Aus dem Wettlauf ausbrechen – Den Rest erledigt die Natur

Buchrezension Nives Meroi: Ich werde dich nicht warten lassen

Natürlich haben Nives Meroi und Romano Benet keinen neuen Achttausender entdeckt, wie der Untertitel suggeriert. Überhaupt ist es kein Buch über Rekorde. Kein Buch über nie zuvor gesehene sportliche Spitzenleistungen. Man muss das vorwegstellen, denn immerhin fand sich Nives Meroi im Jahr 2009 im weiblichen Wettlauf um die erste Komplettierung aller 14 Achttausender wieder. Mehr oder weniger unfreiwillig nahm sie am «Rennen» mit Gerlinde Kaltenbrunner und Edurne Pasaban teil, wie Meroi nicht müde wird zu betonen: «Romano und ich haben nicht genügend Geld, um «im Rennen» zu bleiben, und das wollen wir auch gar nicht.»

«Wer sagt denn, dass mein Alpinismus der richtige ist?»

An vielen Stellen des Buches präsentiert Meroi ihre eigene Auffassung vom Bergsteigen der Gegenwart, die oft aus deutlicher Ablehnung besteht. «Romano und ich sind zwei aus der Mode gekommene Nostalgiker, denen dieser überdrehte Alpinismus fremd ist», schreibt Meroi. «Was heutzutage zählt, sind Serienmässigkeit, Schnelligkeit und Erfolg.» Auch das Wort «Showbusiness» fällt. Bei aller Kritik behält sich Meroi aber einen ehrenwerten Selbstzweifel vor: «Wer sagt denn, dass mein Alpinismus der richtige ist?»

Gemeinsam mit Romano war sie bereits auf elf Achttausender gestiegen. 2009, auf dem Weg zum 12., dem Kangchendzönga, muss Romano auf 7500 Metern die Besteigung abbrechen. Zuhause in Italien wird ein Knochenmarksmangel festgestellt. Erst die zweite Transplantation bringt Erfolg, zwei Jahre nach der Diagnose ist mit dem Gran Paradiso der erste Viertausender, bald darauf der erste Sechstausender gemeinsam bestiegen.

2012 der nächste Versuch am «Kantsch» mit einem genesenen Romano. Er scheitert, weil die beiden in der Gipfelrinne falsch abbiegen. 2014, Romano ist inzwischen mit einer Hüftprothese unterwegs, folgt der dritte, diesmal erfolgreiche Versuch am dritthöchsten Berg der Erde. Das Rennen um die erste Frau auf allen 14 Achttausendern ist da längst entschieden. Merois Fazit auf der Höhe, nachdem viele Tiefen gemeinsam durchschritten waren: «Bis wir die revolutionäre Energie verstanden hatten, die aus einem zwischenmenschlichen «Bündnis» entsteht, durch das die Karten neu gemischt und die Gewissheiten einer Zukunft überraschend durcheinander gewirbelt werden.»

Am Spielplatz für gelangweilte Menschen

Nives Meroi versteht es wie kaum eine andere Bergsteigerin, zum einen in sich hineinzuhorchen, den Geist und Gefühle beim Höhenbergsteigen zu absorbieren. Und zum anderen in einfallsreichen, teils nie dagewesenen Worten zu konservieren: «Wir, die Kinder des Fortschritts, kommen mit durch die Entzauberung gestutzten Flügeln hierher, weil wir uns vom Höhenmeter-Mythos angezogen fühlen. Wie kurzsichtig!»Wer einmal in ansatzweise grossen Höhen unterwegs war und sich dabei Notizen gemacht hat, weiss, welche Anstrengungen damit verbunden sind.

Es ist zudem ein bemerkenswert ehrliches Buch, von seltener Uneitelkeit und immenser Selbstreflexion, zudem meinungsstark («der Everest, jener Spielplatz für gelangweilte Menschen»). Tiefer als viele andere Bücher taucht Meroi in die nepalesische Kultur ein, ist in der Lage, die inneren Landeskonflikte mit Maoisten zu erläutern, das im Vergleich zum Westen so andersartige Lebenstempo, die Nöte, Sorgen und Freude der Nepalesen, die Akribie und Empathie der Expeditionschronistin Elizabeth Hawley.

Ein vielschichtiges Bergbuch, das dank der guten Übersetzung anregend zu lesen ist. Es ist nicht nur ein «klassisches» Bergbuch, das einen Expeditionsverlauf schildert. Es setzt sich auch, so wie es das «moderne» Bergbuch verlangt, mit der eigenen Motivation, der eigenen Bergphilosophie auseinander. Und weil Meroi gerade das sehr gründlich und lustvoll tut, entstehen schöne Sätze, die merkwürdigerweise nicht pathetisch wirken: «Wir sind immer schon gerne in die Berge gegangen, um dem Himmel, dem Wind, dem Felsen und dem Schnee entgegenzugehen, (…) für den Rest hat die Natur gesorgt, sie hat uns beigebracht, Gesten und Gedanken ökonomisch einzusetzen – der erste Schritt zu einem schlichten Alpinismus ohne Abkürzungen.» Stellenweise bereichert das Werk die alpine Literatur um Einblicke in die Emanzipierung des Alpinismus, die aber bisweilen etwas in der Luft hängen bzw. mehr Probleme formulieren, als Lösungen präsentieren. Und auch wenn dem Leser mangels höhenbergsteigerischer Erfahrung der Einblick fehlt, wie ein Berg «sein Versprechen halten» kann, ist die Lektüre dieses Buches ein Gewinn.

 

Über Nives Meroi:

Meroi, 1961 in Bonate di Sotto (Provinz Bergamo) geboren, ist eine der stärksten Höhen-Bergsteigerinnen der Welt. Zusammen mit ihrem Mann Romano Benet lebt sie seit mehr als 20 Jahren im kleinen Ort Fusine Laghi in der Region Friaul-Julisch Venetien nahe der slowenischen und österreichischen Grenze und betreibt dort ein kleines Bergsportgeschäft.

Nives Meroi: «Ich werde dich nicht warten lassen». Der Kangchendzönga, Romano und ich. Oder unser 15. Achttausender
ISBN: 978-3-7022-3505-5

176 Seiten, 35 farb. Abb., 15 x 22,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag

Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2016

Preis: CHF 27.90

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