Interview: Extremskier Jérémie Heitz

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Der durch die Wände hei(t)zt

Ein Tanz am Abgrund. Jeder Schwung muss sitzen: Die grossen Eiswände der Alpen mit Ski zu befahren, gehört seit über 40 Jahren zu den Herausforderungen für einen kleinen Kreis erlesener Brett-Artisten. Der Walliser Jérémie Heitz (27) macht den Rausch der Tiefe nun zum Speed- Rausch. Mit Tempo 100 und mehr zeigt er eine neue Dimension des Extremskifahrens.

Interview: Christian Penning
Aufmacherfoto: Stefan Schlumpf (Mammut)

Lenzspitze, 4294 Meter. Ein kurzes Frühsommergewitter hat über Nacht eine dünne, griffige Schneeschicht auf die 50 bis 55 Grad steile, verharschte Nordostflanke gezaubert. Perfekte Bedingungen für Jérémie Heitz. Nach stundenlangem Aufstieg, mit den schweren Freeride-Ski am Rucksack, Eispickeln in der Hand und wuchtigen Alpinskischuhen an den Füssen, stösst er sich ab. Hinein in die weisse Wand. In Sekunden beschleunigt er auf Autobahn-Tempo. Ein weiterer Schwung. Die Ski vibrieren – trotz super stabiler Spezialanfertigung. Tunnelblick. Konzentration. Kraft. Heitz heizt. Enorme G-Kräfte zerren am Mensch, am Material. Muskeln kämpfen dagegen. Wenn jetzt ein harter Schlag die Bindung auslöst! Wenn jetzt eine Eisplatte dieses kleine Stück Mensch an diesem grossen Berg aus der Idealposition reisst! Unweigerlich hält der Zuschauer den Atem an. Nicht einmal eine Minute später ist der Speed-Spuk vorüber. Noch ein mächtiger Satz über den Bergschrund. Jérémie ist angekommen, am Fuss der Wand.

«Es ist ein unglaublich cooles Gefühl, in so einem Face zu stehen und Schwünge in den Hang zu schneiden wie auf der Piste.»

Jérémie Heitz ist so etwas wie der Überschallflieger unter den Freeridern. Schnelle Lines sind das Markenzeichen des Zweitplatzierten der Freeride World Tour (FWT) 2015. «Minigolf» nennt er diese Contests im Vergleich zu dem, was er im Frühjahr und Frühsommer an den Viertausendern inszeniert. Seinen Fahrstil überträgt er von den relativ kurzen, gesicherten Contest-Faces auf die grössten Wände der Alpen. In rund einer Minute vernichtet er an die tausend Höhenmeter. Ein Sinkflug auf Skiern. Oft mehr als 100 km/h schnell.

15 der imposantesten Viertausender-Steilabfahrten der Alpen hatte sich Jérémie für sein aktuelles Filmprojekt «La Liste» vorgenommen – darunter klingende Namen wie Matterhorn-Ostwand, Lyskamm, Lenzspitze, Marinelli Couloir, Spencer Couloir und Zinalrothorn. In einem Café in Martigny spricht Heitz über seinen aktuellen Film. Vom Fenster aus hat man einen Blick auf sein Heimatdorf Les Marécottes, das über dem Rhonetal klebt. In «La Liste» dokumentiert Heitz die Evolution des Steilwandskifahrens und Freeridens. «Früher brauchte es Stunden, um einen Berg runterzukommen, heute ist es eine Frage von Sekunden und Minuten.» Heitz, der Superman der Steilwände? 

Er trinkt beim Interview Wasser, ohne Kohlensäure. Er trägt Jeans und T-Shirt, wirkt beinahe schmächtig – wären da nicht die sehnigen Arme, die aus den kurzen Ärmeln ragen.

Jérémie Heitz. Foto: Mammut
Jérémie Heitz. Foto: Mammut

Alter
27 Jahre

Wohnort
Les Marécottes bei Martigny, Wallis

Lieblingsmusik
Ich höre gerne Rockmusik. Playlist habe ich aber keine. Beim Skifahren brauche ich keine Musik.

Lieblingsessen
Wild. Mein Stiefvater ist Jäger. Die Gefriertruhe ist immer voll. Im Sommer liebe ich Barbecue mit Pasta.

Beruf
Freeride-Profi, Landschaftsgärtner

Sponsoren
Mammut, Scott, Redbull, Pomoca

Hobbys
Drachenfliegen mit dem Hängegleiter, Mountainbiken

Ziele
Das Freeriden voranzubringen und die Freeride World Tour zu gewinnen.

Glück
Wenn du deine Leidenschaften leben kannst. Und das kann ich zu 100 Prozent. Ich könnte nicht glücklicher sein.

Trailer zu «La Liste»: «Für weniger erfahrene Skifahrer sieht das sehr extrem aus»

Den gesamten Film gibt es hier zu sehen.

Was sagt deine Grossmutter dazu, wenn sie sieht, was du auf den Viertausendern treibst?
Oh, meine Grossmutter ist immer sehr gestresst, wenn sie sieht, was ich da mache. Mein Hauptziel ist es, in dem Film eine tolle Geschichte mit grossartiger Szenerie zu erzählen. Ich will nicht, dass die Bilder sie oder andere Leute abschrecken und sie Angst um mich haben, wenn sie das sehen. Natürlich will ich die Leistung zeigen. Ich will die Details erklären. Aber ich will nichts überdramatisieren. Ich bin daran gewöhnt, auf einem hohen Niveau Ski zu fahren. Ich denke, ich kann die Risiken kalkulieren.

Wieso fährst du so schnell?
Ich war 15 oder 16. Mit meiner Familie fuhr ich zu Hause in Les Marécottes Ski, als plötzlich eine mächtige Lawine abging. Ich stand auf einem dieser riesigen Schneeblöcke, völlig ausgeliefert. So etwas wollte ich nicht nochmals erleben. Ja, ich fahre tatsächlich so schnell, weil ich glaube, das ist sicherer. Gleichzeitig macht es mir natürlich Spass. Die Aufnahmen in «La Liste» sind spektakulär. Für weniger erfahrene Skifahrer sieht das sehr extrem aus.

Wie schätzt du die Risiken eines solchen Projekts ein?
Das ist schwer zu sagen. Es hängt von den Bedingungen ab, von der Tagesform, vom Berg an sich. Wenn da eine hohe Felswand ist, über die du im schlimmsten Fall abstürzen kannst, bist du tot, wenn du fällst. Wenn du auf einem weiten Steilhang ohne Felsen stürzt, kannst du dich auch schwer verletzen, aber die Chancen zu überleben sind gut.

«Am Beginn der Abfahrt ins Spencer Couloir hatte ich regelrecht die Hosen voll.»

Und du denkst, du hast solche Situationen im Griff?  
Klar, das ist mein Job, andernfalls würde ich nicht allzu alt werden. Meine Hauptaufgabe ist es, die Wettervorhersagen zu analysieren und gut Ski zu fahren. Skifahren ist seit langer Zeit mein Leben. Ich denke, ich bin gut darauf vorbereitet. Risiken kann ich nicht ausschliessen, aber ich kann sie minimieren, durch Erfahrung und indem ich mich mit anderen austausche. Ich fahre nicht völlig am Limit. Ich ziehe meine Lines immer so, dass ich die Abfahrt unterbrechen kann, wenn es nötig sein sollte. Ich gebe nicht kopflos Gas und heize da unkontrolliert mit maximalem Tempo runter.

Du bist 27. Kann man da von Erfahrung und Reife sprechen?
Hey, ich bin bald 30! (lacht) … Klar kann man das. Denn Erfahrung ist auch eine Frage der Intensität.

Wann ist der perfekte Zeitpunkt für solche Abfahrten?
Zunächst sind da die persönlichen Voraussetzungen. Mit 20 war ich noch ganz anders. Auf der FWT (Freeride World Tour; Anm. d. Red.) wollte ich allen zeigen, dass ich ein guter Skifahrer bin, egal, wie die Umstände waren. Aber mit dieser Strategie hätte ich mich früher oder später umgebracht. Du brauchst die nötige Erfahrung und Reife.

Und die hast du jetzt?
Ich habe extrem früh mit dem Freeriden begonnen. Mit 15 hatte ich schon meinen ersten Sponsor. Direkt nachdem ich mit dem alpinen Rennsport aufgehört hatte. Bei den FIS-Rennen hatte ich nie wirklich gute Ergebnisse. Ich war klein, schmächtig. Schon damals hatte ich immer meine fetten Ski dabei und bin, wenn ich Zeit hatte, neben dem Training noch Freeriden gegangen. Zwei Jungs aus meinem Dorf haben mich inspiriert: die Falquet-Brüder. Ich habe immer geschaut, was sie bei ihren Fotoshootings und Filmdrehs so anstellten. Sie machten Cliff-Jumps … und ich fuhr Bögen zwischen blauen und roten Stangen. Mit 17 durfte ich bei der FWT in Verbier als Erster das Face am Bec des Rosses eröffnen. Das war für mich wie ein Startsignal. Plötzlich stand ich mit den Besten der Welt am Gipfel dieses Berges. Ich wollte etwas reissen in diesem Sport.

Jérémie Heitz in der vergletscherten Steilflanke am Obergabelhorn (4063 m) im Wallis. (Foto: Tero Repo/Mammut)
Jérémie Heitz in der vergletscherten Steilflanke am Obergabelhorn (4063 m) im Wallis. (Foto: Tero Repo/Mammut)

Klingt, als läge dir das Skifahren im Blut.
Mein Stiefvater ist Bergführer. Mein Vater fliegt Wingsuit und macht Basejumping, er ist Paraglider, macht all diese verrückten Sachen. Meine Mutter und ihre Schwester waren früher richtig gute Skirennfahrerinnen.

Skiabfahrten auf Viertausendern erfordern auch alpinistische Fähigkeiten.
Um ehrlich zu sein – was die hochalpinen Unternehmungen betrifft, lerne ich noch immer dazu, mit jedem Projekt. Im Sommer gehe ich viel klettern. Zu Hause reicht eine Felswand direkt an unsere Terrasse. Ich übe dort viel, … und mein Vater hat mir tonnenweise Bücher gegeben, die ich verschlinge. Bücher über alpine Ausbildung. Mein Stiefvater zeigt mir in den Bergen eine Menge: wie ich schneller und sicherer unterwegs sein kann. Auch von meinem Freund Samuel Anthamatten, der auch Bergführer ist, lerne ich jedes Mal, wenn wir unterwegs sind. Wenn du motiviert bist und liebst, was du tust, kannst du sehr schnell lernen. Mittlerweile bin ich sehr selbstsicher und selbstbewusst. Aber selbst wenn du ein erfahrener Bergführer bist, kannst du noch jeden Tag dazulernen. Ich bin sehr glücklich, dass ich noch ganz am Anfang stehe.

Was fasziniert dich so sehr an den schnellen Lines in steilen Hängen?
Es ist ein unglaublich cooles Gefühl, in so einem Face zu stehen und Schwünge in den Hang zu schneiden wie auf der Piste. Nicht gedriftet, oft carve ich auf der Kante. Wenn ich dann unten über den Bergschrund springe, ist das der beste Moment. Dann weiss ich, alles ist gut gelaufen, ich habe den Tag gut geplant, die Freunde und die Crew im Helikopter freuen sich. Die letzten zwei Jahren hatte ich mit «La Liste» die bislang beste Zeit meines Lebens.

«Klar, es ist auch cool, was wir heute machen. … Aber im Vergleich sind wir kleine Kinder, die ein bisschen herumspielen.»

Worauf kommt es neben den skifahrerischen und alpinistischen Fähigkeiten noch an?
Solche Berge im richtigen Moment zu fahren, erfordert einen grossen organisatorischen Aufwand. Um ehrlich zu sein: Die Chance, die perfekten Bedingungen dafür zu haben, ist extrem gering. Oft ist es nur ein Tag im Jahr. Genau aus diesem Grund habe ich in den letzten beiden Jahren eben auch nicht alle geplanten Gipfel geschafft. Die Matterhorn-Ostwand haben wir dreimal probiert, mussten aber jedes Mal wegen zu viel Wind abbrechen. Am Ende waren es zehn Viertausender.

Wieso begibst du dich in dieses Extremterrain?
Ich glaube, das liegt auch an der Evolution der Ausrüstung. Sie macht es erst möglich, die grossen Wände mit vertretbarem Risiko in diesem Stil zu fahren.

Verwendest du spezielle Ski?
Vergangenen Winter hat mir mein Sponsor speziell abgestimmte Ski gebaut. Im Vorjahr hatte ich Ski mit einer Taille von 124 mm, für Steep Skiing ist das ein bisschen zu viel. Jetzt verwende ich einen Ski mit einer Mittelbreite von 115 mm. 190 cm lang, ich selbst bin 1,70 m. Er besitzt den gleichen Shape wie das Serienmodell, ist aber noch solider und steifer gebaut. Für mich ist das perfekt.

Bislang wurden bei extremen Steilabfahrten kaum so breite Ski verwendet – war das ein Experiment?
Auch die breiten Ski sind mittlerweile sehr vielseitig und haben auch im steilen Gelände eine tolle Performance. Ich nehme dasselbe Modell, mit dem ich auch den Rest der Saison fahre. So weiss ich genau, wie der Ski reagiert. Schmälere Ski würden mehr Risiko bergen. Du sinkst leichter ein. Gerade wenn der Schnee etwas krustig ist. Die Gefahr zu stürzen, wäre dann viel höher.
Ich schleife die Kanten sehr sorgfältig, hänge sie vorne und hinten ab, damit der Ski wendig genug ist, um schnell reagieren zu können. Auf die Bindungsschiene kann ich für den Aufstieg einen Pin-Vorderbacken montieren. Den Alpin-Vorderbacken stecke ich dann einfach in den Rucksack. Auch wenn ich oft sechs Stunden aufsteigen muss, verwende ich einen Alpinschuh ohne Gehmodus mit geschäumtem Innenschuh. Ultraleichte und trotzdem sehr stabile Sonderanfertigungen der Schale wären einfach zu teuer. Da bleibt nichts anderes übrig, als bergauf zu leiden.

Mammut Pro Team Rider Jérémie Heitz am Hohberghorn (4219 m) in der Mischabelgruppe zwischen Mattertal und Saastal. (Foto: Tero Repo / Mammut)
Mammut Pro Team Rider Jérémie Heitz am Hohberghorn (4219 m) in der Mischabelgruppe zwischen Mattertal und Saastal. (Foto: Tero Repo / Mammut)
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Gemeinsam: Straight Line in einer vereisten Passage am Zinalrothorn (4221 m) – wenn möglich, zieht Jérémie seine Steilwandprojekte mit Partnern wie dem Zermatter Samuel Anthamatten durch. (Foto: Tero Repo / Mammut)
STEILER, höher, weiter – nach den Viertausendern der Alpen will Jérémy Heitz Steilwände im Himalaya ins Visier nehmen.
Steiler, höher, weiter – nach den Viertausendern der Alpen will Jérémy Heitz Steilwände im Himalaya ins Visier nehmen. (Foto: Tero Repo / Mammut)

Weisst du, wie schnell du auf so steilen Faces wie an der Lenzspitze fährst?
Nein, nicht genau. Aber letztes Jahr haben sie mir mal ein GPS-Gerät in den Rucksack gesteckt. In der Auswertung sah man, dass ich 120 oder 130 km/h schnell war. Ich war erstaunt. Oh, wirklich, so schnell wie ein Auto auf der Autobahn? Mit Audi entwickeln wir gerade einen Spezialanzug, der all die Daten messen soll. Meine Herzschläge, die Geschwindigkeit, auch die G-Kräfte. Wäre nett, das alles mal zu wissen. Aber es ist für mich ehrlich gesagt nicht entscheidend.

Neben der Ausrüstung muss auch die Einstellung im Kopf stimmen. Bist du vor deinen Speedruns nervös?
In den Big Faces fliegt der Heli über mir, es ist laut. Ich spüre den Druck, aber ich habe gelernt, damit umzugehen Denn wenn du mit zu viel Druck fährst, artet das in Stress aus, du riskierst zu stürzen. Also versuche ich, diese Abfahrten so fokussiert wie möglich anzugehen. Ich rede da kaum. Schon im Aufstieg präge ich mir genau ein, wo ich die Schwünge setzen kann, wo der Schnee am griffigsten ist. Kleine Veränderungen in der Hangneigung können den Schnee etwas weicher machen, andere kleine Unterschiede wiederum können dazu führen, dass der Untergrund hart oder eisig ist. Dies gilt es zu erkennen.

Wie nimmst du diese Abfahrten selbst wahr?
Oh, das ist pure Freude. Mein Ziel ist es, jede Abfahrt in einem Run durchzufahren, ohne Stopp. Das ist Teil der Evolution. Und das hat auch mit Schönheit zu tun.

Wie gehst du mit Abfahrten um, auf denen ein Sturz tödlich wäre?
Das ist ein mentales Spiel. Wenn du dir sicher bist, dass die Bedingungen passen, wenn du dir sicher bist, dass die Ausrüstung stimmt, die Bindung hält, du fit bist, nicht zu müde, dann ist das eine Frage der Einstellung. Inwieweit hast du deine negativen Gedanken im Griff? Klar, wenn ich falle, komme ich abends nicht mehr nach Hause. Aber so etwas sage ich mir vor der Abfahrt nie vor. Du musst positiv denken. Ich konzentriere mich auf meine Schwünge. Machst du ein spezielles mentales Training? Ich habe ein Jahr Yoga gemacht, vor allem Atemübungen. Als ich mit Freeride- Wettkämpfen anfing, war ich anfangs zu nervös, zu gestresst. Mittlerweile habe ich solche Situationen im Griff. Und wenn ich nicht sicher bin, dass etwas klappt, mach’ ich es einfach erst gar nicht.

Und die Angst? Fährt die mit?
Ja. Am Beginn der Abfahrt ins Spencer Couloir hatte ich regelrecht die Hosen voll. Ich hatte nicht erwartet, dass das so steil und ausgesetzt sein würde. Angst ist etwas ganz Normales. Es muss nicht gleich die Angst vor einem Absturz sein. Die Angst zeigt mir, was passieren könnte. So kann ich Massnahmen treffen, genau das zu vermeiden. Also ist Angst doch eigentlich etwas Gutes. Wenn du gar keine Angst hast, hast du ein Problem. Du musst einfach erwachsen genug sein, um im Zweifelsfall auch mal Stopp sagen zu können und umzukehren. Natürlich ist das hart. Aber genau aus diesem Grund bin ich froh, dass ich dieses Projekt nicht schon früher begonnen habe.

«Das ist ein mentales Spiel. … Klar, wenn ich falle, komme ich abends nicht mehr nach Hause.»

Die Steilwandpioniere waren Fanatiker. Bist du auch einer?
Nein, ich bin im Kopf super schweizerisch. Ich muss alles genau planen. Ich bin nie mit dem zufrieden, was ich erreicht habe, suche mir sofort das nächste Ziel. Ganz anders als in der Schule. Tagelang drinnen zu sitzen und Sachen zu pauken, die mir sinnlos erschienen, das war einfach nicht mein Ding. Ich machte dann eine Lehre als Gärtner. Pflanzen, Natur, das hat mich interessiert, und plötzlich war ich auch motiviert.

Betreibst du noch andere spektakuläre Sportarten?
Ich fliege mit dem Hängegleiter – aber bevor ich im Skifahren nicht alles erreicht habe, was ich mir zum Ziel setze, werde ich keinen anderen Sport ähnlich intensiv betreiben. Ich brauche die volle Konzentration.

Im Film spannst du den Bogen von den Steilwandpionieren bis zu deinen jüngsten Abfahrten an den Viertausendern. Wie siehst du die Leistungen der Pioniere?
Klar, es ist auch cool, was wir heute machen. Wir fahren etwas schneller als sie. Aber im Vergleich sind wir kleine Kinder, die ein bisschen herumspielen. Sie hatten keine exakten Wetterberichte, sahen einfach vom Tal aus hoch und mussten entscheiden, ob sie gehen oder nicht. Heute haben wir detaillierte lokale Wettervorhersagen und überall Wetterstationen, wir haben eine enorm stabile, hochwertige Ausrüstung. Wir kommunizieren mit Funk, wir haben Hubschrauber und tolle Kameras. Die Voraussetzungen für uns sind ungleich besser. Das waren damals super starke Skifahrer. Sylvain Saudan war bei seiner Erstbefahrung des Spencer Couloirs bei Chamonix ganz alleine dort oben. Er wusste noch am Start nicht sicher, ob das, was er vorhatte, auch wirklich funktionieren würde. Keiner hatte zuvor so etwas gemacht. Was wir heute machen, basiert alles auf diesen Erfahrungen.

Inspiriert dich so etwas?
Klar, die Evolution wird weitergehen. Vergangenes Jahr unternahm ich mit Samuel Anthamatten im Himalaya eine erste Erkundungstour. Steilabfahrten von Wänden, die sonst nur beim Höhenbergsteigen erklommen werden – das würde die Spielregeln nochmals drastisch verändern. Die Gipfel sind doppelt so hoch, die Steilwände doppelt so lang. Der Schnee durch die Höhe noch mehr vom Wind beeinflusst, die Bedingungen lassen sich noch schwerer einschätzen. Alles ist eine Dimension grösser. Auch die Probleme. Dabei habe ich gefühlt, die Höhe kann eine echte Barriere werden.

Nach Sylvain Saudans Steilabfahrt am Gasherbrum I vor 34 Jahren haben sich kaum Skifahrer an grossen Steilwänden im Himalaya versucht.
Schon der Zustieg ist dort viel schwieriger. Wenn ich morgen aufs Matterhorn will, steige ich heute Abend auf, und los geht’s. Dort läufst du zwei Wochen durch die Täler, um überhaupt zum Berg zu kommen. Auch für das Filmteam wären die Bedingungen extrem. Die Kosten sind ebenfalls enorm. Wir benötigen ein kleines Zeltdorf als Basislager, wir brauchen Sherpas als Träger. Das kostet alles eine Menge Geld. Die Chance, am Ende erfolgreich zu sein und einen Film mitzubringen, liegt bei vielleicht 50 Prozent. Wir werden nächstes Jahr nochmals hinfliegen. Es gibt noch viele offene Fragen. Wir suchen nach den Antworten. Wir wollen sie finden.

A oder B: Jérémie Heitz

Aufstieg oder Helikopter?
Aufstieg. Weil es für mich die korrektere Art des Hochkommens ist. Ich habe den direkten Kontakt mit den Elementen und kann mir ein detailliertes Bild von den Bedingungen auf der Abfahrt machen.

Musik oder Stille?
Hundertprozentig Stille. Ich bin etwas schüchtern und bevorzuge die Ruhe. Kann ungestört nachdenken. Natürlich geniesse ich auch Konzertbesuche mit Freunden, für ein paar Stunden. Aber es ist schön, danach in die Stille zurückzukehren.

Skifahren im Team oder alleine?
Alleine. Ich mache nicht gerne Pausen. Aber natürlich ist es auch toll, mit einer motivierten Crew zu filmen oder Fotos zu schiessen.

Big turns oder short turns?
Big turns. Ich liebe es schnell.

Zu Hause oder Reisen?
Zu Hause. Ich bin als Skifahrer viel gereist. Aber zu Hause habe ich mehr Möglichkeiten als in Alaska.

Restaurant oder selbst kochen?
Selbst kochen. Mein Grossvater ist Metzger. Und im Garten wächst das Gemüse – alles viel besser als im Restaurant.

Relaxen oder Action?
Action. Ich relaxe, um fit für die Action zu sein.

Film oder Foto?
Film. Da komme ich mehr zum Skifahren und habe eine schöne Möglichkeit, mich hinterher zu korrigieren.

Winter oder Sommer?
Winter. Ich fahre ja sogar im Sommer Ski.

Risiko oder sichere Seite?
Die sichere Seite – trotzdem will ich Neues ausprobieren. Aber ich möchte keine bösen Überraschungen erleben. Deshalb checke ich alles sehr genau.

Wettkampf oder Tour?
Tour. Ich geniesse Touren, weil ich mich bei Contests genügend pushe. Mich reizt der Gegensatz.

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Einsam: Auch nach sechs Stunden Aufstieg durch steile Wände muss die Kraft noch für die Abfahrt reichen. (Foto: Dom Daher)

Jérémie Heitz im Web

www.jeremieheitz.com

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Kilian Jornet