Test: 6 ultraleichte Skitourenjacken

Echte Aufsteiger

Nicht zu kalt, nicht zu warm. Möglichst leicht und volle Bewegungsfreiheit, aber bitte robust und langlebig. Gerade bei schweisstreibenden,schnellen Aufstiegen zeigt sich, ob Materialmix und Ausstattung einer Skitourenjacke funktionieren. Sechs Modelle auf dem Prüfstand.

Text: Moritz Becher / Thomas Ebert

Können wir bei dem Flachstück da vorne bitte kurz anhalten? Ich muss meine Jacke ausziehen.» Schwitzen und der Umgang mit übermässiger Körperwärme sind naturgemäss Bestandteil jeder Skitour. Je steiler und schneller, desto anspruchsvoller wird die Thermoregulation. Bis vor wenigen Jahren war das Zwiebelprinzip bei Bergtouren uneingeschränkt die goldene Regel effizienter Textilnutzung. Mittlerweile haben sich die Hersteller von Funktionsbekleidung so weit in die physiologischen Bedürfnisse ihrer Kunden eingearbeitet, dass es gar nicht mehr zwingend notwendig ist, alle 200 Höhenmeter ein Kleidungsstück abzulegen.

«Bodymapping» heisst das Stichwort, hinter dem sich das Wissen verbirgt, für welche Körperzone welches Material für den angestrebten Einsatzzweck am besten funktioniert. Während früher eine Funktionsjacke oft aus einem Stoff gefertigt war, gleichen moderne Hybridjacken einer Art Flickenteppich aus dehnbaren Fleece-, gefütterten Isolations- und abriebfesten Gewebe-Partien. Der Aufwand lohnt sich, denn wenn die Komposition stimmt, kann man sich lästiges An- und Ausziehen auf Tour weitgehend sparen.

Kraftwerk Körper

Um sich überschüssiger Wärme zu entledigen, nutzt der Mensch einen Mechanismus, der ihn vor Tausenden Jahren seinen Beutetieren überlegen machte: das Schwitzen. Während Hirsche und Co. zwar kurzzeitig schneller waren, jedoch auch rascher überhitzten und damit ermüdeten, konnte schon Homo Erectus seine Körpertemperatur durch Wasserabgabe kühlen und seine Beute länger verfolgen und erlegen. Heute jagen zwar die wenigsten Homo Sapiens noch zu Fuss ihr Steak und ihre Bekleidungslieferanten, doch bei intensiver körperlicher Belastung, wie etwa beim Sport, ist unser natürliches Kühlsystem unverzichtbar.

Dabei tritt Schweiss, eine zu 99 Prozent aus Wasser und zu einem Prozent aus Salzen, Säuren und Fetten bestehende Flüssigkeit, aus unseren Schweissdrüsen auf die Hautoberfläche und verdunstet dort. Dieser Vorgang «verbrät» ganze 2400 Kilojoule Wärmeenergie pro Liter Schweiss. Eine geniale Erfindung der Evolution! Zwei bis vier Millionen im Durchschnitt 0,4 Millimeter grosse Schweissdrüsen sind unregelmässig über unseren Körper verteilt, um bis zu vier Liter pro Stunde abgeben zu können. Es gibt Zonen mit 600 Drüsen/cm2, wie z. B. unsere Fusssohlen, und andere mit «nur» 100 Drüsen/cm2, wie unsere Oberschenkelaussenseiten etwa. Am Oberkörper sind vor allem der Rücken und die Achseln stark «besiedelt».

Wer jetzt aber meint, je stärker er schwitzt und je mehr Tropfen Schweiss von der Nasenspitze rinnen, desto besser kühlt er, täuscht sich: Das Prinzip funktioniert nur, solange das Sekret als Dampf von unserer Haut verdunstet. Insofern ist es für die Effizienz unseres Kühlsystems wichtig, zu starkes Schwitzen zu vermeiden. Gleichzeitig ist der Mensch als Warmblüter nicht nur für sein Überleben, sondern natürlich auch für seine Leistungsfähigkeit abhängig davon, seine Körpertemperatur auch nach unten zu regulieren. Je stärker ein Körper auskühlt, desto schlechter wird die Durchblutung der Extremitäten und entsprechend sinkt die Leistungsfähigkeit (siehe dazu auch Hintergrundartikel Isolation in Outdoor Guide Winterausgabe 2015/2016).

Verstärkt wird sowohl die Verdunstungskälte als auch das generelle Auskühlen des Körpers bei Wind, der sogenannte «Windchill- Effekt» tritt ein. Ist im Sommer eine ständige Brise ein angenehmer Bergbegleiter, ist das im Winter unangenehm bis gefährlich.

Beim populären Speed-Touring, das inzwischen selbst im Hochgebirge praktiziert wird, kommt es stark auf ein gutes Isolations-Dampfdurchlass-Verhältnis an. Foto: ORTOVOX / Hansi Heckmair
Beim populären Speed-Touring, das inzwischen selbst im Hochgebirge praktiziert wird, kommt es stark auf ein gutes Isolations-Dampfdurchlass-Verhältnis an. Foto: ORTOVOX / Hansi Heckmair

Bodymapping – körpergerechte Materialverteilung

Bedenkt man die physiologischen und klimatischen Gegebenheiten, wird schnell klar, welchen Spagat optimale aufstiegsorientierte Skitourenjacken meistern müssen: Sie sollten bei verschiedenen Wetterbedingungen funktionieren – von kalt und windig bis sonnig und windstill. Sie sollten an den exponierten Rumpfbereichen, sprich der Vorderseite, möglichst winddicht sein und die produzierte Körperwärme in angenehmem Masse als Isolationsschicht konservieren – gleichzeitig aber Überhitzung vermeiden und die auftretende Schwitzfeuchtigkeit effizient vom Körper wegtransportieren.

Und sie sollten an den Zonen, die besonders stark schwitzen und zugleich weniger exponiert und kälteanfällig sind, Stoffbahnen mit möglichst hohem Wasserdampfdurchlass vorweisen, damit die Schwitzfeuchtigkeit ungehindert abdampfen kann. Das Ganze möglichst leicht und wenig voluminös, denn jedes Gramm und jeder Quadratzentimeter Windfang zählen. Man ahnt es schon: All diesen Anforderungen gleichermassen gerecht zu werden, ist (noch) nicht möglich. Deshalb sind Hybridjacken nach dem Bodymapping- Konzept immer ein Kompromiss – man muss für sich herausfinden, welcher Mittelweg am besten zu den eigenen Bedürfnissen passt.

Polartec Alpha dominiert bei den Füllungen

Für die isolierten Bereiche eignen sich am besten dünne Kunstfaser-Wattierungen. Diese gibt es in unterschiedlichen Flächengewichten, z. B. 40, 60 oder 100 g/m2 – je schwerer, umso stärker das Isolationsvermögen. Polartec Alpha wird von vielen Herstellern als Füllmaterial bei Textilien mit hohem Wasserdampfdurchlass präferiert. Im Gegensatz zu grösservolumigen Wattierungen mit durchgehenden Fasermatten ist Polartec Alpha ein Gestrick aus bauschigen Kunstfasersträngen. Dadurch wird immer noch relativ viel warme Luft eingeschlossen, gleichzeitig ist der Wasserdampfdurchlass durch die Maschen sehr hoch.

Doch auch andere Synthetik-Wattierungen, z. B. von Primaloft, oder auch Woll-Derivate, wie die «Swisswool»-Vliese von Ortovox aus Schweizer Schafschurwolle und Biokunststoff, sind sehr gut funktionierende Alternativen. Daune ist für diesen Einsatzbereich zu feuchtigkeitsanfällig – noch. Denn die Industrie arbeitet mit Hochdruck an einer dauerhaft hydrophoben Behandlung der winzigen Federchen. Als Aussenstoff über dem Isolationsmaterial verwenden die meisten Hersteller ultraleichtes und trotzdem abriebfestes Nylon-Gewebe (Polyamid), welches zusätzlich imprägniert wird, um die Füllung vor übermässiger Nässe von aussen zu schützen.

Stretch ist Pflicht

Für volle Bewegungsfreiheit und höchsten Wasserdampfdurchlass sind sehr dehnbare Stretch-Einsätze, meist aus Fleece- oder Softshell-Stoff mit hohem Elastan-Anteil, unter den Achseln und im Rücken-Schulter-Bereich Pflicht. Auch an den Unterarmen ist dieses Material sinnvoll, so kann die Temperatur zusätzlich über das Hochschieben der Ärmel reguliert werden. Eine schnelle Rücktrocknungszeit ist neben einer stark verzögerten Durchfeuchtung ein zusätzlich wichtiges Kriterium für aufstiegsorientierte Skitourenjacken. Im Idealfall sind sie nach einer sonnigen Pause wieder trocken und komfortabel einsatzbereit.

Das Testfeld

Der Testfokus liegt klar auf der Jackenwahl zwischen Tourstart und Gipfel, sprich dem Aufstieg. Zielgruppe ist die immer stärker wachsende Anzahl an Sportlern, die sich den Bergen nicht in aller Gemütlichkeit nähern, sondern die Skitour als Trainingseinheit am Berg betrachten und sich entsprechend intensiv körperlich belasten. Weder längere Pausen noch die Abfahrtsqualitäten standen bei dem Test im Zentrum der Bewertungen – was natürlich nicht bedeutet, dass die getesteten Modelle dafür nicht geeignet wären. Die Kriterien zur Auswahl – entsprechend den oben beschriebenen Anforderungen – gingen in Form eines Briefings an die jeweiligen Hersteller, die die dazu passende Jacke ausgewählt haben.

Fazit

Das Niveau der getesteten Jackenmodelle war durchwegs hoch. Am Ziel vorbeigeschossen ist keiner der ausgewählten Hersteller. Dennoch gibt es einige, die unserer Meinung nach den Einsatzzweck und die textilen und physiologischen Anforderungen dafür etwas besser umgesetzt haben. Natürlich gilt es zu berücksichtigen, dass ebenso jeder Sportler individuelle Ansprüche, Vorlieben und körperliche Voraussetzungen hat, wie unterschiedliche Bedingungen bei jeder Tour vorherrschen.

Die «richtige» Jacke wird also immer ein individueller Kompromiss sein. Insgesamt betrachtet ist aber erstaunlich, wie nah die Hersteller durch kluges Bodymapping der eierlegenden Wollmilch-Skitouren-Sau schon gekommen sind. Und auch wenn Ausrüstung eigentlich nur Mittel zum Zweck ist, macht sie bisweilen so viel Spass, dass der Zweck diese Mittel absolut heiligt.

So hat der Outdoor Guide getestet

Die hier vorgestellten Jackenmodelle wurden vom Redaktionsteam des Outdoor Guide über einen mehrmonatigen Zeitraum bei verschiedenen schweisstreibenden Aktivitäten getestet – von Gletschertouren über Bergläufe und schnelle, höhenmeterintensive Trainingseinheiten bis hin zu Bike-Touren. Es wurden möglichst viele verschiedene Temperaturbereiche abgedeckt – von Minusgraden bis zu sommerlich-frischen Früh- bzw. Abendtemperaturen.

Bei der Beurteilung der Testjacken wurde selbstverständlich berücksichtigt, dass der Einsatzbereich von ultraleichten Skitouren-Textilien sich primär auf winterliche Temperaturen bezieht. Bei der Bewertung von Isolationskraft und Wasserdampfdurchlass handelt es sich um eine Zusammenfassung der individuellen, subjektiven Testeindrücke.

Alle Jacken im Überblick

Das sagen die Bewertungs-Diagramme aus

Ausstattung

Die Bewertung richtet sich primär nach der Frage, wie umfangreich die Ausstattung einer Jacke ist, z. B. Art und Anzahl der Taschen, Kapuze plus Justierung, Ärmelbündchen etc. Zudem fliesst mit ein, wie gut ein Hersteller Ausstattungslösungen im Detail umgesetzt hat.

Wasserdampfdurchlass

Wie schnell und stark gerate ich (unangenehm oder zu sehr) ins Schwitzen? Bleibt meine Schwitzfeuchtigkeit in der Jacke «hängen» oder wird sie von meinem Körper wegtransportiert? Gibt es an bestimmten Stellen gefühlte Hitzestaus? Sammelt sich der Wasserdampf in der Jacke oder wird er gänzlich nach aussen «entsorgt»?

Isolationsstärke

Wie warm wird mir in der Jacke? Wie ist das Wärmerückhaltevermögen, wenn ich pausiere? Wie anfällig ist die Jacke bei Wind? Behält die Jacke ihre Isolationskraft auch im feuchten Zustand?

Preis/Leistung

In welchem Verhältnis steht der Kaufpreis zur gebotenen Qualität und Funktion? Wie viel «Jacke» bekomme ich für den Preis?

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Outdoor Guide

Outdoor Guide GmbH
Eichbergerstrasse 60
CH-9452 Hinterforst

Email: info@outdoor-guide.ch
Phone: +41 71 755 66 55


Folgen Sie uns auf:

Enter-Taste drücken

Skitest 2017Flowmotion Joystick Gadget