Biketest 2018: 12 Allmountain-, Enduro- und Trail-Bikes im Test

Potente Glücksbringer

Die einen futtern ständig Schokolade, andere schwören auf ihre tägliche Portion Lachs zum Frühstück: Die Hausmittel für die Produktion von Glückshormonen sind bisweilen skurril. Die sportliche Alternative: Schwing dich in den Bike-Sattel! Der Outdoor GuideTest zeigt: Der Mountainbike-Jahrgang 2018 versprüht richtig gute Laune!

Text & Fotos: Christian Penning

Mit dem Glück ist das so eine Sache. Läuft’s mal schlecht, vermisst man’s. Läuft es gut, gewöhnt man sich ziemlich daran und fühlt sich ruckzuck wieder im drögen Alltag. Gut, wenn man sich immer wieder ganz bewusst eine Dosis gute Laune gönnt. Zum Beispiel auf dem Mountainbike. Dazu sind die aktuellen Bergvelos des Jahrgangs 2018 wie geschaffen.

Kaum ein Sportgerät hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so schnell entwickelt wie das Mountainbike. Grössere Innovationssprünge gab es zuletzt bei Laufrädern (27,5 und 29 Zoll, breite 27,5-Plus-Laufräder), bei den Fahrwerken (Verbesserung von Uphill- und Downhill-Qualitäten) und natürlich beim Antrieb. Und jetzt? Der Fokus der Hersteller liegt momentan in erster Linie auf Detailverbesserungen. Doch diese gehen immer noch weit über eine rein optische Modellkosmetik hinaus. Ganz nach dem Motto: kleine Ursache, grosse Wirkung machen sich die Neuerungen in durchaus spürbaren Verbesserungen der Fahreigenschaften bemerkbar. Für den Outdoor Guide Test haben wir zwölf Allmountain-, Enduro- und Trail-Bikes gecheckt, die sich für Touren eignen, aber auch grobe Trailabfahrten grösstenteils souverän wegstecken. Dabei lag unser Augenmerk vor allem auf der Vielseitigkeit der Bikes – aus der Sicht vieler Mountainbiker eine Schlüsseleigenschaft, an der auch die Hersteller eifrig gefeilt haben.

Uphill und downhill top:
Neue, ausgewogene Geometrien

Was macht die neuen Bikes denn nun zu Glücksbringern? Oft sind es Feinheiten, die nicht sofort ins Auge stechen. Zum Beispiel haben die Hersteller kleine, aber effektive Updates der Rahmen­geometrien vorgenommen, um die Bikes noch vielseitiger zu machen. Um die Änderungen von Lenkwinkel, Sitzrohrwinkel, Oberrohr- oder Kettenstrebenlänge auf Anhieb zu erfassen, bedarf es schon eines geübten Auges. Doch schon kleine Änderungen können die Fahreigenschaften durchaus deutlich beeinflussen. Die aktuellen Trends: Ein längerer Reach (horizontaler Abstandvon der Mitte des Tretlagers bis zur Mitte des Steuerrohrs) und ein flacher Lenkwinkel sorgen bergab für Laufruhe und ein sicheres Fahrgefühl auf technisch anspruchsvollen Trails. Kurze Kettenstreben halten die Bikes trotzdem wendig. Ergebnis: Bei abfahrtslastigeren Gefährten wie Allmountain- und Enduro-Bikes macht sich das Geometrie-Update positiv bemerkbar. Sprich: Diese Maschinen gehen mittlerweile nicht nur geschmeidig bergab, sondern lassen sich auch bergauf beeindruckend gut und effektiv treten. Bei kurzhubigen Trail-Bikes mit Federwegen um die 130 Millimeter wurden vor allem die Downhill-Qualitäten vielfach verbessert, ohne dabei ihre Kletterfähigkeiten bergauf einzubüssen. Natürlich gibt es je nach Modell und Hersteller individuelle Unterschiede: Ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit ist das Specialized «Camber Expert 29». Das Trail-Bike bietet auf Anstiegen Vortrieb wie ein Marathon-Bike, lässt sich aber auch von verblockten Trails bergab nicht so schnell einschüchtern. Unterm Strich sind die Fahrwerke so ausgewogen und «allroundig» wie nie zuvor.

Um das zu unterstreichen, haben sich die Bike-­Hersteller noch ein paar Kniffe einfallen lassen. Nicht alle sind brandneu, aber einige scheinen sich doch durchzusetzen. Zum Beispiel variable Geometrien: Rocky Mountain praktiziert das mit dem Ride-Nine-System schon seit Jahren. Beim Trek «Fuel EX» lassen sich mit dem «Mino Link», einer Gewindekonstruktion an der Dämpferwippedes Hinterbaus, Lenkwinkel (0,5°) und Tretlagerhöhe (10 mm) mit einem Inbussschlüssel sekundenschnell anpassen, selbst unterwegs auf dem Trail. Beim «Scott Genius» reicht ein kleiner Boxenstopp, um das Fahrwerk per Flipchip an der Dämpferaufnahme zu verstellen und so das Bike ohne grösseren Aufwand von 27,5-Plus- auf 29-Zoll-Laufräder umzurüsten. Das funktioniert übrigens auch beim Trek «Fuel EX» und beim Bold «Linkin Trail LT 29».

Trends: Breite Reifen und 29-Zoll-Revival

Apropos Laufräder. Die Diskussionen um 27,5 oder 29 Zoll sind längst entschärft. Der Grund: Die vermeintlichen Nachteile wie Trägheit, fehlende Steifigkeit und mangelnde Agilität haben die Bike-Konstrukteure durch entsprechende Tricks bei der Rahmenkonstruktion weitgehend entschärft. Im Test waren in diesen Punkten jedenfalls kaum Unterschiede zwischen 27,5- und 29-Zoll-Bikes festzustellen. Entscheidend ist eben weniger das Laufradmass, als die Tatsache, dass das System jedes Modells für sich stimmig ist und funktioniert.

Auffällig: Die Übergänge zwischen den einzelnen Kategorien Trail, Allmountain und Enduro sind längst fliessend. Und nicht immer decken sich die Beschreibungen der Hersteller mit den Eindrücken der Outdoor Guide Tester. So entpuppte sich das eine oder andere Enduro-­Bike, wie das Bixs «Lane 150» eher als Allmountain-­Gerät mit viel Federweg. Und umgekehrt gibt es Trail-Bikes wie das Trek «Fuel EX 9.8 29», die bergab locker mit so manchem Allmountain-­Modell mithalten können.

Interessante Neuigkeiten gibt es in puncto Reifenbreite. Zwar kann man nicht von einer Schwemme an Bikes mit Plus-Reifen sprechen, doch einige Modelle (Scott «Genius», Trek «Fuel EX», Bold «Linkin Trail LT 29») bieten zumindest die breitere Option. Und auch die meisten anderen Modelle waren mit Reifenbreiten zwischen 2,4 und 2,6 Zoll doch relativ potent bereift.

Komfort, guten Grip und Fahrsicherheit bieten auch die mittlerweile sehr ausgereiften Remote-­Funktionen zur Verstellung des Fahrwerks. Verstellmöglichkeiten zwischen Trail- und Abfahrtsmodus sind mittlerweile beinahe selbstverständlich. Mit einer bemerkenswerten Neuheit rüstet BMC das «Speedfox» aus. Simultan mitdem Versenken der Sattelstütze öffnet sich der Dämpfer und der Downhill-Modus wird aktiviert. Fährt man die Sattelstütze wieder aus, schaltet der Dämpfer automatisch wieder in den Trail-­Modus. Originelle Idee. Die hat allerdings auch Nachteile. So ist es etwa auf flachen Wurzeltrailsnicht möglich, bei ausgefahrener Sattelstütze die Dämpfung voll zu öffnen, zudem ist die Sattel­stütze nicht stufenlos verstellbar.

Antriebe: Zweites Kettenblatt ade?

Was Antriebe und Schaltungen betrifft, sind Einfach-Systeme ohne Umwerfer vorne weiter auf dem Vormarsch. Gerade bei den Topmodellen findet man mittlerweile nur noch wenige Bikesmit Zweifach-Antrieb. SRAM hat sich ohnehin von Zweifach-Kurbeln komplett verabschiedet. Der Schaltungsspezialist setzt mit der «Eagle» auf ein Einfach-System mit zwölf Ritzeln und einer in der Praxis bewährten Übersetzungsbandbreite. Neben den hochpreisigen Modellen «XX1 Eagle» und «X01 Eagle» gibt es mit der «GX Eagle» den Zwölferpack mittlerweile auch im erschwinglicheren mittleren Preissegment.

Shimano bietet nach wie vor 1- und 2-fach-Schaltungen an. Die Entscheidung will der Marktführer ganz bewusst jedem Biker selbst überlassen. Über 85’000 Fahrer aus der ganzen Welt hat Shimano dazu online befragt. Das Ergebnis: geteilt. Etwa die Hälfte bevorzugt ein Ritzel an der Kurbel, die andere zwei. «Je nach Einsatzbereich und individuellen Faktoren wie Fahrstil und Fitness ist man mal mit dem einen, mal mit dem anderen System im Vorteil», fasst Shimano PR-Manager Ben Hillsdon zusammen. Gerade beim Erkunden neuer Trails oder auf schnellen, flachen Abschnitten bieten Zweifach-Antriebe teils noch etwas mehr Reserven. Dafür sparen Einfach-Systeme Gewicht, erleichtern das Schalten, eliminieren eine mögliche Defektquelle (Umwerfer) und sorgen nicht zuletzt für ein aufgeräumtes Cockpit. Trek bietet das «Fuel EX» ab Werk in der 29er-Version mit einer 2×11 Shimano XT an und in der 27,5-Zoll-Version mit einer 1×12 SRAM GX Eagle. Tipp: Wer statt der serienmässigen Einfach-Lösung doch lieber auf ein Doppelkettenblatt vorne setzt, sollte sich am besten noch vor dem Kauf mit seinem Händler absprechen, ob ein entsprechender Umbau möglich ist.

Fahrwerks-Tuning

Um noch mehr aus Federgabel und Dämpfer herauszuholen, braucht man keineswegs gleich eine eigene Boxen-Crew. Mit ein paar simplen Kniffen lassen sich Performance und Ansprechverhalten spürbar verbessern.

Schmiermittel: Die einfachste Lösung: Wer gut schmiert, fährt gut. Das trifft besonders auf die Federelemente zu. Doch nicht alle Fette und Öle eignen sich. Unbedingt abklären sollte man, ob die Schmiermittel die Dichtungen angreifen. Auf Nummer sicher geht, wer zu den Spezialschmierungen der Hersteller greift. Für RockShox gibt es die SRAM Butter. Für Gabeln und Dämpfer von Fox das Gold Oil.

Spacer: Der Luftdruck ist längst nicht die einzige Möglichkeit, um die Performance von Federgabeln und Dämpfern individuell abzustimmen. Die Hersteller verbauen sogenannte Spacer oder Tokens, mit denen sich das Luftvolumen erhöhen oder reduzieren lässt. Je mehr Spacer man einfügt und damit das Luftvolumen verringert, desto progressiver wird das Federverhalten. Die Spacer lassen sich auch ohne Mechanikerausbildung selbst ein- und ausbauen. Doch im Zweifel helfen auf jeden Fall die Experten im Bikeshop.

Info: sram.com/de
foxracingshox.de

Die Bike-Modelle im Überblick

Fazit: Viel Glücksgefühle mit den 2018er-Bikes

Wie schon gesagt, Glücksgefühle sind kein Dauerzustand. Doch die Bikes 2018 sind eine prima Möglichkeit, sie sich möglichst häufig zu gönnen. Wirkliche Enttäuschungen gab es in dieser Testflotte nicht. Genau überlegen sollte man sich vor dem Kauf, wo die persönlichen Touren-Präferenzenliegen, wie viel Wert man auf die Kletterfähigkeit, einen möglichst effektiven Vortrieb und auf die Abfahrtsqualität legt. Hier gibt es deutliche Unterschiede, auch wenn die Trail-Bikes bergab an Potenzial gewonnen haben und sich potente Enduros mittlerweile auch bergauf gut treten lassen. Die detaillierten Ergebnisse zu allen Modellen gibt’s in den Steckbriefen zu den einzelnen Bikes auf den nächsten Seiten. Viel Spass beim Studieren … und «happy trails»!

happy trails

So hat Outdoor Guide getestet

Um den Charakter jedes der getesteten Bikes möglichst exakt herauszuarbeiten, hat das Outdoor Guide Team mit zwei Teams getestet. Ein Kernteam von drei erfahrenen Bikern (ein Bike-Guide und ehemaliger Marathon-Racer, ein ehemaliger Cross-Country-Racer sowie ein Tourenfahrer) nahm die Bikes der Kategorien Allmountain und Enduro jeweils auf der anspruchs­vollen WM-Strecke von 2003 am Monte Ceneri im Tessin unter die Lupe. Die Enduro-Bikes mussten zusätzlich einen Härtetest auf der Downhill-Strecke am Monte Tamaro bewältigen.

Zähe Anstiege auf Asphalt zählten ebenso zu den Prüfungen wie technisch anspruchsvolle Rampen auf Fels- und Waldboden, zum grossen Teil bei trockenen und griffigen Bedingungen. Die Downhill-Strecke erwartete die Testkandidaten mit flowigen Abschnitten ebenso wie mit selektiven steilen und verblockten Passagen. Die E-MTBs (siehe Test ab unter Link…) wurden zusätzlich zur CC-Strecke auf einem fahrtechnisch anspruchsvollen Singletrail mit teils sehr steilen Rampen, grobem, losem Schotter und Wurzeln gefahren sowie auf der unteren Sektion der Downhill-Strecke.

Nach dem Test durch das Kernteam testete eine weitere Vergleichsgruppe von sechs Freizeitfahrern (Tourenfahrer und Amateur-Racer) die Bikes. Alle Bikes wurden mit der im Handel erhältlichen Serienbereifung getestet. Hutchinson unterstützte uns bei Reifen­pannen mit Ersatzschläuchen.

Detailarbeit

TECHNISCHE FEINHEITEN UNTER DER LUPE

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