanagement wichtiger als auf kurzen Touren oder Pistentouren mit nur einem Aufstieg und einer Abfahrt unmittelbar danach – beispielsweise auf eine sportlichen Feierabendtour.

Bewegungsfreiheit – Schaftrotation im Aufstieg

Neben dem Flex in der Abfahrt ist auch die Schaftbeweglichkeit im Aufstieg eine wichtige Grösse bei der Bewertung von Touren- und Freetouring-Schuhen. Während der Schaft in der Abfahrt nach hinten durch einen Verriegelungsmechanismus blockiert ist, um Halt zu geben, ist im Gehmodus eine gute Beweglichkeit des Schafts nach hinten und vorne erforderlich – und das mit möglichst wenig Widerstand. Man spricht hier von Schaftrotation. Gerade bei alpinen Touren, bei denen längere Passagen im Fels, auf unwegsamen Bergpfaden oder sogar Kletterpassagen zu bewältigen sind, aber auch beim Gehen mit Steigeisen, kommt dieser Bewegungsfreiheit eine entscheidende Rolle zu.

Leichtbaumodelle wie der Fischer Travers CC ermöglichen deutlich mehr Schaftrotation als Freetouring-Modelle. Bei Letzteren schlägt der Schaft bei starker Rotation nach vorne im Verlauf an der Schale an und blockiert eine weitere Bewegung. Allerdings zeigte der Praxistest, dass auch die Schaftbeweglichkeit der Freetouring- und Allround-Modelle für Standardanforderungen wie das Gehen im Aufstiegsmodus bei flachen bis mittelsteilen Aufstiegswinkeln ausreicht.

Abstriche fürs Gehen in flachem oder leicht abfallendem Gelände gab es für die K2 Mindbender Modelle und den Salomon S/LAB MTN. Grund: die geringe Schaftrotation nach hinten bei den Mindbender Modellen und die deutlich eingeschränkte Schaftrotation nach vorne beim S/LAB MTN. Insgesamt ist die Schaftrotation bei diesen Modellen um 5° bis 10° geringer als die von ähnlich positionierten Modellen wie dem Scarpa Maestrale oder dem Dynafit Hoji Pro, die im Praxistest im Gehmodus ausgewogener und besser funktionierten. Wie gut die Schaftrotation funktioniert, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob die Schnallen am Schaft geöffnet oder geschlossen sind.

Eine Ausnahme bildet der Dynafit Hoji Pro, der aufgrund eines speziellen Verriegelungsmechanismus eine sehr gute Schaftrotation auch bei komplett geschlossenen Schnallen erlaubt. Barfuss ermöglicht die menschliche Anatomie zwischen Unterschenkel und Fuss Rotationswerte von rund 30° nach hinten und 40° nach vorne. Also insgesamt 70 Grad. Mit einer Schaftrotation von 80° bietet der Fischer Travers mehr Bewegungsfreiheit als für durchschnittlich bewegliche Tourengeher anatomisch möglich ist. Viel Bewegungsspielraum bieten mit 60° und 62° auch die Testmodelle Maestrale und F1 von Scarpa.

Der Test in Bildern:

Steifigkeitstest: Flex-Index – keine klare Kaufhilfe

Die Werte, die am Prüfstand ermittelt wurden, liessen sich auch im Praxis-Check auf Schnee am Pitztaler Gletscher nachvollziehen. Bei allen Schuhmodellen ist deutlich erkennbar: Das Flexverhalten ändert sich mit der Temperatur. Je kälter, desto härter der Flex. Das sollte man schon bei der Anprobe im Shop im Hinterkopf haben. Die Skischuhe werden im Schnee mit Sicherheit spürbar härter werden. Ein realitätsnaher Check der Flex-Härte ist im Shop ist allerdings noch aus einem anderen Grund fast unmöglich. «Die Belastungen, die bei einer Abfahrt am Berg auf den Schuh wirken, lassen sich im Stehen oder Gehen nicht annähernd erzeugen», gibt Prof. Senner zu bedenken.

Wie irreführend ein Flex-Check im Shop sein kann, zeigt folgendes Beispiel: Die beiden K2 Mindbender Modelle für den Freetouring- und Freeride-Einsatz waren bei plus 23° Celsius nach dem Fischer Traverse die weichsten Modelle im Test. Sie verhärten sich aber bei kälteren Temperaturen enorm. Bei kalten Temperaturen zählen die Mindbender-Modelle zu den steifsten Testkandidaten. Wichtig für Fahrverhalten und Sicherheit ist eine gewisse Progressivität im Flex, also ein mit zunehmendem Flex-Winkel wachsender Widerstand. Der Skischuh sollte am Anfang mit wenig Kraftaufwand flexen, um die Beugung des Sprunggelenks und damit die Schwungeinleitung zu erleichtern. Um den Schwung dann exakt steuern können, ist eine Verhärtung mit zunehmendem Vorlagewinkel nötig. Diese Progressivitätsanforderung erfüllen alle Testmodelle. Der Fischer Traverse ist als Leichtbauschuh aufgrund der dünnen Wandstärken des Materials zwar erwartungsgemäss relativ weich, die Flex-Kurve zeigt aber eine in diesem Fall für ein kontrolliertes Fahrverhalten wichtige hohe Progressivität.

Sicherheit – guter Schutz des Sprunggelenks

Die Progressivität im Flex und eine ausreichende Flexhärte sind mit entscheidend, wenn es um Fahrkomfort und den Schutz vor Verletzungen geht. Um die Stärke der Progressivität darzustellen, wurde ein Progressivitätsindex errechnet. Ein Skischuh, der im Flexverlauf zu weich wäre, könnte bei den auf Abfahrten hohen auftretenden Kräften zu Verletzungen im Sprunggelenk und den damit verbundenen Bändern, Sehnen und Muskeln führen. Bei Skischuhen, deren Schaft in der Vorwärtsbewegung zu schnell und hart blockiert, könnte es zu Schuhrandprellungen oder zumindest zu unangenehmen Druckstellen kommen.

Auch diese Prüfung überstanden alle Testkandidaten erfolgreich. Einer nicht ganz unbeschadet: Beim Fischer Traverse trat bei einer Belastung von 200 Nm ein Riss in der Schaftmanschette auf. In der Praxis sollte bei einer solchen Belastung allerdings die Bindung auslösen. Käme es zu keiner Auslösung, wären Verletzungen nicht auszuschliessen, vor allem in Verbindung mit einem steifen Ski.

Der mit Abstand steifste Schuh bei allen Temperaturbedingungen ist der Salomon S/LAB MTN, gefolgt vom Dynafit Hoji und den relativ nahe beieinander liegenden Modellen K2 Mindbender 130, K2 Mindbender 120 und dem Scarpa Maestrale. Für einen Freeride-Schuh relativ weich ist von den Werten her der Fischer Ranger Free. Der überzeugte im Praxistest jedoch mit einem sehr harmonischen Flexverhalten, was der mittlere Progressionsindex bestätigt. Weniger markant als die Steifigkeit verändert sich bei den meisten Testkandidaten mit kälteren Temperaturen der Progressivitätsindex. Das lässt sich als Indiz für ein harmonisches Flexverhalten trotz steiferem Flex interpretieren.

Bei den K2 Mindbender Modellen verdoppelte sich der Progressivitätsindex, der Schaftwiderstand beim Flexen nach vorne erhöht sich noch schneller, was sich im Praxistest am Gletscher durch ein spürbar steifes, sehr direktes Fahrgefühl bemerkbar gemacht hat. Inwieweit man das als Vor- oder Nachteil bewertet, hängt stark von persönlichen Vorlieben ab.

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