Aufregend und erschreckend

Buchrezension – Alex Honnold: «Allein in der Wand»

 

Auch nach Erscheinen dieses Buches wird der unangefochtene König des seilfreien Kletterns, Alex Honnold, wohl jene Dauerbrenner-Fragen gestellt bekommen, die ihm so lästig sind: «Hast Du keine Angst zu sterben?» «Warum tust du das?» Denn das 2016 erschienene Werk klärt solche Gretchenfragen nur bedingt.

Es ist zuvorderst eine Aneinanderreihung von Honnolds Taten – mehr Bilanz als Biographie. Und obwohl Honnold immer wieder längere Passagen aus eigener Feder beisteuert, Co-Autor David Roberts einer der erfahrensten Autoren der Alpinliteratur ist und die deutsche Übersetzung vom in Bergbuchdingen ebenfalls versierten Robert Steiner besorgt wird, bleibt der Mensch Honnold, der heute unter jedem seiner Facebook-Einträge von Menschen aus allen Winkeln der Erde zu ihnen nach Hause eingeladen wird, am Ende fast ebenso wenig greifbar wie zu Beginn des Buches.

Kein Kaffee, kein Alkohol, keine Wohnung

Was nicht heissen soll, dass es dem Buch an unterhaltsamen und spannenden Einblicken mangelt. Natürlich fanden viele Anekdoten Eingang: Dass Honnold gewissermassen von seiner Schüchternheit zum Soloklettern gezwungen wurde. Er traute sich schlicht nicht, Fremde anzusprechen. Dass Honnold weder für Kaffee noch für Alkohol etwas übrig hat – was ihn von anderen Kletterern vielleicht noch mehr unterscheidet als seine Solotouren. Dass er in einem ausgebauten Van lebt, von dem er selbst nicht erwartet, dass sich dort jemals eine Frau hineinverirrt.

«Die ersten Schritte waren ganz normal, so als würde ich auf einem schmalen Gehsteig in den Himmel gehen.»

Dass er keinen Helm mit auf eine Expedition zu einem brüchigen Zacken im Dschungel Borneos mitgenommen hatte. Dass er in Bergzeitschriften früher immer die Bilder mit Schnee überblättert hat. Dass sein einziger wirklicher Unfall am Berg, auf Uralt-Schneeschuhen passierte, als er bei einer weihnachtlichen Bergtour ein Couloir hinunterstürzte («nackter Terror») und von einem Hubschrauber gerettet wurde («beschämend»). Dass er sich die «Sufferfests» (Feste des Leidens) – aus wochenlangem Klettern und Radfahren bestehende Ausdauerhämmer – gewissermassen als mentale Entspannung nach schwierigen Solo-Kletterprojekten einschenkte. Dass er nicht die passenden Steigeisen für die Traverse des Fitz Roy dabeihatte (und eigentlich überhaupt noch nie richtig im Eis geklettert war).

Actionfilm statt Actionbuch?

Letzten Endes bleibt nach Lektüre des Buchs jedoch der Eindruck einer Karriere mit sehr wenig Scheitern und sehr sehr vielen Erfolgen, deren Aufzählung scheitern muss, weil mit Sicherheit einer fehlt. Und garantiert ist es einer, der Honnold persönlich sehr am Herzen liegt, aber von den Medien mit Missachtung gestraft wurde. Ein übrigens typisches Honnold-Problem: Einerseits werden seine Aktionen tatsächlich immer schwieriger nachzuvollziehen und einzuordnen. Auffällig oft werden Szenen aus produzierten Filmen nacherzählt – vielleicht sprengt Honnold hier wirklich das Genre des Abenteuerbuches, und man muss seine Klettereien einfach sehen, anstatt von ihnen zu lesen.

Zum anderen ist Alex «No Big Deal» Honnold nach Aussage von Weggefährten nur noch im Understatement ebenso gut wie im Klettern. Etwa die zur Bildikone gewordene Verschnaufpause auf der Thank God Ledge, einem 30 Zentimeter breiten Sims. Für seine Anhängerschaft war die Pose derart unbegreifbar, dass umgehend der Trend «Honnolding» für starres Stehen auf Kühlschränken, Leitern etc. ausbrach. Honnold selbst schildert die Szene so: «Die ersten Schritte waren ganz normal, so als würde ich auf einem schmalen Gehsteig in den Himmel gehen.»

No big deal: Honnold, Meister der Untertreibung

Selbst in einem der laut Honnold kritischsten Momente seiner Karriere, als er nach einer Solobegehung am Half Dome kurz unter dem Ausstieg weder vor noch zurückkam, überlegte er aus Stilgründen, ob der den Haken vor seiner Nase nun schnappen sollte oder nicht: «Ich wehrte mich gegen den Drang, ihn zu ergreifen, dachte aber auch daran, wie dumm es wäre, wegen dieser Platte zu sterben».

Und nach seinem Free Solo durch den «Sendero Luminoso», das von Kennern meist in eine Reihe mit Hansjörg Auers Solo im «Weg durch den Fisch» oder Alexander Hubers «Hasse-Brandler» gestellt wird, schrieb Honnold sachlich ins Gipfelbuch: «Solo, in zwei Stunden, great day out!!» Stellenweise wird Honnolds Understatement sogar zum Bumerang – nämlich dann, wenn er seine Touren zuvor als recht aufwühlend beschreibt und sie anschliessend herunterputzt: Etwa die Fitz-Traverse mit Tommy Caldwell, die Honnold fast despektierlich als «nicht so bahnbrechend» bezeichnet. «Es war wie ein richtig lustiger fünftägiger Campingausflug mit einem guten Freund.»

Die Traverse mit Tommy Caldwell über alle Zacken des Fitz-Roy-Massivs? «Es war wie ein richtig lustiger fünftägiger Campingausflug mit einem guten Freund.»

Es wäre interessant gewesen, noch genauer zu beleuchten, warum den Sohn zweier Englisch-Lehrer gerade das Klettern so manisch anzieht. Warum er vielleicht mal drei Tage, aber niemals einen ganzen Monat auf das Klettern verzichten könnte. Dass der von Aussenstehenden mal als gefühlskalt, mal als arrogant titulierte Kletterpopstar in einem Kapitel versucht, sein Liebesleben zu beschreiben, ist dagegen eine faustdicke Überraschung. Plötzlich menschelt es im Buch («ich glaube, ganz innen im Kern lag eine tiefe Traurigkeit») – doch selbst ein ausgewachsener Liebeskummer ist bei Honnold am Wandfuss schon wieder verflogen. «Dort angekommen, wandte sich mein Verstand den praktischen Fragen zu. Nun endlich konnte ich damit aufhören zu versuchen, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten, und mich ganz auf das Klettern konzentrieren.»

Man weiss am Ende nicht so genau, ob das Buch an einer vollständigen Biographie im Sinne eines Psychogramms scheitert – oder ob es Honnold genau trifft. Tommy Caldwell, mit dem Honnold die Fitz Traverse erstbeging, schrieb über Honnold: «Seine Gespräche streiften nie Themen wie Tod, Liebe oder auch nur natürliche Schönheit. Mir kam es so vor, als wäre für ihn alles entweder krass oder langweilig. Wahrscheinlich ist das mit ein Grund dafür, dass er bei dem, was er macht, so gut ist. Ich fand Alex’ scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber der Gefahr gleichzeitig aufregend und erschreckend.» Und genau so liest sich auch dieses Buch: Aufregend und erschreckend.

Alex Honnold: Allein in der Wand

Mitautor: David Roberts

Erschienen am 02.05.2016

Übersetzt von: Robert Steiner

304 Seiten, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-492-40599-7

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]

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