E-Biketest 2018: 8 Allmountain-, und Enduro-E-Bikes im Test

MOTOR-SPORT

Es soll noch Skeptiker geben, die sich fragen, ob Mountainbiken mit einem «E» vorne dran tatsächlich Sport ist. Wir haben uns auf acht hochkarätige Gelände­maschinen mit Elektrounterstützung geschwungen. Die begeisterte Antwort nach beeindruckenden Ritten auf selektiven Trails: JA, … auf jeden Fall!

Text & Fotos: Christian Penning

Es gibt Momente, da wähnt man sich in einer rasenden Zeitmaschine. Eine Innovation jagt die nächste. Computer, Kameras und Unterhaltungselektronik sind das beste Beispiel dafür. Neuheiten, die heute gehypt werden, erzeugen zwei Jahre später allenfalls noch ein müdes Lächeln. Nicht weniger rasant verläuft die Entwicklung bei E-Mountainbikes. Noch flimmern die Bilder von braven, unscheinbaren Rentner­velos durch unsere Köpfe, die auf demWeg hinauf zur Alp dank Elektromotor still und genussvoll triumphierend an gewichtsoptimierten Racebikesvorbeiziehen, auf denen schwitzende Sportskanonen mit stählernen Waden sitzen, denen dennoch nur der frustrierte Blick aufs Hinterrad bleibt. Doch die Entwicklung ist längst weiter, wie die Auswahl der E-MTBs für diesen Test beweist.

Klar, noch sind die Gelände-Pedelecs schwer. Keiner der Testkandidaten belastet die Waage mit weniger als 21 Kilo. Doch der Faktor Gewicht ist bei den aktuellen Bikes nicht der entscheidende. Denn was die Gewichtsanzeige nach oben schiessen lässt, ist nicht einfach nur dröge Masse, sondern gut abgestimmte Technik, die wie ein muskelbepacktes Skelett ordentlich Power auf den Trail bringt. Bereits im E-MTB-Test vor einem Jahr wurde klar, wohin die Reise geht: weg von Hilfsmotoren, die mehr oder weniger harmonisch ans Bike geschraubt werden und das Bergauffahren irgendwie weniger anstrengend machen sollen. Hin zu Systemen, in denen Bike, Akku und E-Antrieb eine harmonische Einheit bilden wie ein sportliches Mountainbike und ein durchtrainierter, fahrtechnisch versierter Fahrer.

Landet man da nicht zwangsläufig bei einem Elektro­motorrad, einem Motocross-Töff mit E-Antrieb? Nein, die Idee ist eine andere. Unterstützung – ja! Nur am Gas drehen, und ab geht die Post – nein! Der Reiz von E-MTBs liegt ja gerade darin,den Mountainbike-Charakter beizubehalten, nur eben mit weniger Kraftaufwand bergauf. Oder eben darin, dass sich bei gleichem Kraftaufwand Pfade bewältigen lassen, die noch ein, zwei Kategorien anspruchsvoller sind als das, was man sonst am persönlichen Limit gerade noch schafft. Genau das ist den E-MTB-Entwicklern mit der a­ktuellen Generation von Allmountain- und Enduro-­E-MTBs so gut gelungen wie bislang noch nie.

Intuitive Sensorik: Fahrer und Maschine werden eins

Das Geheimnis liegt vor allem in feiner abgestimmten Antriebssystemen mit verbesserter Sensorik. Hatte man in der Vergangenheit insbesondere bei hohen Unterstützungsstufen wie dem Turbo-Modus bisweilen noch den Eindruck,dass sich diese Motor-Power gerade in technisch kniffligen Passagen nur schwer zähmen lässt, ist die Unterstützung nun viel homogener. Beinahe so, als käme die zusätzliche Kraft aus den eigenen Beinen. Ein Beispiel dafür ist der neue eMTB-Modus von Bosch am Trek «Powerfly 9 LT Plus». Dieser Modus ersetzt den bisherigen Sport-Modus und variiert zwischen den Fahrmodi Tour und Turbo. Empfahl es sich bisher, vor engen Kurven, steilen Rampen oder verblockten Passagen in den niedrigeren Modus herunterzuschalten, macht das der «intelligente» E-MTB-­Modus nun automatisch. Abhängig vom Pedaldruck passt sich die Motorunterstützung progressiv an die Fahrweise an. Aber auch andere Hersteller wie Shimano oder Rocky Mountain arbeiten mit einer ähnlichen Sensorik. Auch wenn die Motoren teils noch etwas an Durchzugskraft zugelegt haben, bieten sie dennoch ein mountainbike-­typisches, natürliches Fahrgefühl.

Zu den Innovationen gehört auch, dass E-MTBs auf den ersten Blick immer schwerer als solcheerkennbar sind. Integrierte Systeme setzen sich durch, nicht nur der Optik wegen. Die im Unterrohr verbauten Akkus sind im Falle von Stürzen durch den Rahmen gut geschützt, und die harmonischere Gewichtsverteilung sorgt für einen tieferen Schwerpunkt und ausgewogeneres Fahrverhalten.

Apropos Fahrverhalten: Auch an den Fahrwerken haben die Hersteller gefeilt. Die Federungssysteme sind ausgewogen und auf das Gewicht abgestimmt. Die Rahmengeometrie ist so optimiert, dass die E-MTBs in der Wendigkeit mit herkömmlichen Mountainbikes mittlerweile ganz gut mithalten können. Auch breite, stark profilierte Reifen zwischen 2,4 und 3,0 Zoll sind in der elektrisierten Allmountain- und Enduro-­Kategorie mittlerweile selbstverständlich – neben dem potenten Fahrwerk eine wichtige Voraussetzung, um die wuchtigen E-Boliden auch bergab unter Kontrolle zu halten. Ebenso wichtig sind hochwertige Bremsen mit grossem Scheibendurchmesser. Erste Wahl sind hier Vierkolbenmodelle, wie sie auch bei Downhill-­Bikes verwendet werden. Bei unterdimensionierten Bremsen besteht die Gefahr, dass sie auf längeren Abfahrten überhitzen und nicht mehr ordentlich funktionieren.

Voller Fahrspass bergauf und bergab

Macht sich das in der Praxis auch wirklich bemerkbar? Ja! Gewichtsbedingt sind die getesteten E-MTBs zwar im Schnitt etwas weniger agil als herkömmliche Mountainbikes. Dafür liegen sie sehr satt auf dem Trail und bieten gerade auf fahrtechnisch schwierigen, verblockten Pfaden viel Laufruhe und Sicherheit. Spitzenreiter sind hier das BMC «AMP LTD», das Trek «Powerfly 9 LT Plus» und das Rocky Mountain «Powerplay Carbon 70».

Ähnlich viel Spass bringen die langhubigen E-MTBs bergauf. Ganz bewusst hatten wir in die Teststrecke einen immer steiler und rauer werdenden Singletrail eingebaut. Passagen am Limit, auf denen mit einem herkömmlichen Mountainbike schnell der Ofen aus wäre, machten dank E-Support immer noch Spass, wenngleich Anstrengung und Konzentration erforderlich waren. Doch gerade bergauf eröffnen diese E-MTBs eine völlig neue Dimension des Mountainbikens. Die Unfahrbarkeitsgrenze verschiebt sich deutlich nach oben. So wird das Fahrvergnügen bergauf demokratisiert: Eine gesunde Grundfitness sollte man dennoch mitbringen, um hier ans Limit gehen zu können. Aber man muss nicht das asketische Leben der Cross-Country-Elite führen und Woche für Woche Hunderte von Kilometer spulen, um auf Trails bergauf seinen Spass zu haben.

Gar nicht so einfach war es für die Tester, bergauf die feinen Unterschiede zwischen den Modellen herauszufiltern. Denn vieles von dem, was sonst mit Muskelkraft und Fahrtechnik erarbeitet werden muss, nivelliert der motorisierte Antrieb.

Akkus und Gewicht: Noch Luft nach oben

Also alles Gold, was da am und um den Elektro­antrieb herum glänzt? Nicht ganz: Klar, E-MTBs sparen Kraft. Allerdings gibt es durchaus auch Situationen, in denen sie Kraft kosten. «Auf fahrtechnisch anspruchsvollen Trails fehlt mir für dieE-MTBs etwas die Power», hat Testerin Eliane gespürt. In der Tat ist ein beherzterer und etwas kraftvollerer Fahrstil nötig, um die über 20 Kilogramm schweren Untersätze geschmeidig durchs Trail-­Labyrinth zu manövrieren und auf steilen Passagen die Schwerkraft zu zähmen. Ganz zu schweigen davon, wenn das Bike über ein Kuhgatter gehoben werden muss – oder der Akku keinen Saft mehr hat.

Wie viele Höhenmeter genau die jeweiligen Akkus durchhalten, haben wir in diesem Test nicht exakt gemessen. Doch wurde auf den Testfahrten mit immer gleichen Testrunden deutlich, dass es doch merkliche Unterschiede gibt. Noch immer sind die Akkus der klar limitierende Faktor, wenn es um Radius und Reichweite von E-MTBs geht. Im sparsamen Eco-Modus und mit entsprechender Unterstützung der Muskelkraft mögen rund 2000 Höhenmeter auf einer mässig ansteigenden Forststrasse möglich sein. Doch in der Praxis ist die Versuchung einfach zu gross, im «Turbo»-­Modusbergauf zu preschen. Dann kann man froh sein, wenn man etwas mehr als die Hälfte schafft. Ein Zusatzakku ist teuer (um die CHF 800.-) und schwer.  Für weniger trainierte und zierliche Perso­nen nicht unbedingt die Ideallösung. So bleibt nur eine angepasste Routenwahl, ein längerer Stopp an einer Ladestation unterwegs oder im Zweifel eben doch eine energiesparende Fahrweise.

Motor-Show

Die getesteten Elektroantriebe im Vergleich


Bosch Line CX

Leistung 250 Watt
Max. Drehmoment 75 Nm
Unterstützungsstufen /
Antriebsmodi
Eco (50 %), Tour (120 %),

E-MTB (120 – 300 %), Turbo (300 %)

Akku / Energie 500 Wh
Testbikes Trek Powerfly 9 LT Plus
Sonstiges Unterstützung bis max. 25 km / h

 

Panasonic Multispeed

Leistung 250 Watt
Max. Drehmoment 70 Nm
Unterstützungsstufen /
Antriebsmodi
Eco, STD, High
Akku / Energie 621 Wh (432 Wh)
Testbikes FLYER Uproc 7 8,70
Sonstiges

 

Unterstützung bis max. 25 km / h; optional
mit 2-Gang-Getriebe erhältlich

 

Shimano Steps E-8000

Leistung 250 Watt
Max. Drehmoment 70 Nm
Unterstützungsstufen /
Antriebsmodi
Eco, Trail, Boost bis zu 300 %
Testbikes BIXS Sauvage 15e, BMC Trailfox AMP
LTD, Scott E-Genius 700 Tuned, Stevens
E-Sledge+, Thömus Lightrider E1 Elite
Sonstiges Unterstützung bis max. 25 km / h

 

 

Rocky Mountain Powerplay

Leistung 250 Watt
Max. Drehmoment k. A.
Unterstützungsstufen /

Antriebsmodi

3-Stufen Eco, Trail, Ludicrous,
mit App konfigurierbar
Akku / Energie 632 Wh, 48 V
Testbikes Rocky Mountain Altitude
Powerplay Carbon 70
Sonstiges Unterstützung bis max. 25 km / h, geringer
Tretwiderstand bei abgeschaltetem Motor,
sehr effektive Kraftentfaltung

Die E-Bike-Modelle im Überblick

Fazit: Eine neue Dimension des Bike-Erlebnisses

Die E-Mountainbikes im Testfeld widerlegen auch die letzten «Rentner-Ressentiments». Ganz im Gegenteil! Ausgestattet mit üppigen Federwegen, ausgereiften Fahrwerken, griffig breiten Reifen, einer feinfühligen Sensorik für natürliches Fahrgefühl und guten Bremsen bietet der aktuelle Jahrgang wahre Sportskanonen, die einem vor allem bergauf ein neues Mountainbike-­Erlebnis eröffnen. Die Schweizer Hersteller wie BMC, E-Bike-­Pionier Flyer, Scott und Thömus spielen dabei in der obersten Liga gut mit. Wer sich aufs E-MTB schwingt, sollte bei aller Euphorie und allem Fahrspass nicht vergessen, sich an eine verantwortungsvolle Trail-Etikette zu halten. Dann könnte es sein, dass zumindest abfahrtsorientierte Biker über so «altmodische» Krücken wie Bike-­Shuttles bald nur noch müde lächeln.

happy trails

So hat Outdoor Guide getestet

Um den Charakter jedes der getesteten Bikes möglichst exakt herauszuarbeiten, hat das Outdoor Guide Team mit zwei Teams getestet. Ein Kernteam von drei erfahrenen Bikern (ein Bike-Guide und ehemaliger Marathon-Racer, ein ehemaliger Cross-Country-Racer sowie ein Tourenfahrer) nahm die Bikes der Kategorien Allmountain und Enduro jeweils auf der anspruchs­vollen WM-Strecke von 2003 am Monte Ceneri im Tessin unter die Lupe. Die Enduro-Bikes mussten zusätzlich einen Härtetest auf der Downhill-Strecke am Monte Tamaro bewältigen.

Zähe Anstiege auf Asphalt zählten ebenso zu den Prüfungen wie technisch anspruchsvolle Rampen auf Fels- und Waldboden, zum grossen Teil bei trockenen und griffigen Bedingungen. Die Downhill-Strecke erwartete die Testkandidaten mit flowigen Abschnitten ebenso wie mit selektiven steilen und verblockten Passagen. Die E-MTBs (siehe Test ab unter Link…) wurden zusätzlich zur CC-Strecke auf einem fahrtechnisch anspruchsvollen Singletrail mit teils sehr steilen Rampen, grobem, losem Schotter und Wurzeln gefahren sowie auf der unteren Sektion der Downhill-Strecke.

Nach dem Test durch das Kernteam testete eine weitere Vergleichsgruppe von sechs Freizeitfahrern (Tourenfahrer und Amateur-Racer) die Bikes. Alle Bikes wurden mit der im Handel erhältlichen Serienbereifung getestet. Hutchinson unterstützte uns bei Reifen­pannen mit Ersatzschläuchen.

Detailarbeit

Funktion & Optik
Das ist uns im Praxistest aufgefallen

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