Rüdiger Nehberg im Interview

 In Porträts

Des Abenteurers letzter Kampf

Bei der ersten Ausgabe des Outdoor Guide war Rüdiger Nehberg der erste Interviewpartner. Vor 15 Jahren hatte er ein Survival-Abenteuer im Dschungel überstanden und mit seiner Frau Annette den Verein TARGET gegründet. Auch heute steckt der 83-Jährige voll Tatendrang. Seine grössten Pläne: die weibliche Genitalverstümmelung endlich beenden. Und noch einmal den Urwald sehen. 

Text: Thomas Werz, Fotos: Elmar Feuerbacher

Herr Nehberg, starten wir sportlich: Wann haben Sie das letzte Mal im Wald geschlafen?
Das ist schon eine Weile her, ich glaube vor vier Monaten. Da hatte ich Besuch, und der wollte unbedingt im Wald schlafen. Ich wohne ja am Wald.

Vor 15 Jahren waren Sie der erste Interviewpartner des Outdoor Guide Magazins. Damals sagten Sie, dass die Kraft nachlässt. Aber wenn man Ihren Terminplan und Ihre Projekte anschaut – zum Runterfahren sind Sie bisher noch nicht gekommen?
Das stimmt. Ich passe mich den verbliebenen Restkräften an und kriege noch immer alles gut koordiniert. Ich kann mir nicht vorstellen, nichts zu tun zu haben. Ruhe würde mich fertigmachen. Dann würde ich sogar wahnsinnig. Ich brauche Action, Zeitdruck, Termindruck, Visionen. Ich konnte nie stillsitzen, schon als Kind nicht. Ich war der Einzige in der Familie, der ständig rumzappelte und raus wollte. Und meine Mutter meinte immer: «Guck dir mal Volker an – das ist mein Bruder – der sitzt da so brav und isst seinen Teller schön leer.» Das konnte ich nicht: runterschlucken und raus hiess meine Devise.

Im Jahre 2000 hatten Sie Ihren Verein TARGET gegründet. Was war Ihr Ziel?
Wir haben zwei Ziele. Das grösste Projekt ist, das Drama der weiblichen Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM) zu beenden. Das wollen natürlich viele. Aber unsere Strategie war, es gemeinsam mit dem Islam als Partner zu wagen. So würden wir etwa 80 % der täglich 8000 Opfer erreichen. Die Übrigen sind Christen und Andersgläubige. Dabei vertraute ich auf meine positiven Erfahrungen in der islamischen Welt. Ich wusste, dass die Tradition krass gegen den Koran verstösst. In ihm wird Allah als Schöpfer einer perfekten Welt angebetet. Aber mit der Verstümmelung unterstellt man ihm, Frauen falsch geschaffen zu haben und man könne es wagen, seine Schöpfung zu korrigieren. Dass wir einen eigenen Verein gegründet haben, hatte den Grund, dass keine deutsche Organisation unsere Strategie gut fand. «Der Islam ist nicht dialogfähig!», hiess es. Aber die Unabhängigkeit des Vereins von solchen Bedenkenträgern war die beste Entscheidung unseres Lebens! Der Koran und Bilder, die Annette von der Tragödie gemacht hatte, wurden unsere unschlagbaren Argumente.

«Wir kommen nicht als westeuropäische Klugschnacker, sondern mit Respekt, auf Augenhöhe, als Beduinen zu Beduinen mit der Bitte um Hilfe.»

 

Und die Menschen hören Ihnen als Fremden zu?
Ja, denn wir kommen nicht als westeuropäische Klugschnacker, sondern mit Respekt, auf Augenhöhe, als Beduinen zu Beduinen mit der Bitte um Hilfe. Wir kommen als Freunde, die wissen, dass die Christen keinen Grund haben, sich für besser zu halten. Auch dort sind Frauen nicht gleichberechtigt, man hat sie als Hexen verbrannt, Gegner gefoltert, Indianer ausgerottet und Kreuzzüge geführt. Meine Reisen haben mich gelehrt zu differenzieren und nicht zu pauschalisieren. So wie die Muslime gern an ihrer heiligen Gastfreundschaft gemessen werden wollen, möchten Christen gemessen werden an ihrer sozialen Verantwortung und der Nächstenliebe. Das sind Werte, die wir achten. Und unser zweites Projekt betrifft den Naturschutz. Beim indigenen Volk der Waiãpi in Nordostbrasilien haben wir eine Klinik gebaut, um über die Gesundheit nicht nur die Waiapi, sondern auch deren primären Regenwald der Nachwelt zu erhalten. Das Gebiet ist etwa so gross wie Schleswig-Holstein.

Seit der Gründung von TARGET ist viel passiert. Welches war denn Ihr erster Erfolg?
Das war bei den Afar, einem Nomadenvolk in der Danakilwüste, Ostäthiopien. Ich schuldete den Menschen Dank aus früherer Zeit. 1977 bin ich mit zwei Freunden, vier Kamelen und zwei einheimischen Begleitern durch ihr Land gezogen. Es war mitten im Krieg Äthiopien gegen Eritrea. Wir waren illegal unterwegs. Zweimal wurden wir von marodierenden Banden, die zwischen den eritreischen und den äthiopischen Fronten agierten, ausgeraubt. Um Zeugen zu eliminieren, sollten wir erschossen werden. Doch unsere Bodyguards, die der Sultan uns anvertraut hatte, stellten sich demonstrativ mit ihren Körpern als lebende Schilde vor uns. Ich habe dergleichen in keiner anderen Kultur erlebt. Mit unserer ersten Wüstenkonferenz 2002 wollten wir uns bedanken. Deshalb stand sie von Anfang an unter einem guten Stern. Die Afar waren das erste Volk, das den Brauch per Stammesgesetz verboten hat. Die Frauen, die auch zu der Versammlung gekommen waren, haben Annette umarmt und geweint, weil sie endlich über dieses Thema öffentlich sprechen durften. Das Sprechverbot hatte der Sultan Ali Mirah aufgehoben.  Heute betreiben wir dort eine Vorzeige-Geburtshilfe-Klinik. Ein autarkes Dorf auf vier Hektar Land am Rande der Wüste, deutscher Standard, ein Refugium für die geschändeten Frauen. Annettes und Sohn Romans Meisterleistung. Wir werden unterstützt vom Berufsverband deutscher Frauenärzte. Viele Ärzte helfen uns ehrenamtlich jeweils für einige Wochen.

Wurdet ihr nie ernsthaft bedroht?
In den gesamten 18 Jahren unserer Arbeit haben wir noch keinen ernstzunehmenden Gegner getroffen. Ganz im Gegenteil. Annette und mir, einer Arzthelferin und einem Ex-Vorstadtbäcker, ist es nach nur sechs Jahren unseres Wirkens im Jahr 2006 sogar gelungen, die allerhöchsten Muslime dieser Welt zu einer internationalen Gelehrtenkonferenz in die Azhar-Universität nach Kairo einzuladen. Das ist die höchste Institution der Sunniten, vergleichbar mit dem Vatikan. Prof. Ali Gom’a, Grossmufti von Ägypten, hatte dafür sogar die Schirmherrschaft übernommen. Wir hatten muslimische und europäische Ärzte eingeladen. Annette durfte sogar ein Stück Film von einer pharaonischen Verstümmelung zeigen. Das gab es noch nie in der Azhar, aber unser Schirmherr hatte es ausdrücklich erlaubt. Ich als Gastgeber durfte sogar neben allen diesen Koryphäen am Vorstandstisch sitzen. Neben dem Grossmufti, neben dem Azhar-Gross-sheikh Prof. Tantawi, ich, Rüdiger, der Grossbäcker aus Hamburg! Von wegen also «Der Islam ist nicht dialogfähig!» Nach nur eineinhalb Stunden Beratung hinter verschlossenen Türen war der Beschluss gefasst. Der Mufti trat vor die Kameras und verkündete das Ergebnis, die Fatwa (Islamisches Rechtsgutachten): «Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt.» In unserer Euphorie dachten wir, der Brauch wäre damit beendet.

Aber das war offensichtlich nicht so?
Nein, denn obwohl sich die Journalisten mit ihren Kameras drängten, mussten wir feststellen: In den Zeitungen gab es nur ganz kleine Notizen. Nur der «SPIEGEL» brachte zwei Seiten. In den meisten der 35 Verstümmelungsländer ist es ein striktes Tabu, darüber zu reden. Wir waren sehr enttäuscht, denn der Mufti hatte das Resultat als «historisch» bezeichnet und als «die wichtigste Voraussetzung für das Ende des Brauches».  Daraufhin haben wir diese Konferenz in dem von uns sogenannten «Goldenen Buch» dokumentiert. Ganz bewusst anspruchsvoll gestaltet, mit Kunstleder, Magnetverschluss, mehrsprachig. Es soll neben dem Koran bestehen können und ist konzipiert als Predigtvorlage für die Imame dieser Welt. Unser Schirmherr hat es mit einem Vorwort gesegnet, weil er es so gut fand. Und Annettes Buchgestaltung wurde sogar mit dem begehrten «red dot» ausgezeichnet für hervorragendes Design. Inzwischen haben wir das Buch in mehreren Ländern containerweise an die Imame verteilt.

«Die Afar haben uns zu ihren ersten Ehrenbürgern ernannt. Wir bekommen jetzt 10 Prozent Nachlass auf Kamele.»

 

Die bewaffneten Konflikte, vor allem in arabischen Staaten und in Nordafrika, haben seit dem letzten Interview dramatisch zugenommen. Wie gehen Sie mit Ihrer Organisation damit um?
Diese Kriminellen sind nicht unsere Gesprächspartner. Dennoch werden wir manchmal mit diesen Auswüchsen der Religion konfrontiert. Annette sollte in Mali auf Einladung eines hohen Moslems ihren Film zeigen. 24 Stunden vor dem Vortrag kam die E-Mail: Fällt aus, das Gebäude ist gesprengt worden von Boko Haram. Das passiert. Oder wir treffen in unseren Konferenzen auf Fanatiker, die sich demonstrativ unbelehrbar geben. Das ist aber die kleinste Minderheit. Wir ignorieren sie. Diskussionen wären Zeitvergeudung.

Aber Sie arbeiten auch mit den Hardlinern zusammen?
Ja, du meinst sicher Sheikh Yusuf al-Qaradawi, der in Dänemark den Streit um die Mohammed-Karikaturen ausgelöst hat. Er war zu Beginn der Azhar-Konferenz ein Befürworter der Verstümmelung. Er hat sich die Meinungen der Kollegen angehört, den Ärzten zugehört, Annettes Film gesehen. Dann steht der Mann auf und entschuldigt sich! «Erst heute durch euch, meine Brüder, habe ich erfahren, was man den Frauen da wirklich antut.  Mir hat das erforderliche Wissen gefehlt, weil man darüber nicht offen spricht. Aber ab jetzt ist es sogar meine Pflicht als Diener Allahs, diesen Brauch sofort zu ächten.» Ich kann mich vor solchem Mut nur demutsvoll verneigen. Der Sheikh hat uns sogar ein leidenschaftliches Statement in die Kamera gesprochen. Es ist auf unserer Homepage zu hören und zu lesen. Das sind Erfolge, für die wir inzwischen drei Bundesverdienstkreuze, bis hin zur Ersten Klasse, erhalten haben. Oder auch den Hamburger Bürgerpreis. Die Afar haben uns als erste Personen zu ihren «Ehrenbürgern» ernannt. Wir bekommen jetzt zehn Prozent Nachlass auf alle Kamele. Hallo, wer kann das schon sagen?

Sie sprachen zu Anfang von Ihrer grössten Vision. Welche ist das?
Ich möchte bewirken, dass die Sündenerklärung in Mekka verkündet wird. Vielleicht sogar auf grossem Transparent über der Kaaba. Dort, am Geburtsort des Propheten und des Islam, erreicht man jeden der jährlich drei Millionen Pilger in seinem tiefsten Herzen. Doch dafür bedarf es der Zustimmung des Königs. Er ist der absolute Herr über Mekka. Aber trotz prominentester Vermittlung konnte ich nie zu ihm vordringen. Es reichte nur bis zum Generalsekretär des erzkonservativen Mufti. Doch jetzt hat der König seinen favorisierten Sohn Mohammed bin Salman zum Kronprinzen ernannt. Der will das Land bis 2030 radikal reformieren. Er hat den Hardliner-Mufti entmachtet und den Führerschein für Frauen per Königsdekret durchgesetzt. Er ist für ein Nebeneinander der Weltreligionen und und und … In meinen Augen ist er der erste Mensch, der in der Position ist, diesen 5000 Jahre alten Brauch kraft seiner Autorität zu beenden. Übrigens werden Frauen in Saudi-Arabien nicht verstümmelt. Ich möchte ihm Annettes Bilder zeigen. Und ich bin mir sicher, dass er dann auch FGM per Dekret seines Vaters ächten lässt. Und damit dieses unendliche Leid beendet. Das wäre die Realisierung meiner Nonplusultra-Vision.

Als Outdoor-Magazin interessiert uns natürlich auch der Abenteurer Rüdiger Nehberg. Mit 68 Jahren haben Sie sich, nur mit einem Feuerzeug ausgerüstet, im Dschungel absetzen lassen. Ist das der Prototyp des Abenteuers?
Ich weiss nicht, wie man Abenteuer definiert, denn für jeden ist «Abenteuer» etwas anderes. Für mich beinhaltet Abenteuer die Bereitschaft zum Risiko. Man kann noch so gut planen, irgendwann schlägt das Schicksal doch zu. Sonst wäre es ein Spaziergang gewesen. Um das Risiko zu minimieren, habe ich mich mit Survival auseinandergesetzt.

Wie genau bereiten Sie sich dann auf das Überleben vor?
Vor jeder Reise analysiere ich die denkbaren Gefahren und trainiere, sie auszutricksen. Geistig und körperlich. Wenn ich weiss, im Urwald nerven die Mücken, da sind Giftschlangen zu Hause, der Jaguar ist stärker als ich, ein Knochenbruch kann passieren oder in der Arktis friere ich mir den Arsch ab, muss vor Verzweiflung Schneebälle essen und Felle kauen, dann habe ich auch das alles auf dem Schirm. So weiss ich zum Beispiel von meinem Deutschlandmarsch ohne Nahrung von Hamburg bis Oberstdorf, dass ich drei Wochen bequem ohne Nahrung auskommen kann. Damals hatte ich 25 Pfund verloren. Zunächst baute sich das Fett ab, dann ging’s an die Muskeln. Die Kraft liess nach. Irgendwann gab der Kreislauf nach, ich kippte schnell um. Seither weiss ich, dass Hunger nach drei Tagen erstirbt und tausend Kilometer zu schaffen sind. Das Wissen ist Gold wert. Bei den Atlantiküberquerungen per Tretboot, Bambusfloss und massivem Baumstamm hatte ich mich vorbereitet auf eine lange Fahrtdauer. Ich hatte Navigation (damals noch per Sextant) gelernt, die Kampfschwimmer hatten meine Angst vorm Wasser abtrainiert, gegen Piraten hatte ich eine Pumpgun mit, mein Trinkwasser war für Monate gegen Fäulnis präpariert, ich konnte Regen auffangen, Fische fangen und Seemannslieder von den Nordseewellen singen und vor Freude gegen den Wind pinkeln. Die Vorbereitungen sind für mich genauso spannend wie die Reisen oder deren Auswertungen. Ich war mehrfach in Kriegsgebieten, nach dem Weltkrieg zwei Jahre in Internierungshaft, in Jordanien im Gefängnis, es gibt den Mord am Blauen Nil, wo mein Freund erschossen wurde, meine zwanzig Jahre bei den Yanomami-Indianern in Brasilien, die kurz vor der Ausrottung durch illegale Goldsucher standen. Ich kann gar nicht alles aufzählen. Bei solchen Erlebnissen ist es letztlich Glück, ob man lebendig zurückkommt. Aber ich wollte nie lang und langweilig leben. Lieber kurz und knackig. Und jetzt leb ich schon lang und knackig. Was will man mehr!?

Sie galten im Dschungel als verschollen, nachdem Sie ein Helikopter im Regenwald ausgesetzt hatte. Wie kommt man da raus?
Was heisst schon verschollen? In meinen Einsatzgebieten gibt es keine Briefkästen. Ganz bewusst nehme ich auch keinen unnötigen Benachrichtigungsluxus mit. Ich hatte eine Kamera und eine Solarplatte, um sie mit Strom zu beladen. Ich war unbekleidet bis auf Badehosen, T-Shirt und Sandalen. Der einzige Luxus war ein Feuerzeug, obwohl es dort immer warm ist. Ich war wie ein freilebendes Tier. Schon das Abseilen vom Hubschrauber geriet zum Fiasko. Ich landete in fünf Meter hohem Dornengestrüpp. Von oben hatte das wie ein Moospolster ausgesehen. Ich war voller Risse und blutete wie Schweinchen bei der Schlachtung. Die Fliegen jubelten. Die schnell schlüpfenden Maden konnte ich mit Wasser abwischen. Aber unter dem Gesumm waren auch Dasselfliegen. Wenn deren Gelege schlüpft, fressen sich die Larven drei, vier Zentimeter ins Fleisch. Sie liessen sich nicht wie ein Geschwür ausdrücken. Ich hatte dicke Schwellungen, war gehbehindert. Die letzte Dasselfliegenlarve habe ich zu Hause in einem Glas mit Spiritus. Ein Chirurg hat sie mir rausoperiert. Heimgefunden habe ich mithilfe der Flüsse. Ich wusste, alle fliessen in den Amazonas.

«Was hier vor dir sitzt, ist Rüdis Restsubstanz. Aber es ist noch genug Power drin. Ich habe diese Nonplusultra-Vision mit dem Kronprinzen. Das hält frisch. »

Wie lange waren Sie unterwegs?
Knapp drei Wochen. Ernährt habe ich mich hauptsächlich von den Nüssen einer Stachelpalme. Selbst solche, die schon von Sand überspült waren, die inzwischen keimten, enthielten Larven, so gross wie ein Engerling. Sie entpuppten sich als das leckerste Insekt meines Lebens! Fettig, süsslich, nussig – ein wahrer Nusspudding. Ich habe die Entdeckung gleich an Dr. Oetker gemeldet: «Marktlücke! Zuschlagen!» Keine Antwort.

Und wie lange brauchte Ihr Körper, bis Sie nach dieser Tour wieder fit waren?
Das geht schnell. Man kommt ja nicht aus dem Dschungel direkt ins Luxushotel. Es gibt immer Übergänge, wenn man auf den ersten Siedler trifft, der eine Suppe oder einen Fisch anbietet. Aber ich habe nie lange zur Regenerierung gebraucht.

Sie sagten im Interview vor 15 Jahren, Sie merken wie die Kräfte schwinden. Wie viel Survival ist denn mit 83 Jahren noch drin?
Naja, guck mal, andere 83-Jährige sind schon im Sarg. Andere siechen im Altersheim dahin. Was hier vor dir sitzt, ist Rüdis Restsubstanz. Aber es ist noch genug Power drin. Ich habe diese Nonplusultra-Vision mit dem Kronprinzen. Das hält frisch. Zu Hause herumhocken und Kreuzworträtsel lösen, möglichst in «big size», das ist nicht meine Welt. Das wäre mein Tod.

Heute funktionieren viele Expeditionen nur mithilfe von Sponsoren. Muss man denn immer noch wildere Sachen machen, um überhaupt wahrgenommen zu werden?
Ja, à la Red Bull. Ich habe keine Sponsoren. Ausser früher meinen Freund Klaus Denart, der Globetrotter gegründet hat. Aber wir sind alte Reisegefährten. Da hilft man einander auch nach den Reisen. Ich würde niemals für etwas Reklame machen, das ich nicht ­wirklich kenne, nur um Geld zu verdienen. Das wäre für mich Werbe-Prostitution. Abenteuer sind auch ohne Sponsoren möglich. Die drei Reisen über den Atlantik kann man jederzeit wiederholen. Zwei Beispiele will ich verraten. Auf einem Sack Korken oder auf einem Sack leerer Plastikflaschen. Da sind der Fantasie des Seemanns keine Grenzen gesetzt. Man muss nur wissen, wie verlaufen welche Strömungen? Hält man es mit der Sonne und mit der Kälte aus? Hat man genug zu essen und zu trinken? Das Meer ist gross, es ist stürmisch, es ist salzig. Da sind Fische, die Menschen mögen. Wie trickst man die alle aus?

Die Outdoor-Branche hat über die vergangenen 20 Jahre geboomt. Wie nehmen Sie das wahr?
Dieser Boom war nicht mein Ding. Die Leute werden immer reicher. Haben immer potentere Fahrzeuge und Ausrüstung und erstürmen alles. Fahren an diesen bettelarmen Leuten in der Dritten Welt vorbei, fotografieren sie aus dem Fenster. Ich war eher immer dieser kleine Wanderer. Meine Fortbewegungsmittel waren die Füsse. Oft lief ich auf Wasserblasen wie auf Kugellagern. Dann erinnerte ich mich immer des Leitspruches der Kampfschwimmer: «Lerne leiden, ohne zu klagen!» Und weiter ging’s.

«Vielleicht bin ich selbst solch ein Microadventurer, weil ich viel alleine mache und ohne nennenswerte Hilfsmittel. »

Und dann steht man gut vorbereitet im Dschungel am Fluss und muss trotzdem rein ins Wasser. Zu den Tieren, Fischen, Schlangen …
Wenn das gefährlich wäre, gäbe es keinen Indianer oder Siedler mehr. Aber man darf nicht plantschen. Sonst denken die Piranhas, da verreckt einer, dann sind sie zuständig, kommen, beissen eine Probe und das war’s. Man sollte auch nichts Rotes am Körper tragen. Das deuten sie als Blut! Ich habe einmal meine rote Zahnbürste aus einem Boot ins Wasser gehalten, um sie zu säubern. Zack, war sie durchgebissen. Es gibt einen Angelladen in Manaus, Brasilien. Wenn man die Fische des Amazonas präpariert unter der Decke hängen sieht, dann möchte man auf keinen Fall mehr dort schwimmen.

Und trotzdem sind Sie reingehüpft …
Ja, ich hab mich meist nur treiben lassen und bin ruhig geschwommen, wie jedes intakte Lebewesen. Mir hat noch kein Fisch etwas abgebissen. Bei mir ist noch alles dran.

Was halten Sie denn von dem Begriff «Microadventure»?
Wie heisst das? Micro …

«Microadventure».
Habe ich noch nie gehört. Doch! Vielleicht bin ich selbst solch ein Microadventurer, weil ich viel alleine mache und ohne nennenswerte Hilfsmittel. Ist das damit gemeint?

Nein, es geht eher um ein kurzes Outdoor-Erlebnis ausserhalb der Stadt, zum Beispiel am Wochenende zum Campen in den Wald zu fahren.
Da habe ich Glück, ich wohne selbst im Wald, habe ein grosses Naturgrundstück. Da kann ich mich nach Herzenslust ausleben.

Wie hat das Smartphone den Begriff Abenteuer verändert?
Klar, wenn mir das Handy sagt, wo ich bin, wie ich nach Hause komme und wo der nächste McDonald’s ist – das hat natürlich das Abenteuer verändert. Dafür bin ich wohl zu alt und bewusst konservativ, um mich dafür zu begeistern. Ich habe ein Handy wegen meiner Vorträge. Aber ich hab kein Smartphone, um da ständig rumzudaddeln und gebeugten Hauptes durch die Welt zu gehen (blickt auf die Hand). Ich gehe so durch die Welt (richtet den Blick auf) und geniesse die Vögel, die Wolken und meine quietschenden Schuhe.

Losziehen, erkunden, abtauchen: Das scheint im Zeitalter weltweiter Digitalisierung kaum noch möglich?
Ich habe früher Survival-Kurse gegeben. Für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Manager. Und irgendwann fühlte ich mich nicht mehr dafür geeignet, weil es mir vorkam wie «Opa turnt uns einen vor». Dann habe ich das gelassen. Aber letztes Jahr kam doch noch eine Anfrage aus meiner Umgebung. Die wollten was für Kinder tun, so um die zwölf Jahre, die nicht das Geld hatten, in den Ferien zu verreisen. Okay, dachte ich, dann mache ich ein Survivaltraining. Schliesslich habe ich ein Riesenprogramm für jeden, der unbedingt überleben will. Alle Aspiranten erschienen mit dem Handy in der Hand und Stöpseln in den Ohren. Ich war erst einmal von der Rolle und sagte: Seid ihr zum Survival gekommen oder zum Musikhören? Jetzt schaltet das Handy mal ab, am besten gleich für drei Tage. Wenn wirklich etwas passiert, könnt ihr es ja jederzeit aktivieren. Das war nicht möglich, und mir verging die Lust, solche Kids zu bespassen.

Survival-Experten wie Bear Grylls sind heute Stars, ihre Dokumentationen laufen bei DMAX oder im Discovery Channel. Wenn sie ums Überleben kämpfen, ist immer ein grosses Aufgebot mit Filmteam unterwegs.
Das ist natürlich alles bis ins Detail durchkomponiert für den Film. Ich habe schon Wildschweine mit der Hand gefangen, als ich noch nicht inspiriert wurde durch diese Vorturner aus dem Fernsehen. Ich habe mich probewürgen lassen von einer Riesenschlange. Ich wollte wissen, warum kommen da manche Tiere nicht aus eigener Kraft raus? Und hab meine Erfahrung gemacht, dass auch ich keine Chance hätte, wieder freizukommen. Als die Luft dann eng wurde, habe ich mir die Schlange wieder abwickeln lassen.

Ist das denn authentisch, was die machen, oder einfach eine grosse Show?
Für mich ist es Show. Ich schaue mir das gar nicht an. Wenn jemand in festem Rhythmus Abenteuer produziert und dabei immer gut rauskommt, dann ist das für die Einschaltquote gut, aber nicht für mich. Ist das arrogant?

Sie sind schon als Jugendlicher alleine nach Marokko geradelt. Heute werden Kinder von den Eltern im SUV direkt bis zur Schule gefahren. Ist in unserer Gesellschaft noch Platz für Abenteuer?
Die können ja auch nicht Rad fahren mit dem Handy in der Hand. Die Gesellschaft degeneriert. Das merkt jeder, auch unbewusst, und da leiden auch viele darunter. Dann buchen sie einen Abenteuerurlaub und meinen, das wäre wirklich ein Abenteuer.

Beim Survival geht es um Techniken des Überlebens, um Durchhaltevermögen. Welche Techniken sind denn für Sie absolut essenziell?
Oberster Grundsatz: Überschätz dich nicht. Erprobe rechtzeitig, ob du den zu erwartenden Schwierigkeiten gewachsen bist. Zum Überleben gehört auch, das Paradies unserer Demokratie zu bewahren. Noch nie seit Adam und seiner Apfelesserin Eva haben wir einen so lange anhaltenden Frieden gehabt, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Bildungsmöglichkeiten, Geld, Freizeit. Der Rest der Welt beneidet uns. Und ich stelle fest, dass die Generation, die in dieser goldenen Phase der Menschheit aufgewachsen ist, die Gefahren unterschätzt, die nach wie vor da sind. Es hat noch nie ein dauerhaftes Weltreich gegeben.

Sie führten über viele Jahre in Hamburg eine grosse Konditorei. Welche Zutaten braucht es, um sich den Abend in der Wildnis zu versüssen?
Oh Gott. Gut, Voraussetzung ist was Süsses: Honig, Obst, Beeren. Sonst fällt mir nichts ein. Früher auf meiner Tramp-Reise ums Mittelmeer traf ich in Libyen auf Deutsche. Sie betrieben eine Autowerkstatt. «Was, du bist Bäcker? Mensch, mach uns mal ein leckeres Brot!» Da heisst es improvisieren. Sie hatten nichts als Mehl, Salz und Wasser. Kein Backpulver, keine Hefe, kein Ofen. Also zauberte ich erst einmal Natursauerteig. Ich verrührte Mehl mit Wasser und steckte den halbflüssigen Teig in eine Ziegenhaut zum Gären. Schon nach einem Tag hatten wir Sauerteig. Damit liessen sich die tollsten «Brote» backen. Die pizzaähnlichen Teiglappen wurden um glühend heisse dicke Kieselsteine geschlagen und neben einem Glutfeuer unter mehrfachem Drehen gebacken. Die Autoklempner haben daraufhin neben der Werkstatt eine Steinofenbrot-Bäckerei eröffnet.

Wenn Sie zurückblicken: Gibt es einen Ort auf der Erde, den Sie noch gern sehen würden, oder eine Tat, die bisher nicht umgesetzt wurde?
Ja, Mekka. Und etwas, das ich noch nicht verraten kann. Du darfst gespannt sein.

Gibt es ein spezielles Outdoor-Ziel?
Doch. Ich würde liebend gern nochmal in den Urwald. Wieder mit einem Minimum an Ausrüstung. In der Hängematte zu schaukeln und die unglaubliche Vielfalt der Schöpfung in mich aufzusaugen, dazu hätte ich Lust. Ob das die Mücken sind, die Sandflöhe unter dem Fussnagel oder der Jaguar. Ich liebe diese Welt. Das möchte ich noch einmal erleben. Ich möchte nicht in der Klapsmühle sterben, angebunden am Bett. Da würde ich dem Tod lieber im Urwald die Chance geben, mich abzuholen.

Hört sich versöhnlich an. Wieder eins werden mit der Natur …
Ja, da komm ich her, da zerfalle ich zu Staub. Die Insekten werden vollenden, was ihnen nach der Helikopterlandung nicht gelungen ist. Sie werden mich recyceln. Ähnlich wie bei den Yanomami. Die binden ihre Toten in Gestrüpp und Lianen gewickelt weit weg vom Dorf hoch in die Bäume. Bis alles Fleisch vergangen ist. Dann werden die Knochen in einem riesigen Feuer verbrannt. Die Knochen, die übrigbleiben, pulverisieren sie und essen sie mit Bananensuppe. Daran habe ich auch schon teilgenommen. Anschliessend sagten sie «Jetzt bist du einer von uns, wir werden dich nach deinem Tod auch aufessen.»  Und ich ende mit Mark Twain: «Die Geschichten über meinen Tod sind stark übertrieben.»

Rüdiger Nehberg

Seinen Beinamen «Sir Vival» hat sich der deutsche Abenteurer und ehemalige Konditor Rüdiger Nehberg († 84) über die Jahre mehr als verdient. Von der Befahrung des Blauen Nils in Äthopien über die Durchquerung der Danakil-Wüste oder des Amazonas-Urwalds bis zur dreimaligen Atlantik-Überquerung per Tretboot, Bambusfloss und einer riesigen Tanne – Nehberg hat alle seine Abenteuer überlebt und seine Erlebnisse und Erfahrungen in mehr als 20 Büchern verarbeitet, unter anderem Bestseller wie «Die Kunst zu Überleben» oder «Überleben ums Verrecken». Im Jahr 2000 gründete er zusammen mit seiner Frau Annette Weber die Hilfsorganisation TARGET mit dem Ziel, das weltweite Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung zu erreichen. Ein weiteres Projekt unterstützt das indigene Volk der Waiãpi im brasilianischen Regenwald.

 

Webseite:
www.ruediger-nehberg.de
Hilfsorganisation Target:
www.target-nehberg.de
Facebook:
www.facebook.com/nehberg/

«So eine Reise über den Atlantik kann man jederzeit wiederholen. Vielleicht auf einem Sack Plastikflaschen.»

 

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Buchtipp: Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen

Das Lebenszeugnis von Rüdiger Nehberg erscheint am 6. April. Hier geht’s zur Rezension.

Text : Thomas Werz

Zugegeben, eine schlüpfende Fliegenlarve im Bein ist nichts für mich. Dennoch machte das knapp zweistündige Gespräch mit Rüdiger Nehberg Lust auf das nächste Abenteuer. Seine wichtigste Aussage: «Abenteuer sind auch ohne Sponsoren möglich. Jeder kann sich auf einen Sack leere Plastikflaschen setzen und den Atlantik überqueren.» Also raus, einfach machen! Was es dazu braucht: Mut, Fantasie – und vielleicht auch eine gesunde Portion Glück.

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