Interviewt: Mountainbiker Nino Schurter

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«Manchmal wäre ich gerne emotionaler»

Als dreifacher Weltmeister und zweifacher Olympia-Medaillengewinner gehört Nino Schurter zu den ganz Grossen des Mountainbike-Sports. Wieso sich der Bündner wünscht, bei Weltcupsiegen weniger gefasst zu sein, was er über Doping im Radsport denkt und was für ihn im Leben wirklich unvergesslich ist, verrät er im Interview mit dem Outdoor Guide.

Interview: Thorsten Kaletsch
Aufmacherfoto: Rob Lewis

Outdoor Guide: Nino, wann hast du das letzte Mal geweint?

Nino Schurter: Ich weine nicht so oft. Vermutlich war das bei den Olympischen Spielen in London, nach dem Rennen. Und beim Tod meines Mechanikers Erwin Wildhaber. Das hat mich auch sehr bewegt. Er stand mir sehr nahe, mit ihm habe ich viel Zeit verbracht.

Wie sehr lässt du deine Emotionen heraus?

Eher weniger. Wenn ich Gefühle zeige, dann nur für mich alleine. Es braucht viel, um bei mir Emotionen hervorzurufen. Manchmal finde ich es fast schade, dass Erfolge bei mir nicht so viel bewirken. Da gewinne ich ein Weltcuprennen und bin trotzdem so gefasst. Es wäre schön und spannend, wenn ein Erfolg in mir auch mal mehr auslösen würde.

2014 war für dich ein sehr intensives Jahr. Du hast mit der Teilnahme an der Tour de Romandie und der Tour de Suisse Strassenluft geschnuppert und deine langjährige Freundin Nina Candrian geheiratet. War das nicht emotional?

Doch, die Hochzeit war sicher mein Highlight im letzten Jahr. Nina und ich haben es sehr gut zusammen – es war ein sehr schöner Moment. Wir sind jetzt schon zehn Jahre zusammen und haben damit bekräftigt, dass wir den gemeinsamen Weg weitergehen wollen. So gesehen ändert sich jedoch nicht viel.

War das ein Schritt in Richtung Eltern werden?

Es kommt eines nach dem anderen (lacht). Konkret ist das noch nicht geplant. Momentan läuft noch zu viel mit Velofahren.

Dein Privattrainer Nicolas Siegenthaler charakterisiert dich als ausgeprägten Familienmenschen. Du bist in Tersnaus in einem kleinen Dorf aufgewachsen, und dein engstes Umfeld scheint dir sehr wichtig zu sein. 

Ein gutes Umfeld zu haben, zählt zum Wichtigsten im Leben. Und die Familie ist innerhalb dieses Umfelds das Allerwichtigste. Ich durfte mit meiner Familie sehr viele schöne Momente erleben. Menschen, die einem nahe stehen, prägen einen.

Interview mit Schurter
©Rob Lewis
Interview mit Schurter
©Rob Lewis

 Nino Schurter über Wurzeln und Heimat

Outdoor Guide: In deinem Leben ging es in den letzten 15 Jahren da rum, Konkurrenten zu bezwingen und als Erster über die Ziellinie zu fahren. Kann einen das auf Dauer erfüllen?

Nino Schurter: Dafür arbeite ich: Als Sportler setzt man sich das Ziel, der Beste sein. Das ist zwar nicht alles, denn privat sind andere Dinge wichtig für mich. Aber ich mag den Wettkampf, messe mich gerne mit anderen und bin gerne erfolgreich. Ich arbeite gerne hart an mir, und versuche, jedes noch so kleine Detail zu verbessern. Deshalb mag ich den Bikesport so sehr.

Deine Karriere verlief extrem geradlinig. Schon zu Juniorenzeiten hast du Titel gewonnen, dann nahtlos den Sprung in die Elitekategorie geschafft. Seitdem dominierst du den Cross-Country-Weltcup. Einzig beim geplanten Karrierehöhepunkt, bei den Olympischen Spielen 2012 in London, musstest du dich geschlagen geben – einem Fahrer, der die ganze Saison nicht gross in Erscheinung getreten war und dessen Leistung bei diesem Rennen einige Fragezeichen aufwarf.

Solange es nicht amtlich ist, dass bei jemandem etwas faul war, gehe ich davon aus, dass auch er sauber ist und keine verbotenen Substanzen nimmt. Es kann immer jemand besser sein – für eine gute Tagesform gibt es viele Gründe. Sofort an Betrug zu denken, ist nicht der richtige Weg. Ich versuche an mir zu arbeiten. Wenn ein Profi sportler betrügt, muss er selbst damit klarkommen.

1996 gewann Jérôme Chiotti den Weltmeistertitel vor Thomas Frischknecht und gestand vier Jahre später, dass er sich mit EPO gedopt habe. Die Goldmedaille wurde dann deinem heutigen Teamchef Thomas Frischknecht überreicht. Der sagte anschliessend, Chiotti habe ihn um den grössten Erfolg seiner Karriere betrogen.

Vier Jahre später den Titel zugesprochen zu bekommen, ist nicht das Gleiche. In der Zwischenzeit hat man viel Geld verloren. Die entgangenen Sponsorenbeiträge und Prämien wird man nie mehr erhalten. Und vor allem hat man es nie erlebt, zuoberst auf das Siegerpodest zu steigen und gefeiert zu werden. Einen solchen Betrug kann niemand gutmachen. Für Frischi war das sehr hart. Er fuhr zur Zeit der EPO-Hochblüte, in der oft betrogen wurde, und hat dadurch einige Jahre verloren. Heute habe ich aber im Mountainbike-Sport ein recht gutes Gefühl: Es gibt sicher nur wenige, die manipulieren.

Welches war für dich der bisher schönste sportliche Erfolg?

Etwas vom Schönsten war es, als ich zum ersten Mal Elite-Weltmeister wurde. Das war 2009 in Canberra, am Ende einer durchzogenen Saison, in der ich ständig mit einer Bronchitis zu kämpfen hatte. Im WM-Rennen passte dann alles, und ich konnte mich als jüngster Weltmeister in der Geschichte des Bike-Sports feiern lassen. Julien Absalon im Sprint zu schlagen, ist eh etwas vom Grössten überhaupt. Wenn man ein Rennen knapp gewinnt, ist das Erlebnis intensiver, als wenn man überlegen gewinnt.

Interview mit Schurter
©Scott-Odlo-MTB-Racing
Interview mit Schurter
©Scott-Odlo-MTB-Racing

Das Erfolgsgeheimnis: Training mit Nino

Outdoor Guide: Die grösste sportliche Enttäuschung in deiner Karriere hast du schon erwähnt – das Olympiarennen in London …

Nino Schurter: Heute würde ich es nicht mehr so bezeichnen. Damals war ich aber sehr enttäuscht: Ich war so nah dran gewesen und hätte mit einer etwas aggressiveren Fahrweise vielleicht gewinnen können. Und dennoch: Ich bedaure es heute sehr, dass ich 2012 den Gewinn der Silbermedaille nicht geniessen konnte. Da werde ich bei Olympischen Spielen Zweiter und bin frustriert – da ist doch irgendetwas falsch.

2008 in Peking Bronze, 2012 in London Silber – gibt es 2016 in Rio nur noch ein Ziel, die Goldmedaille?

Natürlich ist das ein grosses Ziel. Aber es ist nicht gut, nur noch den Sieg vor sich zu sehen, das war schon in London das Problem. Ich möchte mit dem Ziel nach Rio fahren, eine Medaille zu gewinnen und auch zufrieden zu sein, wenn es die silberne oder die bronzene ist. Dreimal in Folge bei Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen, wäre etwas ganz Grosses. Wenn es nach Bronze und Silber dann tatsächlich Gold werden sollte, wäre das Märchen perfekt. Bis dahin gibt es aber noch viele andere Herausforderungen. Diese Saison möchte ich zum vierten Mal den Gesamtweltcup gewinnen und mich bereits für Olympia qualifizieren. Die WM ist ebenfalls ein Hauptziel. Julien Absalon hat letztes Jahr ein paar Rennen zu viel gewonnen … (lacht).

Kannst du die Rennen auch geniessen?

Ich habe immer sehr viel Spass – wenn ich gut fahre (lacht). Wenn es nicht so läuft, ist es eher ein Gemurkse. Dann leidet der Spass. Aber auch da muss man durch. Vermutlich kann man die besten Leistungen nur abrufen, wenn man Spass hat.

Muss man Masochist sein, um im Mountainbiken Spitzenleistungen erbringen zu können?

Nein. Aber es muss einem gegeben sein, ans Limit zu gehen und auch etwas zu leiden. Aber das trainiert man alles und versucht, soviel auszureizen wie möglich.

Du wirkst immer topseriös, bist ein Vorzeigesportler. Gibt es für dich auch Ventile?

Ja, auch ich muss mal Druck ablassen und den seriösen Sport auf der Seite lassen. Nach einer Saison brauche ich immer dringend Ferien. Ich setze mich dann zwei, drei Wochen lang auf kein Fahrrad. Es kann auch mal vorkommen, dass ich an einem Fest einen über den Durst trinke, wenn die Stimmung gut ist. Während der Saison kann man sich das aber nicht oft leisten – das merkt man sehr schnell im nächsten Training.

Dein Team-Captain Thomas Frischknecht ist ein grosser Weinliebhaber und produziert in der Maremma eigene Weine. Magst du auch Wein?

Ja, ich trinke gerne ab und zu ein Glas. An unserer Hochzeit hatten wir den Rotwein von Frischi, der war sehr fein. Ich mag italienische Weine dieser Art.

Kannst du zwei Wochen lang die Füsse hochlegen und nichts tun?

Ich bewege mich schon gerne viel. Auch in den Ferien. Ich kann nicht zwei Wochen nur am Strand liegen. Schnorcheln, Surfen – etwas Action muss sein.

Wo tankst du Energie?

In der Natur. Ich bin mit dem Bike gerne in der Natur unterwegs und geniesse auch im Training die Aussicht. Immer wieder sage ich mir: Wow – und hier darfst du trainieren! In Chur kann ich vor meiner Haustüre aufs Bike steigen und komme an die schönsten Orte. Das ist es, was ich am Biken so schätze. Und das während meiner Arbeit tun zu dürfen, ist ein echtes Privileg!

 

A oder B

Meer oder Berge: Schwierig – ich brauche beides! Orte, die beides haben, gefallen mir am besten. Zum Beispiel Rio de Janeiro, wo die Berge bis an den Strand reichen.

Energy Drink oder ein kühles Blondes: Ein kühles Bier.

Buch oder Film: Film.

Winter oder Sommer: Sommer!

HCD oder ZSC: HC Davos.

Hamburger oder Châteaubriand: Hamburger sind auch etwas Feines, aber: Châteaubriand.

Heavy Metal oder Kuschelrock: Heavy Metal höre ich nicht wirklich und Kuschelrock klingt zu softiemässig. Es müsste etwas dazwischen sein. Ich mag zum Beispiel Coldplay.

Alpe d’Huez oder Tourmalet: Hmmm, … Tourmalet.

Tatort oder Dr. House: Dr. House.

Fünf-Sterne-Hotel oder Zelten: Am liebsten auch etwas dazwischen. In Fünf-Sterne-Hotels fühle ich mich nicht so wohl.

Interview mit Schurter
©Scott-Odlo-MTB-Racing

Mehr als blosse Kondition: Schurter hat sein Bike im Griff

Was war dein schönstes Outdoor-Erlebnis?

Davon gibt es viele. Im Winter zum Beispiel beim Langlaufen im verschneiten Flimserwald. Solche Momente erlebe ich bei schönem Wetter immer wieder. Nur wenn das Wetter garstig ist, kann es mühsamer werden.

Du bist sportlich sehr vielseitig und eher zufällig zum Mountainbiken gekommen – übers Sommertraining als Skifahrer.

Ich bestritt als Siebenjähriger im JO-Regionalkader Skirennen. Im Sommer trainierten wir auf Mountainbikes. Dann nahm ich an einem Rennen in der Region teil, und es machte mir Spass. Ich mag auch andere Outdoor-Sportarten: im Winter Skitouren und Langlauf, im Sommer vor allem Joggen. Das Schöne am Biken ist, dass man die anderen Sportarten ins Training einbauen kann.

Du bist inzwischen sehr populär und hast eine Vorbildfunktion für junge Sportler. Siehst du das als Belastung oder als Chance?

Auf der einen Seite ist es schön, wenn die Leute mich erkennen. An meiner Popularität verdiene ich, sie gehört zu meinem Job. Deshalb arbeite ich auch dafür und versuche, in der Öffentlichkeit so gut wie möglich dazustehen. Auf der anderen Seite ist es angenehm, auch manchmal als «normaler Mensch» durchzugehen. Ich geniesse es durchaus, bei Erfolgen in der Öffentlichkeit zu stehen. Doch in meinem Sport braucht es wenig, und man kann plötzlich nicht mehr davon leben.

 

Das Interview wurde im Frühjahr 2015 geführt.

 

Noch mehr zu Nino Schurter:

www.facebook.com/NinoSchurter

www.scott-odlo.com/team/nino-schurter/

Interview mit Schurter
©Scott-Odlo-MTB-Racing

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