Arc’teryx Procline Carbon

Fazit:

Der Arc’teryx Procline Carbon ist der erste Skitourenschuh, der sich für hochalpine Kletterpassagen ebenso gut eignet wie für Aufstiege und Abfahrten mit Ski. Der recht hohe Preis relativiert sich durch die Tatsache, dass der Schuh für Skibergsteiger funktionelle Features bietet, wie kein anderer Skitourenschuh und technologisch auf dem neuesten Stand ist. Ein heisser Kandidat für Könner.

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Testeindruck

Versierter Bergsteiger: Arc’teryx Procline Carbon

Wenn es ans Klettern geht, machen viele Skitourengeher eine etwas unbeholfene Figur – sie bewegen sich so grazil, als würden sie bei einer Modenschau mit schweren Bergtretern über den Catwalk stapfen. Dabei liegt der hölzern wirkende Auftritt oft nicht am fehlenden Können oder mangelnden motorischen Fähigkeiten sondern am sperrigen Schuhwerk. Schliesslich sollen Skischuhe für die Abfahrt möglichst steif sein. Für Klettereien in Fels und Eis aber muss ein Schuh eine hohe Bewegungsfreiheit bieten. Beides unter einen Hut zu kriegen, grenzt an alchemistischen Hokuspokus wie die Vereinigung von Wasser und Feuer.

Das hat die Skischuh-Entwickler des kanadischen Edel-Sportausrüsters Arc’teryx allerdings nicht abgeschreckt. Bei ihrem ersten Skischuh-Projekt, haben sie sich gleich den Olymp vorgenommen: die Symbiose von Berg- und Skitourenschuh. Ergebnis: Der Arc’teryx Procline Carbon – der erste Schuh, der die Brücke schlägt zwischen klettertauglichem Hochtouren-Bergschuh und Skitourenschuh. Er soll sich fürs Mixed- und Eisklettern ebenso eignen wie für Skitouren.

Konstruktion

Grundlage für die Vielseitigkeit des Procline Carbon ist die hohe Beweglichkeit des Schaftes im entriegelten Zustand. Als einziger Tourenskischuh erlaubt der Schaft im Walk-Modus neben einem grossen vertikalen Rotationswinkel (vor und zurück; insgesamt 75°) auch eine laterale Rotation (seitwärts). Das erhöht die Bewegungsfreiheit im Sprunggelenks- und Knöchelbereich spürbar. Nach Verriegelung durch einen handlichen Kipphebel am Heck ist der steife Carbon-Schaft in Abfahrtsposition fest arretiert wie bei einem herkömmlichen Skischuh.

Doch der Procline bietet noch eine Menge mehr Innovationen. Die Grilamid-Schale überlappt über dem Rist nicht und besitzt auch keine Kunststoffzunge. Das erleichtert zum einen den Einstieg in den Schuh, zum anderen verbessert es die Passform. Ausserdem spart diese Konstruktion Material und damit Gewicht. Die Schale lässt sich über dem Rist gut und gleichmässig zusammenziehen. Dafür sorgt eine in S-Form verlaufende Kabelkonstruktion an der Ristschnalle. Vor dem Eindringen von Schnee, Wasser und Feuchtigkeit schützt eine integrierte Gamasche mit wasserdichtem Reissverschluss. Sie ist mit der Schale verschweisst und zieht sich bis über den Schuhrand zum Unterschenkel.

Eine Gummikappe schützt die Schuhspitze im Fels und Geröll. Die kräftige Vibram-Profilsohle treibt zwar im Vergleich zu anderen leichtgewichtigen Tourenschuhen das Gewicht etwas nach oben, wirkt dafür aber sehr robust. Zusätzlich zur oberen Schnalle lässt sich der Sitz der Manschette mit einem Gurtband feinjustieren. Die Inserts für die Bindungsaufnahme sind Dynafit zertifiziert. Als Innenschuh stehen zwei Modelle zur Wahl: der minimalistische Lite Liner (180 g) und der Support Liner (250 g). Letzterer ist mit Verstärkungen an der Zunge und im Schaftbereich ausgestattet, um die Abfahrtseigenschaften zu verbessern. Beide Innenschuh-Varianten lassen sich optional schnüren.

Einsatzbereich/Zielgruppe

Der Arc’teryx Procline Carbon ist ein Top-Modell für ambitionierte Skibergsteiger, die neben den Aufstiegen und Abfahrten mit Ski an den Füssen auch längere und anspruchsvolle Passagen in Fels und Eis zurücklegen. Eiskletterer, die ihre Zustiege mit Tourenski absolvieren, kommen mit einem Paar Schuhen aus. Und dank der guten und bequemen Laufeigenschaften werden auch Skitourengeher den Procline Carbon zu schätzen wissen, die im Frühjahr am Anfang oder Ende der Tour längere Passagen zu Fuss auf Bergpfaden oder im unwegsamen Gelände zurücklegen müssen.

Erster Praxistest

Neben einem Gehtest im Gelände haben wir den Procline Carbon zwei Testfahrern (ein ambitionierter Tourengeher und ein Bergführer) für mehrere Tage auf Skitour und zum Eisklettern mitgegeben.

Dank der nicht überlappenden Schalenkonstruktion über dem Rist gelingt der Einstieg in den Procline Carbon geschmeidig und leicht. Sofort fällt der kompakte Sitz auf. Mit einer Leistenbreite von 98 mm ist der Schuh eher auf schmale Füsse zugeschnitten und passt dann in der Regel ohne intensive weitere Anpassungsmassnahmen sehr gut. Mit der Schnalle über dem Rist lässt sich die Weite über dem Vorfuss effizient und ohne punktuelle Druckstellen anpassen. Der Druck verteilt sich gleichmässig über den Fuss. Cleveres Detail: Die Ristschnalle ist mittig über dem Rist positioniert. Die Gefahr, mit der Schnalle hängenzubleiben und sie zu verbiegen oder abzureissen ist damit nahezu Null. Ebenso hervorragenden Halt bietet der Schuh im Knöchel- und Fersenbereich. Je nach individueller Fussform kann es natürlich Unterschiede geben. Doch verglichen mit anderen Skitourenschuhen ist der Sitz auffallend exakt. Dank der optional möglichen Schnürung des Innenschuhs lässt sich der Sitz noch weiter optimieren.

Das zahlt sich auch beim Gehen aus. Reibungsstellen, die Blasen verursachen können, werden minimiert. Der Schuh sitzt straff, aber bequem. So bietet er gerade in felsigem Terrain viel Halt und eine Menge Gefühl, da er sich sehr exakt setzen lässt. Um den Walk-Modus zu aktivieren, reicht es, den Hebel am Heckspoiler in aufrechte Position zu klappen. Der Schaft bietet auch bei geschlossener oberer Schnalle die nahezu maximal mögliche Bewegungsfreiheit – für eine präzise Führung des Schuhs, was auf anspruchsvollen Fels- und Kletterpassagen sowie beim Gehen und Klettern mit Steigeisen von Vorteil ist. Sowohl beim Klettern als auch beim Gehen macht sich die seitliche Bewegungsfreiheit im Geh-Modus positiv bemerkbar. Der Schuh wirkt weniger kippelig, die Tritte lassen sich exakter und mit zugleich grösserer Bewegungsfreiheit setzen. In Kombination mit dem hohen Bewegungsspielraum des Schaftes nach vorne und hinten ergibt sich ein Bewegungsgefühl, das einem gewöhnlichen Hochtourenschuh sehr nahe kommt.

Die schwarze Gummierung an der Schuhspitze schützt nicht nur die Schale vor Abrieb sondern heizt sich bei Sonnenschein auch etwas auf und sorgt so für warme oder zumindest weniger kalte Zehen. Die grob profilierte Vibram-Sohle bietet auch auf rauem Untergrund guten Halt.

Auch beim Aufstieg mit Ski in der Spur macht sich die laterale Bewegungsfreiheit positiv bemerkbar. Das Fell kann auch bei leicht hängender Spur plan aufgesetzt werden und bietet so mehr Grip. Leichte Nachteile bringt die Konstruktion nur beim Spuren auf hartem, verharschtem Untergrund, dann leidet die Seitenstabilität, und man bringt man nicht so viel Druck auf die Innenkanten wie mit seitlich fixiertem Schaft.

Und wie bewährt sich der Procline Carbon auf der Abfahrt? Nach Verriegelung durch einen Kipphebel am Heck sitzt der Schaft bombenfest. Auch die laterale Arretierung funktioniert bestens. Sofort fällt der relativ starke Vorlagewinkel auf. Er ermöglicht eine gute Kraftübertragung im steilen Gelände. Allerdings erhöht er auch den Druck auf Schaft und Schale, die für harte Schneebedingungen und aggressive Fahrweise nach vorne etwas weich wirken. Zumindest könnte die Vorlagehärte etwas progressiver ausfallen. Doch im Vergleich mit anderen Skitourenmodellen liegt die Härte immer noch in einem guten Rahmen, zumal die seitliche Kraftübertragung sehr gut ist. Jedenfalls hatten die Tester auch mit breiteren Ski (100 mm unter der Bindung) keine Performance-Probleme.

Aufgrund seiner kurzen Sohlenkonstruktion ist der Schuh nur mit Pin-Bindungen kompatibel, nicht mit Rahmen-Tourenbindungen oder Alpin-Bindungen.

 

Testautor: Christian Penning

Stärken:

+ Enorme Vielseitigkeit: für Kletterpassagen und fürs Eisklettern sowie längere Gehpassagen ebenso geeignet wie für Aufstiege und Abfahrten mit Ski

+ Mehr Sicherheit und mehr Gefühl beim Klettern und Gehen durch seitliche Flexiblität im Walk-Modus

+ relativ leicht

+ griffige Sohle

+ gute Kraftübertragung auf Abfahrten

+ Dynafit-zertifizierte Inserts

 

Schwächen:

In Abfahrtsposition etwas wenig progressive Härte in der Vorlage

Nicht für Rahmen-Tourenbindungen geeignet

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Zusätzliche Information

Spezifikationen

Gewicht: 1190 g
Preis: CHF 898.-
Leistenbreite: 98 mm
Schaftrotation: 75° vertikal; 23°, 12° lateral
Bindungskompabilität: Pin-Bindungen
Material: Grilamid, Carbon
Vertrieb: Gecko Supply
Tel.: 044 273 18 01
http://www.arcteryx.com
Zuladung: 45 kg
Volumen: 105 Liter

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