Test: Steigfelle

Felle für alle Fälle

Steigfelle bringen uns sicher und kraftsparend auf den Gipfel. So weit die Theorie. Aber leisten die aktuellen Tourenallrounder auch das, was sie versprechen? Der Outdoor Content Hub hat sieben Modelle einem intensiven Feld- und Labortest unterzogen und zeigt, welche Modelle oben ausschwingen. 

Text: Jürg Buschor

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Das gilt für Ski- und Splitboardtouren ganz besonders. Denn bevor man sich dem Abfahrtsrausch hingeben kann, steht zuerst ein Aufstieg an. Wie anstrengend dieser ausfällt, hängt nicht nur von den zurückgelegten Höhenmetern und der Distanz ab. Das weiss jeder, dessen Steigfell am Berg schon einmal gezickt hat. Ob der Kleber die Haltekraft einbüsst, sich hartnäckige Stollen bilden oder der Flor nicht mehr greift, sondern durchrutscht – jedes Problem kostet Nerven, Energie und stellt auch ein potenzielles Sicherheitsrisiko dar. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die meisten Tourengeher erst dann intensiv mit dem Thema Steigfell beschäftigen, wenn sie schon fluchend am Berg stehen.

Auch wenn sich die Testresultate teilweise erheblich unterscheiden: Der Aufbau eines Fells ist eigentlich immer gleich und besteht aus einem Grundgewebe mit Faserflor, einer wasserdichten Zwischenlage, dem Rückstoff und schliesslich einer Adhäsionsschicht. Was macht also den Unterschied aus? Wie so oft, steckt der Teufel auch hier im Detail. Qualität und Verarbeitung des Rohmaterials entscheiden über die Funktionalität des Endprodukts. Wie gut ein Fell gleitet und steigt, hängt stark vom verwendeten Flor (Mohair, Kunstfaser oder Mischungen aus beidem), aber auch von der Webart, der Faserqualität und der Florlänge ab und mit welchem Anstellwinkel diese parallel zur Laufrichtung fixiert werden. Der polyesterverstärkte Baumwollrückstoff stabilisiert dabei den Fellflor und erhöht die Reissfestigkeit des Steigfells. Dass die Schneebeschaffenheit, der Feuchtigkeitsgehalt und die herrschenden Temperaturen ebenfalls einen starken Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben, sei an dieser Stelle auch gleich erwähnt.

Der Steigfell-Test in Bildern:

Haftungsfragen

Alle vom Outdoor Content Hub getesteten Produkte sind sogenannte Klebespannfelle. Sie werden von einer rückstandsfreien und kälteresistenten Adhäsionsfläche auf dem Skibelag fixiert und gleichzeitig an Skispitze und -ende befestigt. Nahezu verschwunden sind hier Befestigungen aus dehnbarem Gummi. Ständig der aggressiven UV-Strahlung und kalten Temperaturen ausgesetzt, werden sie spröde und reissen früher oder später – meistens im dümmsten Moment.

Bei den Adhäsionsflächen überwiegen immer noch Schmelzklebestoffe, die sich bei wechselnden Verhältnissen und mehrmaligem Auffellen mehrheitlich gut bewährt haben. Jeder Hersteller verwendet hier seine eigene Rezeptur, die idealerweise die Balance von guter, aber nicht zu aggressiver Haftwirkung herstellt. Immer populärer sind Adhäsionsflächen auf Silikonoder Acrylat-Basis. Sie lassen sich mit wenig Kraft und komplett rückstandsfrei vom Skibelag abziehen und können ohne Trennfolie transportiert werden. Sollte die Beschichtung einmal verschmutzt sein, lässt sie sich mit lauwarmem Wasser oder Seifenwasser und einem weichen Schwamm reinigen. Gerade wegen dem einfachen und kraftsparenden Handling ist diese Adhäsionstechnologie besonders bei Toureneinsteigern beliebt. Die Kehrseite der Medaille: Bei mehrmaligem Auffellen ist penibel darauf zu achten, dass sowohl Adhäsionsfläche als auch Skibelag vor dem Anbringen des Fells trocken sind. Gelangen Schnee und Wasser auf die Silikonschichten, geht die Haftwirkung schnell verloren.

Am besten regelmässig: pflegen und üben

Überhaupt gilt bei Steigfellen ganz generell: Jeder Tourengeher hat zu einem Grossteil selber in der Hand, wie gut sein Fell funktioniert. Verunreinigungen der Fell- und Haftseite sowie Schnee- und Wasserkontakt auf der Adhäsionsfläche sollten vermieden werden, ebenso das Aufeinanderlegen zweier Schmelzkleberfelle ohne Trennfolie. Weil Sturm und Kälte das Fellhandling am Berg nicht gerade vereinfachen, lohnt es sich, die Fellmanipulationen (aufziehen, abziehen und zusammenlegen) bei idealen Bedingungen einzuüben. Im Feldtest des Outdoor Content Hubs schwangen hier die geschmeidig weichen Felle oben aus, die sich leicht zusammenlegen oder zusammenrollen lassen und platzsparend im Rucksack oder der Brusttasche verschwanden. Übrigens: Auch die mitgelieferten Schutzfolien können je nach Zuschnitt und Material das Packvolumen beträchtlich erhöhen. Eine praktische Alternative zu Trennfolien sind Fellstrümpfe, die ein rasches Verstauen auch bei starkem Wind und kalten Temperaturen erlauben.

Was bei Skiern selbstverständlich ist, wird bei den Steigfellen meist vernachlässigt: die regelmässige Pflege. Damit die Gleiteigenschaften erhalten bleiben und die Stollenbildung reduziert wird, müssen Felle regelmässig mit Imprägniermittel behandelt werden. Ein Block Imprägnierwachs im Taschenformat kann im Zweifel über den Erfolg einer Tour entscheiden. Auch die Adhäsionsfläche verdient in schöner Regelmässigkeit etwas Aufmerksamkeit in Form einer Reinigung bzw. einer Komplett- oder Teilerneuerung des Schmelzklebestoffs. So hält das Steigfell verlässlich am Ski und erhält gleichzeitig auch die Freude seines Besitzers.

7 Steigfelle im Labor- und Praxistest

So haben wir getestet

Feldtest

Der Outdoor Content Hub hat die sieben Allround-Steigfelle in einem aufwändigen Feld- und Labortest auf Herz und Nieren geprüft. Im Praxistest standen die Produkte während des ganzen Winters 2017/2018 bei unterschiedlichsten Schneeverhältnissen, Temperaturen und Wetterbedingungen im praktischen Einsatz auf Skitouren. Dabei wurden die Luft- und Schneetemperaturen, die Luftfeuchtigkeit sowie die Schneekonsistenz akribisch genau erfasst und die Testeindrücke notiert. Auf den zahlreichen Touren kamen knapp 15’000 Höhenmeter zusammen, was in etwa der Saisonleistung eines durchschnittlichen Skitourengehers entspricht.

In einer zweiten Serie von Praxistests wurden die Steig- und Gleiteigenschaften der sieben Allround-Steigfelle in einem normierten Umfeld im konkaven Auslaufbereich einer Skisprungschanze bei verschiedensten Temperaturen und Schneebedingungen getestet. Um Urteilsverzerrungen zu vermeiden, wurden die Steigfelle für beide Praxistestserien mit einheitlichem Skimaterial durchgeführt. Hierfür haben wir das weit verbreitete Skimodell Wayback 96 von K2 (in der Länge 177 cm) verwendet.

Labortest

Nach Abschluss der Praxistests wurden sowohl die gebrauchten Steigfelle als auch Produkte im Neuzustand in einem mehrteiligen Labortest am Forschungszentrum Schnee, Ski und Alpinsport an der Universität Innsbruck geprüft. Im Zentrum der Untersuchungen stand dabei die Messungen der Tribometeranlage, die für die Forschung an Sportgeräten und -materialien entwickelt wurde. Das lineare Tribometer für Schnee und Eis erfasst den Reibungskoeffizienten bei sportartspezifischen Geschwindigkeiten.

Jedes Steigfell wurde anhand der Labor- und Praxistests bewertet. Die Bewertung reicht von 1 bis 10, wobei die Werte immer relativ zum kleinsten und grössten Wert des Tests sind. Das Gewicht der Felle inklusive Befestigungen bezieht sich auf den Standard-Testski K2 Wayback 96 (Länge 177). Der Wert 1 (schwer) entspricht einem Fellgewicht von 590 Gramm pro Paar, der Wert 10 (leicht) entspricht einem Gewicht von 414 Gramm pro Paar.

Handling

Handling und Packmass

Auch das Handling und das Packmass wurden bewertet. Wie gut funktioniert das Abdecken mit Fellnetz oder Schutzfolie? Kann man – wenn auch nur zur Not – Kleber auf Kleber legen? Lässt sich das Fell praktisch im Packsack verstauen? Wie einfach sind die Befestigungen zu bedienen? Fühlt sich das Fell flexibel oder starr an? Wie kompakt lässt sich das Fell zusammenrollen oder falten? Wie gut haftet das Fell auf dem Skibelag? Jedes Fell erhielt am Anfang die maximal mögliche Bewertung von 10 Punkten, anschliessend wurde für jede negative Auffälligkeit ein Punkt abgezogen.

Bewertung:

1 Punkt: sehr voluminös und sperrig / komplett unpraktisch
10 Punkte: sehr klein / völlig problemlose Handhabung

Adhäsion

Adhäsion

Das Steigfell soll am Skibelag haften – möglichst dauerhaft und bei allen Bedingungen, aber nur so stark, dass ein Abziehen mit wenig Kraft und komplett rückstandsfrei möglich ist. Um dies festzustellen wurde in der Klimakammer des Forschungszentrums Schnee, Ski und Alpinsport der Universität Innsbruck ein Testski fixiert und das Fell in einem fixierten Winkel vom Ski abgezogen. Dabei wurde mit einer Handwaage der Firma Kern (CH15k20) die Kraft gemessen, die dafür notwendig ist. Für die Ermittlung der Werte wurden in der Klimakammer zwei Szenarien simuliert: Eine Skitour im Hochwinter bei -5°C sowie eine Frühlingsskitour bei +5°C. Sowohl Felle als auch Testski wurden in der Klimakammer entsprechend vortemperiert. Sowohl Skibelag als auch Haftbelag waren für den Test in komplett trockenem Zustand. Die Testresultate flossen in die Bewertung Handling ein.

Stolltest

Stolltest

Nach dem Wasseraufnahmetest wurden die Metallplatten mit den feuchten/nassen Fellen in der Klimakammer bei -7°C auf Neuschnee abgesetzt und während 10 Minuten belastet. Danach wurde die Metallplatte drei Mal abgeklopft und eine optische Beurteilung der Schneebindung vorgenommen, um die Anfälligkeit für Stollenbildung zu beurteilen. Hier zeigte sich kein klares Testresultat. Auch im Feldtest über mehrere Wochen und bei verschiedensten Bedingungen war bei keinem der Testfelle eine Stollenbildung zu beklagen.

Wasseraufnahme

Wasseraufnahme Labortest

Eine starke Wasseraufnahme erhöht nicht nur das Gewicht des Steigfells, sondern erhöht auch das Risiko der Stollenbildung. Aus diesem Grund wurden Fellmuster auf eine Metallplatte gespannt und in ein Wasserbecken (Wassertemperatur 20°C) gelegt, sodass der gesamte Fellflor unter Wasser stand. Nach 10 Minuten liess man das auf der Platte festgeklebte Fell eine Minute lang abtropfen. Dann wog man das Fellmuster erneut und verglich das Gewicht mit dem Gewicht des Steigfells im trockenen Zustand.

Steigeigenschaften

Im Praxistest wurden alle Felle auf den Standard-Testski K2 Wayback 96 aufgezogen und im realen Tourenbetrieb eingesetzt, wobei die herrschenden Bedingungen alle erfasst wurden. Zusätzlich wurde im Rahmen eines strukturierten Feldtests auch auf dem Gelände der Skisprungschanze in Wildhaus/Schweiz getestet. Ein Proband stieg mit den immer gleichen Bewegungsabläufen den konkaven Auslaufbereich der Skisprungschanze hoch bis zu dem Punkt, an dem die Steigfelle zu rutschen begannen. Die Skistöcke wurden nur zum seitlichen ausbalancieren verwendet, nicht jedoch, um die Vorwärtsbewegung zu unterstützen. Gemessen wurde der höchste erreichte Punkt. Die Testserie wurde mehrfach bei verschiedensten Temperaturen und Schneebedingungen wiederholt.

In einer Tribometer-Messung im Labor wurde zudem die Haftreibung ermittelt (also die «statische Reibung» zwischen Fell und Schnee), indem die Grenzkraft bestimmt wurde, ab der das Fell zu rutschen anfängt. Dabei wird simuliert, dass ein Skitourengeher auf einer immer steiler werdenden Strecke bergauf steigt. Die statische Reibung ergibt sich bei einem Steigfell aus Ausrichtung und Länge der Haare, sowie der Materialwahl. Die Fragestellung lautet dabei: Ab welcher Steilheit des Hanges fängt das Fell zu rutschen an? Bei den Rennfellen machen Hersteller hier bewusst Abstriche: Man geht davon aus, dass die Rennfahrer den mangelnden Grip der Felle durch Stockeinsatz ausgleichen. Die Steigfelle sind deshalb extrem kurzhaarig, um Gewicht zu sparen und die Gleiteigenschaften zu verbessern.

Bewertung:

1 Punkt: hält mindestens bis 30° Hangneigung
10 Punkte: hält mindestens bis 45° Hangneigung

Gleiteigenschaften

Gleiteigenschaften

Im Feldtest wurden alle Felle auf den Standard-Testski K2 Wayback 96 aufgezogen und im realen Tourenbetrieb eingesetzt, wobei die herrschenden Bedingungen alle erfasst wurden. Zusätzlich wurde im Rahmen eines strukturierten Feldtests auch auf dem Gelände der Skisprungschanze in Wildhaus/Schweiz getestet. Von einem definierten Punkt des konkaven Auslaufbereichs einer Skisprungschanze aus gleitete ein Proband in die Fläche, wobei die zurückgelegte Distanz gemessen wurde. Die Testserie wurde an mehreren Tagen bei verschiedensten Temperaturen und Schneebedingungen mehrfach wiederholt.

Die Tribometer-Messungen im Labor liefen folgendermassen ab: Ein Messschlitten läuft an einem Stahlträger auf einer 23 m langen Messstrecke mit Spitzengeschwindigkeiten von 30m/s. Für die Testserie des Outdoor Content Hubs wurden auf zwei verschiedenen Schneesorten getestet: Neuschnee (Temperatur 5,8°C – 6,5°C, Schneefeuchtigkeit (Doser) 17-18), Altschnee (Temperatur 6,0°C – 6,5°C, Schneefeuchtigkeit (Doser) 19-20).

Gemessen wurde die so genannte «dynamische Reibung», d.h. wie viel Kraft und damit Energie nötig ist, um den Ski mitsamt Skibergsteiger in Bewegung zu halten. Klar: Je geringer der Widerstand, desto weniger Kraft muss aufgewendet werden. Zum Vergleich: Ein glatter Skibelag hat je nach Umgebungsbedingen einen Reibungskoeffizienten von etwa 4%. D.h. wenn der Ski mit 100 Newton (ca. 10 kg) belastet ist, braucht es für die Fortbewegung im Flachen 4 Newton. Die verschiedenen Messserien haben gezeigt, dass ein Top-Fell einen Wert von 10% aufweist (also die 2,5-fache Kraft), während bei einem ungünstigen Fell ein Wert von bis zu 28% auftreten kann, also die 7-fache Kraft gegenüber einem normalen Ski! Da verpufft im Aufstieg also jede Menge Energie, die unter Umständen kurz vor dem Gipfel oder in der Abfahrt fehlt.

Die Resultate der Steigfelle in diesem Test bewegten sich zwischen 16% (Colltex, Contour und Fischer) und 28% (Pomoca), wobei die Werte zwischen Alt- und Neuschnee variieren. Auch zwischen den fabrikneuen und den über eine Saison benutzten Steigfellen gibt es erhebliche Unterschiede. Das Pomoca Fell stellt hier einen Sonderfall dar: im Neuzustand massen wir einen Wert von 28% mehr Kraft, beim über eine Saison getesteten Produkt einen sehr guten Wert von lediglich 15%. Das liegt zum Teil an der ab Werk Beschichtung des Fells (siehe Mikroskopiebild), die zu Anfang einen stark negativen Einfluss auf die Reibung zwischen Schnee und Fell hat, sich aber schnell verliert. Pomoca sagt dazu: «Die Felle laufen sich schnell ein, schon nach wenigen Kilometern entfalten sie ihre volle Gleiteigenschaft».

Vor allem die Länge der Haare des Fells spielen hinsichtlich dynamischer Reibung eine Rolle. Typische Renn-Skifelle haben besonders kurze Haare, die entsprechend weniger Reibung erzeugen. Der Feldtest auf der Skisprungschanze zeigt den Unterschied sehr eindrücklich: Mit den Colltex- und Contour-Fellen glitt der Testfahrer an einem Testtag mit strammen Minustemperaturen 21 beziehungsweise 22 Meter weit, mit dem Fischer Profoil lediglich 11 Meter, mit den Black Diamond 13 Meter weit. Im Mittelfeld liegen hier das Pomoca mit 14 Metern, das G3 Alpinist+ Speed mit 15 Metern und das Montana Montamix Zebra mit 19 Metern.

Im Labor wird die statische Reibung auf dem Tribometer in Schritten gemessen, wobei die Kraft stetig erhöht wird, die entgegen der Fahrtrichtung zieht. Diejenige Kraft, bei der das Fell zu rutschen anfängt rechneten wir in eine theoretische Hangneigung um. Die verschiedenen Schneearten (Altschnee, Neuschnee) liefern hier unterschiedliche Ergebnisse. Das Pomoca Fell schafft im Neuschnee bis zu 34 Grad, das Colltex Tödi Mix würde bis zu 38 Grad hinaufklettern, ohne zu rutschen. Auf Altschnee würde das Pomoca Climb Pro S-Glide schon bei 33 Grad abrutschen, das Montana Zebra bringt es hier auf eine irrwitzige Steigung von bis zu 50 Grad. Wohlgemerkt unter Laborbedingungen, d.h. bei äusserst griffigem Schnee und vollständiger Auflage der Felle auf dem Schnee mit einem etwa 70 Kilogramm schweren Skitourengeher. Gemessen wurde sowohl mit schmalen Gleitkörpern (um die Effekte von verschiedenen Skimodellen auszuschliessen) als auch mit dem Standard-Testski K2 Wayback 96.

Interessante Erkenntnis aus dem Feldtest: Bei einer Hangneigung von weniger als 30 Grad verhalten sich die Felle fast identisch: sie rutschen nicht. Eine Ausnahme bildet hier das Fischer Profoil, das insbesondere auf hart gepresstem und vereistem Schnee oder Eisplatten nur wenig halt bietet und entsprechend ein präzises Auftreten (möglichst viel Fläche mit Schneekontakt), korrekte Gewichtsverlagerung und hohe Konzentration erfordert.

Bewertung:

1 Punkt: eingeschränkt, entspricht einer zusätzlichen Kraft von 28%
10 Punkte: sehr gut, entspricht einer zusätzlichen Kraft von 10%

GUT ZU WISSEN...

Kleine Materialkunde

Natur- oder Synthetikfasern? Diese Frage sorgt unter Snowboard- und Skitourengehern oft für hitzig geführte Diskussionen. Eine kurze Übersicht nennt die Vor- und Nachteilen der verschiedenen Materialien.

Mohair

Als Mohair bezeichnet man das feine Haar der Angoraziege. Es ist im Gegensatz zu Kunstfasern innen hohl, was sich positiv auf das Gesamtgewicht auswirkt. Steigfelle aus 100 Prozent Mohair überzeugen vor allem durch ihre hervorragenden Gleiteigenschaften – und zwar über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Dennoch überzeugen sie mit guter Steigfähigkeit auf Schnee und bleiben selbst bei klirrender Kälte geschmeidig. Mohair ist deshalb nach wie vor die erste Wahl vieler ambitionierte Tourengeher und Rennläufer. Allerdings sind Mohair-Felle meist etwas teurer sowie empfindlicher und pflegeintensiver als die beiden Alternativen.

Synthetik

Kunstfaserfelle werden aus Nylonfasern gefertigt und sind sehr strapazierbar und pflegeleicht. Selbst Steinkontakte nehmen sie meist klaglos hin. Stressfrei im Einsatz und bei der Pflege eignen sie sich besonders für Einsteiger oder Gelegenheitstourengeher, die seltener im Gelände unterwegs sind. Auch für Freerider, die nur kurze Aufstiege zu bewältigen haben, sind sie eine kostengünstige Alternative zu Mohair. Bei grosser Kälte gleiten sie spürbar schlechter als Felle mit hohem Mohair-Anteil. Eine gewissenhafte Imprägnierung behebt das Problem zumindest teilweise.

Mohair-Synthetik-Mix

Das Beste aus zwei Welten versprechen die so genannten Mix-Felle. Sie kombinieren eine gute Steigfähigkeit und auch hinsichtlich Gleitfähigkeit schliessen sie immer näher zu den reinen Mohair-Fellen auf. Im Neuzustand bemerkt man kaum noch einen Unterschied zu den Naturfasern. Die Beimischung von in der Regel etwa 30 Prozent Synthetikfasern erhöht die Abriebfestigkeit und damit die Lebensdauer.

Kompetenter Testpartner

Der Steigfelltest des Outdoor Content Hubs wurde in Kooperation mit dem Forschungszentrum Schnee, Ski und Alpinsport der Universität Innsbruck/Österreich (ursprünglich: Technologiezentrum Ski- und Alpinsport) durchgeführt. Das Forschungszentrum wurde im Jahr 2005 mit Unterstützung der Tiroler Zukunftsstiftung eingerichtet. Zentrale Aufgabe ist die Durchführung von Forschungsarbeiten für die heimische Winter- und Sommersportwirtschaft, um durch Innovationen Marktvorteile erreichen und ausbauen zu können. Der Schwerpunkt der Tätigkeiten des Technologiezentrums liegt dabei in der (Weiter-) Entwicklung von Sportgeräten, Sportanlagen und Sporttextilien.

Moderne Testanlage

Die Tribometeranlage des Forschungszentrums Schnee, Ski und Alpinsport an der Universität Innsbruck wurde eigens für die Forschung an Sportgeräten und -materialien entwickelt. Auf der Anlage kann die Reibung auf Schnee oder auch Eis bei Temperaturen bis -20°C und bei Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h untersucht werden. Dabei beschleunigt ein Probekörper innerhalb weniger Zehntelsekunden, fährt dann bei konstanter Geschwindigkeit über eine exakt präparierte Fläche und wird am Ende wieder abgebremst. Daraus können die Gleiteigenschaften mit hoher Genauigkeit bestimmt werden. Die Gesamtanlage ist 30 m lang und ist beinahe ganzjährig im Betrieb. Durch die erstmals mögliche getrennte Regelung von Luftfeuchtigkeit, Lufttemperatur und der Temperatur von Schnee bzw. Eis ergibt sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Testbedingungen.

Hasler, M., Schindelwig, K., Mayr, B., Knoflach, C., Rohm, S., Putten, J. v., & Nachbauer, W. (2016). A Novel Ski–Snow Tribometer and its Precision. Tribology Letters. doi:10.1007/s11249-016-0719-2

So pflegt man Steigfelle richtig

Korrekte Anwendung und regelmässige Pflege vorausgesetzt, leisten Steigfelle über Jahre zuverlässig ihren Dienst. Eine Verschmutzung der Fell- und Haftseite sollte unbedingt vermieden werden – was zugegebenermassen nicht so einfach ist, wenn man bei stürmischen Winden oder extremen Minustemperaturen die Felle möglichst schnell wegpacken möchte. Bei der Reinigung sind die Pflegehinweise der Hersteller unbedingt zu beachten.

Reinigung

Grundsätzlich gilt: Die verschmutzten Felle mit einem feuchten Tuch gründlich abreiben. Anschliessend neu imprägnieren, um Wasseraufnahme und Stollenbildung vorzubeugen. Für die Imprägnierung der Skifelle gibt es verschiedene Pflegeprodukte wie Sprays oder Applikationsschwämme. Je nach Hersteller und Belag (z. B. beim getesteten Contour Hybrid) ist eine sanfte Reinigung mit einem Tuch oder Schwamm möglich. Bei klassischen Hotmelt-Klebern kann gröberer Schmutz wie Gras, Tannennadeln oder Textilfasern mit einer Pinzette vorsichtig entfernt werden. Bei starker Verschmutzung hilft irgendwann nur noch die Erneuerung der Klebeschicht, wie sie Fachhändler und Hersteller anbieten. Wer selber Hand anlegen will, findet auf Herstellerwebseiten oder auf YouTube entsprechende Tutorial-Videos.

Handhabung

Grundregel: Die Steigfelle müssen möglichst sauber und trocken verstaut werden. Sind sie feucht, ist eine körpernahe Aufbewahrung (z.B. in den Brusttaschen) ratsam, damit sie trocknen können. Das ist besonders dann wichtig, wenn man auf Tour mehrmals auffellen muss. Unbedingt darauf achten, dass der Skibelag immer frei ist von Schmutz, Schnee oder Eis. Leichte und kompakt verstaubare Microfasertücher leisten hier wertvolle Dienste, der oft anstelle von Netzabdeckungen verwendete Aufbewahrungsstrumpf natürlich auch. Selbstverständlich kann auch der Jackenärmel oder das Wechsel-T-Shirt dafür herhalten.

Problembehebung unterwegs

Wenn sich unterwegs die Skifellenden ablösen oder die Kleberfläche an einigen Stellen verschmutzt ist, helfen Haftkleberpads (z. B. Colltex Quicktex) die ebenso zur Grundausstattung des Skitourenrucksacks gehören wie die Notfallapotheke. Gegen Stollenbildung helfen Imprägnierwachs oder Imprägnierspray. Wenn die Front- oder End-Befestigungen brechen oder ausreissen, helfen oft ein paar Kabelbinder für eine Notfallfixierung.

Aufbewahrung

Zu Hause trocknet man die Felle am besten zuerst bei Zimmertemperatur und bewahrt sie danach an einem trockenen und dunklen Ort auf.

Text: Jürg Buschor
Der Journalist ist seit über 30 Jahren begeisterter Skitourengeher, steigt gerne auf und fährt noch lieber runter. Mit Fellen hat er zum Glück nur selten schlechte Erfahrungen gemacht – umso mehr war er über die unterschiedlichen Testresultate erstaunt.

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