Mehr als Helden

In den 1960er Jahren erstmals erschienen, in den folgenden Jahrzehnten mehrfach neu aufgelegt und mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich ist das Buch «Der Tod als Seilgefährte» des bekannten deutschen Alpinjournalisten Walter Pause. Pause bündelte als Herausgeber ein paar Dutzend Schilderungen alpiner Unfälle – glimpfliche wie tödliche – zum Zweck einer «Schule der alpinen Gefahren», wie der Untertitel präzisierte. Einen ähnlichen Zugang wählt nun der Journalist und Historiker Thomas Käsbohrer mit dem Buch «Am Berg. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden», das 2019 neu erschien. In Zusammenarbeit mit der Bergwacht Bayern protokollierte Käsbohrer viele Einzelgespräche mit aktiven und ehemaligen Bergführern. Im Unterschied zu Pauses «Tod als Seilgefährte» nimmt Käsbohrers Arbeit nicht in Anspruch, mahnend den Finger zu erheben – auch wenn einige Unfallschilderungen sicherlich und hoffentlich lehrreich sind. Natürlich kommen im Buch unglaubliche Lebendrettungen nach tagelanger Vermisstensuche und tragische Totenbergungen zur Sprache. Aber, und das ist die grosse Stärke des Buches, eben nicht nur. Die Gespräche kreisen auch um alle anderen Dinge, die Bergretter und Bergretterinnen beschäftigen: Allen voran dem Umgang mit dem Geschehenen, der Verarbeitung des Gesehenen: Nicht nur von Heldengeschichten ist hier zu lesen, sondern auch von der kaum zu überschätzenden Bedeutung des Kriseninterventionsdienstes und dem langen Weg vom gemeinschaftlichen «Einsatzbier» bis zu einer professionellen psychologischen Betreuung der Bergretter. Am Eindrücklichsten bleibt dann auch die nur wenige Seiten kurze Schilderung des Bergretters Wast Pertl in Erinnerung. Gegen sein eigenes Ehrgefühl und die Beteuerungen der Kollegen schafft es Pertl, sich einzugestehen, dass ihn sein Einsatz in der unter Schneemassen zusammengebrochenen Eishalle von Bad Reichenhall psychisch ins Mark getroffen hatte – und kann sich dank professioneller Hilfe wieder aufrichten.

Lesenswert ist das Buch aber auch, weil in mehreren Interviews mit ausgewiesenen alpinen Experten die Probleme debattiert werden, mit denen (nicht nur) die Bergwacht Bayern gegenwärtig konfrontiert ist: Vom Risikoverhalten im Social-Media-Zeitalter über die rechtliche Problematik der Schmerzmittelverabreichung durch Bergretter bis hin zu typischen Einsatzmustern und Unfallursachen (Stichworte: Blockierung, Gruppendynamik, Vollkaskomentalität). Unterm Strich ist dieses Buch für alle Menschen eine lohnenswerte Lektüre, die ihre Freizeit in den Bergen verbringen und eine ganz besonders empfehlenswerte für diejenigen von ihnen, die mit dem Gedanken spielen, diese Freizeit mit einem Ehrenamt bei der Bergrettung zu füllen. Ganz prinzipiell lohnt sich der Kauf des Buches auch deshalb, weil 25 % der Erlöse zugunsten von Bergrettern gespendet werden. Eines aber wird ebenfalls klar: Zu einer Bergrettung gehören immer mindestens zwei, Retter und Opfer. Ein Buch, das im Stile von Pause oder Käsbohrer das Geschehene und seine Bewältigung aus der Sicht der Opfer (oder ihrer Hinterbliebenen) schildert, stellt weiterhin eine zu schliessende Lücke in der Alpinliteratur dar.

THOMAS KÄSBOHRER
«Am Berg. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden»
ISBN: 978-3-946014-80-5
CHF 35.80
www.millemari.de

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