Test: Skitourenbindungen 2019

Bruder Leichtfuss

Keine Frage, leicht, frei und unbeschwert mit Tourenski die Berge zu erklimmen, ist ein grossartiges Erlebnis. Doch Vorsicht, mit gewichtsoptimierten Pin-Bindungen kann man leichtfüssig in die Falle tappen – gerade, wenn es um die Sicherheitsauslösung in haarigen Situationen geht.

Text: Outdoor Content Hub / Christian Penning

Den ersten grossen Labor- und Praxistest von Skitourenbindungen hat die internationale Plattform zum Test von Outdoor-Ausrüstung und -Bekleidung „Outdoor Content Hub“ im vergangenen Winter veröffentlicht: mit Rahmenbindungen, Allround-Pin-Bindungen und Hybrid-Bindungen. Mit dem Trend zum Tourengehen in all seinen Facetten und dem schnell wachsenden Markt von Skitourenausrüstung wächst auch die Auswahl an Bindungsmodellen. Ein guter Grund also für ein Update des Tests.

Diesmal hat sich Outdoor Content Hub leichte Pin-Allround-Bindungen vorgenommen – gewichtsoptimierte Bindungen für einen breiten Einsatzbereich, die weniger spartanisch ausgestattet sind als minimalistische Modelle für Skitouren-Racer, aber deutlich leichter sind als Allround-Klassiker wie die Dynafit Rotation, die Marker Kingpin oder die Fritschi Vipec. Kern des Tests war wie im Vorjahr ein intensiver Labortest in Zusammenarbeit mit den Experten vom Lehrstuhl Sportgeräte und Sportmaterialien an der Technischen Universität München (TUM) und vom TÜV Süd. Zusätzlich wurde jede Bindung einem eintägigen Praxischeck mit Aufstiegen und Abfahrten unterzogen. Um die Testergebnisse vergleichen zu können, sind die Testabläufe standardisiert und jederzeit wiederholbar.

Das haben wir getestet

Sechs Kandidaten mit Pin-Vorderbacken und drehbarem Pin-Hinterbacken traten zum Test an: die ATK Crest 10, ATK R12 und ATK C-Raider sowie die Fritschi Xenic 10, die G3 Zed 12 und die Salomon MTN (baugleich mit Atomic Backland). Gewichtsmässig bewegen sich die Testkandidaten inklusive Stopper zwischen knapp 300 und 464 Gramm pro Bindung. Am leichtesten ist die ATK Crest 10 mit 298 Gramm, am meisten bringt die G3 ZED 12 mit 464 Gramm auf die Waage. Die Gewichtsunterschiede sind auf mittleren Standardtouren klar zu spüren, sollten aber für Freizeittourer, die keine Wettkämpfe bestreiten, keinesfalls das ultimative Kriterium bei der Bindungswahl sein.

Pin-Bindungen wurden von Anfang an als leichte Alternative zu den lange üblichen Rahmenbindungen entwickelt. Letztere kommen abgesehen vom Aufstiegsmodus mit kippbarem Rahmen der Funktion von Alpinbindungen recht nahe, gerade was die Sicherheitsauslösungen betrifft. Wie schon der Bindungstest 2018/19 gezeigt hat, bringt die einfachere und minimalistischere Konstruktion von Pin-Bindungen je nach Modell Abstriche bei den Auslösefunktionen mit sich, die je nach Modell mehr oder weniger deutlich ausfallen. In puncto Aufstiegs- und Abfahrtsperformance dagegen schnitten die Testkandidaten gut ab. In Relation zum Gewicht bieten sie eine hohe Steifigkeit, die auch die positiven Fahreindrücken im Praxistest widerspiegeln.

Die 6 Test-Modelle

Keine der im Update 2019/20 getesteten Pin-Bindungen ist TÜV zertifiziert. Aus gutem Grund. Wie unser Test zeigt, erfüllt keine dieser Bindungen die TÜV-Normen. Was nicht heisst, dass man sich damit nicht auf Tour trauen sollte. Doch man muss sich darüber im Klaren sein: Minimales Gewicht und maximale Sicherheitsfunktionen sind im Bindungsbau Pole, die sich gegenseitig ausschliessen. Daran ändern im Grunde auch die sicherlich lobenswerten Weiterentwicklungen und Verbesserungen leichter Pin-Bindungen nichts. Bei einem Testkandidaten waren die Sicherheitsauslösefunktionen sogar massiv eingeschränkt.

Dieser Test brachte erneut interessante Erkenntnisse, die man in die Überlegungen beim Bindungskauf mit einbeziehen sollte. Am Ende spiegeln aber auch die aufwändigen Labortests, die dem neusten Stand der Technik entsprechen, die Realität nicht 1:1 wider. Der Labortest stellt eine punktuelle Betrachtung relevanter Auslösesituationen dar. Er bildet aber nicht die volle, komplexe Dynamik und die Gesamtheit aller in der Praxis am Berg auftretenden Kräfte ab. Auch das darf man bei Kaufentscheidungen im Hinterkopf behalten.

So haben wir getestet

Labortest

Entscheidend für die Sicherheit, die Skibindungen bieten, ist ein kalkulierbares und zuverlässiges Auslöseverhalten, sobald es zu Belastungen kommt, die zu Verletzungen führen können. Deshalb wurden eingangs alle Bindungen mit dem Bindungsprüfgerät Montana Jetbond überprüft. Alle Tests wurden mit einem einheitlichen Skimodell (K2 Wayback 96, Länge 177 cm) und Schuhmodell (Scarpa Maestrale RS, Sohlenlänge 314 mm) durchgeführt.

Z-Wert

Überprüfung Z-Wert

Wie schon im Vorjahr wurden auf einer Bindungsprüfmaschine die Z-Wert-Einstellungen überprüft. Die Normen erlauben eine Abweichung von 15 Prozent nach oben und unten. Bei einigen Bindungen waren die Abweichungen jedoch grösser. Vor allem bei kleinen Z-Wert-Einstellungen arbeiten einige Bindungen nicht exakt genug. Die tatsächlichen Auslösewerte sind meist höher als es die Sichtfenstereinstellung der Z-Werte vorgibt. Sprich: Die Bindung löst erst bei höheren Belastungen aus. Besonders leichte und ältere Personen sollten darauf achten.

Am exaktesten arbeiteten in diesem Teiltest die drei ATK Modelle. Durch moderne Bindungsprüfmaschinen, wie sie im guten Fachhandel und in Verleihstationen zum Einsatz kommen, lassen sich Mankos bei der Z-Wert-Einstellung ausgleichen. Dort wird die Bindung nicht nach der Sichtfenster-Skala eingestellt. Vielmehr wird die Kraft der Auslösung gemessen die Spannung der Federn der Bindung den Daten des Fahrer angepasst. Mit Ausnahme der Salomon MTN blieben die Auslösewerte über 25 Auslösungen hinweg bei allen Bindungsmodellen sehr konstant, was für eine zuverlässige Funktion spricht.

Als Prüfgerät wurde das Gerät Jetbond von Montana benutzt.

Drehsturz

Drehsturz in Vor- und Rücklage

Sehr zuverlässig funktionieren alle getesteten Bindungen bei Drehstürzen in Körpervorlage. Die gemessenen Abweichungen vom Sollwert lagen bei allen Modellen weit unter der Toleranzgrenze von 35 Prozent. Ein weit bedenklicheres Bild ergaben die Drehsturz-Simulationen in Rücklage – die Schwachstelle klassischer Pin-Bindungskonstruktionen. Hier lagen alle Bindungen deutlich über der zulässigen Toleranzgrenze von 25 Prozent im Vergleich zum Sollwert.

Jede Bindung wurde mit der Prüfmaschine so genau wie möglich auf den Zielwert 80 Nm für die seitliche Auslösung eingestellt. Wurde der Zielwert erreicht, wurden drei weitere Auslösungen gemacht und deren Mittelwert als Referenzwert genommen. Das gleiche wurde für die vertikale Auslösung My mit dem dazu korrespondierendem Wert durchgeführt. Ein für aus der Normtabelle vorgegebenes Gewicht wurde mit einem Schlitten auf die richtige Position gebracht und über einen Träger an der Prüfsohle befestigt. So wirkt über den Hebelarm ein bestimmtes Drehmoment um die Y-Achse auf den Schuh. Für die Rücklage betrug dieses -100 Nm; für die Vorlage 160 Nm.

Der seitliche Auslösewert wurde anschließend mindestens dreimal gemessen und der Mittelwert daraus gebildet. Die Sohle und die Bindung wurden bei jeder Auslösung nass gemacht. Der Versuch wurde bei der TÜV Süd Product Service GmbH in Garching unter Anleitung von Thomas Maier durchgeführt. Der Versuchsaufbau entspricht den Vorgaben der Norm DIN ISO 13992. Die konkrete Durchführung wurde jedoch modifiziert und entspricht deshalb nicht der Normprüfung. Auf die Prüfsohle wurde der passende Stahlträger für die Adaption an das Prüfgerät montiert.

Auslöseverhalten

Auslöseverhalten bei Mehrfachauslösungen

Jede Bindung wurde so eingestellt, dass der Mz bzw. My Wert bei der Auslösung in der Toleranz (+/-15%) des Z-Werts 8,5 für die Sohlenlänge 314mm liegt. Die untere Grenze der  Toleranz für Mz entspricht demnach 66,3 Nm, die obere Grenze 91 Nm. Die untere Grenze der Toleranz für My entspricht 271 Nm, die obere Grenze 380 Nm. Anschließend wurden 25 Auslösungen für die seitliche Drehung nach links (Mz L), 25 Auslösungen für die Drehung nach rechts  (Mz R) und 25 Auslösungen in vertikaler Richtung (My) durchgeführt. Als Prüfgerät wurde das Gerät Jetbond von Montana benutzt.

Seitliche Stösse

Seitliche Stossbelastung

Seitliche Schläge dynamisch zu kompensieren, ist nicht die stärke von Pin-Bindungen. Solche Schläge können vor allem auf hartem Untergrund auftreten. Klassische Pin-Konstruktionen bieten konstruktionsbedingt seitlich wenig dynamischen Weg. Im TÜV-Labor wurde diese Stossbelastung durch einen Pendelschlag von der Seite simuliert. Keine der Bindungen erfüllte die Testanforderungen. Die Rückstellkraft der Bindungen ist zu gering. Demnach können ungewollte Auslösungen durch seitlich einwirkende Kräfte nicht ausgeschlossen werden.

Jede Bindung wurde, soweit möglich, auf das vorgegebene Mz Auslöse-Drehmoment von 80 Nm eingestellt und mit der Auslöseprüfmaschine referenziert. Der Mittelwert aus der linken und rechten Auslösung wurde als Referenzwert genommen. Aus dem Referenzwert kann eine untere Winkelgrenze berechnet werden, bei der die Bindung auslösen sollte um die Norm zu bestehen.

Das Pendel stößt mit einer vom Auslenkwinkel bestimmten Stoßenergie auf das Aluprofil (Ski). Der Auslenkwinkel wird solang erhöht bis die Bindung den Schuh freigibt. Die Prüfsohle (Scarpa Maestrale RS) ist starr auf einem Sockel mit dem Boden verbunden. Ein Pendelschlaggerät der ISO 9465 entsprechend wurde benutzt. Die Skitourenbindungen wurden derselben Norm entsprechend auf ein 3mm dickes Alu-U-Profil montiert.

Der Versuch wurde bei der TÜV Süd Product Service GmbH in Garching unter der Anleitung von Thomas Maier durchgeführt. Der Versuchsaufbau entspricht den Vorgaben der Norm DIN ISO 13992. Die konkrete Durchführung wurde aber modifiziert und entspricht deshalb nicht der Normprüfung.

Durchbiegung

Durchbiegung des Skis und Längenausgleich der Bindung

Der Prüfstand für den Drei-Punkt-Biegeversuch bestand aus zwei quasi reibungsfrei gelagerten Rollen in einem definierten Abstand von +/- 60 cm vom Mittelpunkt des Prüfstandes sowie einer Stangenführung, über die verschiedene Gewichte eingeleitet werden können. Jeder Prüfski wurde auf die Rollen mittig in den Prüfstand gelegt. Es wurde ein statischer und ein dynamischer Lastfall getestet. Die Kraft wurde durch den Schuh über die Bindung auf den Ski eingeleitet. Der Test wurde mit einer Hochfrequenzkamera aufgezeichnet, Ski, Bindung und Schuhe wurden mit reflektierenden Markern für eine Bewegungssanalyse beklebt.

Der Versuch wurde im Prüflabor des Lehrstuhls für Sportgeräte und Materialien in Garching Hochbrück durchgeführt.

Steifigkeit

Bindungs-Schuh-Steifigkeit entlang der Längsachse (Aufkanten)

Wirklich respektabel schneiden die leichten Pin-Allrounder dagegen in puncto Steifigkeit beim Aufkanten ab. Die Bindungen bieten eine gute bis sehr gute Steifigkeit. Die Steifigkeitswerte liegen nur geringfügig unter denen der im vergangenen Winter getesteten Freetouring-Bindungen.

Die jeweilige Prüfsohle wurde mit dem Prüfstandrahmen verbunden. Ein Stahl-Ausleger wurde an jedem Prüfski in einem Abstand von 26cm (vorne) und 34cm (hinten) von der Sohlen-Mittenmarkierung befestigt. An den Ausleger wurden Gewichte gehängt, um über den Hebelarm ein definiertes Moment auf den Ski zu übertragen. Jede Bindung und jede Prüfschuh wurde mit Reflektor-Markern, für eine spätere Bewegungsanalyse, versehen.

Es wurde mit jeder Bindung ein Versuch im Aufstiegsmodus mit einem anliegenden Gesamtdrehmoment von 45 Nm durchgeführt sowie ein Versuch im Abfahrtsmodus mit einem anliegenden Gesamtdrehmoment von 118 Nm. Der Versuch wurde mit zwei Kameras aufgezeichnet, um die Bewegungen messen und auswerten zu können.

Der Versuch wurde im Prüflabor des Lehrstuhls für Sportgeräte und Materialien in Garching Hochbrück durchgeführt.

Praxistest

Der Praxistest wurde mit erfahrenen Tourengehern durchgeführt. Der Test erfolgte unter Berücksichtigung folgender Kriterien und Szenarios auf festgelegten, einheitlichen Strecken.

Abfahrt: Pro Bindung 1-2 Abfahrten, jeweils auf präparierter Piste und im Tourengelände (griffige, kompakte bis harte Schneeverhältnisse). Fahrten mit unterschiedlichen Schwungradien und variablem Tempo.

Aufstieg: Pro Bindung ein Aufstieg in zunächst flachem, dann zunehmend steiler werdendem Tourengelände (kompakte bis harte, teils leicht eisige Schneeverhältnisse). Im Aufstieg Aktivierung aller Steighilfestufen sowie Montage und sowie Performance-Check der Harscheisen.

Einstieg und Bedienungskomfort: Zusätzlich wurden beim Praxistest Einstieg in die Bindung (im flachen Gelände und im steilen Gelände während des Aufstiegs) und weitere Handling-Aspekte wie das Umstellen der Bindung vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus sowie die weitere Einstellmöglichkeiten überprüft.

Der Bindungstest in Bildern:

Fazit

Auch im zweiten Teil des Tourenbindungstests gab es Licht und Schatten. In puncto Steifigkeit und Kraftübertragung sowie bei der Performance in Abfahrt und Aufstieg machen die leichten Pin-Bindungen eine richtig gute Figur. Mit Ausnahme weniger Details sammeln die Testkandidaten auch Pluspunkte durch gutes, bedienungsfreundliches Handling. Der Einstieg in die Bindung, die Verstellung vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus und die Bedienung der Steighilfen funktioniert gut. Hier haben die Hersteller mit Erfolg an Detailverbesserungen gearbeitet. In dieser Hinsicht ist man als Tourengeher gerne als Bruder Leichtfuss unterwegs.

Vorsicht ist allerdings bei den Funktionen der Sicherheitsauslösung geboten, insbesondere bei Drehstürzen rückwärts. Mit Ausnahme der Salomon MTN (mit montiertem Skistopper) zeigen die leichten Pin-Allround-Bindungen ein einigermassen kalkulierbares Auslöseverhalten, das aber keinesfalls mit den Standards von Alpin-Sicherheitsbindungen oder TÜV-zertifizierten Pin- und Hybridbindungen (mit Alpin- Hinterbacken) vergleichbar ist. Die Abweichungen von den eingestellten Z-Werten nach oben und unten liegen teils über den in der Norm vorgegebenen Werten. Dessen sollte man sich bewusst sein. Um in diesem Rahmen dennoch ein möglichst zuverlässiges Auslöseverhalten zu gewährleisten, sollte man die Bindung beim Fachhändler auf einer modernen Bindungsprüfmaschine einstellen lassen.

Gerade Gelegenheits-Tourengeher, für die es im Grunde keine Rolle spielt, ob sie ein paar Minuten schneller oder langsamer am Gipfel sind, sollten bei der Materialwahl ihre individuellen Bedürfnisse und Präferenzen sowie ihre eigene Risikobereitschaft reflektieren. Ist minimales Gewicht tatsächlich das gewichtigste Argument bei der Kaufentscheidung? Wollen sie die damit verbundenen Kompromisse beim Auslöseverhalten leichter Pin-Bindungen bewusst in Kauf nehmen? Möglichst leichte Skitourenausrüstungen sind angesagt, und es gibt gute Gründe, die dafürsprechen. Der Trend zum sportiven Tourengehen und entsprechend leichtem Material hat durchaus prägende Einflüsse, die sich auch im Handel widerspiegeln, die man aber kritisch hinterfragen sollte. Doch superleicht ist nicht für jeden automatisch super gut.

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