Die Extrem-Wanderin: Sarah Marquis

 In Porträts

Sarah Marquis: «Ich werde zum Tier»

Sie wandert und wandert und wandert … zum Beispiel in drei Jahren von Sibirien nach Australien. So entdecke sie ihre animalische Seite und finde «die vollkommene Harmonie mit der Natur», sagt Sarah Marquis. Die Geschichte einer Frau, die als Abenteurerin geboren wurde und beim «Wandern» schon mehr als eine brenzlige Situation überstanden hat.

Text: Peter Bader
Fotos: Zvg

Nach drei Monaten sind die Schmerzen weg. Am Morgen nach dem Aufwachen sind die Stimmen im Kopf verschwunden, die ihr einreden wollen, dass das alles doch viel zu anstrengend sei. Dass es keinen Sinn mache aufzubrechen, weiterzulaufen, zu kämpfen. Plötzlich ist es normal, Alltag, ihr Leben. Nach sechs Monaten ist ihr Körper rein, nach einem Jahr, bemerkt sie, werde sie zu Natur. Zu einem Tier, immer achtsam, mit geschärften Sinnen, um jederzeit alle lauernden Gefahren zu erkennen. Ihre Sensibilität gehe dann so weit, dass sie auf die Distanz von einem Kilometer Touristen riechen könne, sogar deren Shampoo. Sie sagt: «Natürlich gibt es immer wieder Rückschläge, dann kehren die Stimmen zurück, die Schmerzen. Es ist mühsam, manchmal auch die Hölle. Aber es ist genau die Harmonie mit der Natur, die ich seit meiner Kindheit suche.»

Wandernde Philosophin

Sarah Marquis sitzt in einer Autobahnraststätte bei Martigny im Wallis. Nichts erinnert an das Tier mit den geschärften Sinnen. Sie trägt eine weisse Designer-Sportjacke, sie hat gepflegtes, langes, dunkelblondes Haar, ein strahlendes Lächeln – eine schöne Frau. Sie sei als Abenteurerin geboren, stellt sie gleich zu Beginn klar, was allerdings weniger mit Draufgängertum als viel mehr mit einem Geisteszustand zu tun habe. Und so ist sie auch mit der Bezeichnung «Abenteurerin» nicht restlos glücklich, eher fühlt sie sich als «wandernde Philosophin», die der Natur eine Stimme geben will, die sich als «Brücke zwischen Mensch und Natur» versteht. «Davon will ich einfach erzählen. Von meinen ungefilterten Eindrücken, die nicht erst vom menschlichen Gehirn eingeordnet wurden.»

Verrückt nach «draussen» – schon als Kind

In ihrem Elternhaus erinnerte erst einmal wenig an die extremen Abenteuer, die sie später unternehmen sollte. Sie wuchs in Montsevelier im Kanton Jura mit einem älteren und einem jüngeren Bruder auf. Die Familie ging wandern und Pilze suchen, so wie das viele Schweizer Familien tun. Sie war eine gute Schülerin, kümmerte sich um die zahlreichen Haustiere: Schafe, Hasen, Hunde. So weit war alles «normal».

«Ich lebte wie eine Ratte, aber fühlte mich wie in einem Palast.»

Aber Sarah war anders. Das wurde spätestens klar, als sie als Achtjährige mit ihrem Hund einen Spaziergang zu einer nahe gelegenen Höhle unternahm, von den Fledermäusen fasziniert war und deshalb beschloss, dort zu übernachten. Die Eltern, die ausser sich vor Angst waren und die Polizei alarmierten, hatte sie über ihr Vorhaben nicht informiert. Und auch für das Sackgeld hatte sie schon früh eine ganz eigene Verwendung: Während andere Süsses kauften, interessierte sie sich für Outdoor-Magazine. So fing das an.

Skorpion-Jagd mit Steinschleuder

Nach einer Ausbildung zur Export-Sales-Managerin und einigen Jahren als Zugbegleiterin bei der SBB packt sie das Fernweh. Erst reitet sie mit einem Pferd durch Zentralanatolien, dann durchquert sie zu Fuss die USA, von der kanadischen bis zur mexikanischen Grenze. Ihre erste richtig grosse Expedition unternimmt sie in den Jahren 2002 und 2003: In 17 Monaten umrundet sie die Wüste Australiens,

Eine dreijährige Wanderung führt Sarah Marquis in die australische Nullarbor-Ebene.

Eine dreijährige Wanderung führt Sarah Marquis in die australische Nullarbor-Ebene.

legt 14 000 Kilometer zurück. Und leidet dabei so sehr, dass sie heute sagt: «Diese Erfahrung hat mich für mein ganzes Leben geprägt.» Sie will herausfinden, ob sie unter diesen extremen Bedingungen überleben kann, jagt mit Steinschleuder und Blasrohr Vögel, Skorpione und Schlangen, um an Essbares zu kommen. «Der Hunger raubt dir alle Sinne. Unter diesen Umständen den Körper trotzdem zu beherrschen, ist ein faszinierendes Experiment.» Sarah Marquis setzt ihren Weg fort, macht die Abenteuer zu ihrem Beruf. 2006 läuft sie über 7000 Kilometer und acht Monate lang auf den Inkapfaden in den Anden, bisweilen bei minus 20 Grad.

Einer ihrer Höhepunkte: «explorAsia», von 2010 bis 2013. Am 20. Juni 2010, ihrem 38. Geburtstag, verlässt sie die sibirische Stadt Irkutsk, 1000 Tage und 1000 Nächte später setzt sie sich unter einen Baum in der australischen Nullarbor-Ebene, der grössten Karstwüste der Welt – «überwältig von Emotionen und magischen Erinnerungen», wie sie sagt.

Zehn junge Männer mit Maschinengewehren

Zu ihrem grossen Erstaunen sind aber nicht Klima, Hunger, Tiere oder Berge die grössten Hindernisse auf ihrer Reise, sondern die Menschen. In der Mongolei wird es einmal brenzlig: Plötzlich sind da eines Nachts Männer auf Pferden, die ihr Angst einjagen wollen und versuchen im Galopp mit den Händen die Spitze des Zelts zu packen. Ganz offensichtlich angestachelt durch Alkohol und verwirrt von der jungen weissen Frau, die in ihr Territorium eingedrungen ist. Sie kommen jeden Abend zurück. Sarah Marquis macht kein Feuer mehr, läuft nur noch auf hartem Untergrund, um keine Spuren zu hinterlassen, versteckt sich in der Nacht hinter Felsen. Sicher fühlt sie sich erst, als sie unterhalb von staubigen Strassen Röhren findet, die ihr Schutz bieten. «Ich lebte wie eine Ratte, aber fühlte mich wie in einem Palast.» Noch gefährlicher ist eine Nacht im Grenzgebiet zwischen Laos, Thailand und Myanmar. Zehn junge Männer – Schmuggler, selber betäubt vom Heroin, mit dem sie Geschäfte machen – belagern ihr Zelt, richten Maschinengewehre auf sie. Sie nehmen ihr alles ab. Nach bangen Stunden der Anspannung sagte einer der Männer unverhofft in perfektem Englisch: «Es tut uns leid, dass wir ihnen Probleme bereitet haben.» Dann verschwinden sie, wie sie gekommen sind, am nächsten Tag findet Marquis ihre Sachen verstreut im Dschungel. «Es war die einzige Situation auf meiner Reise, in der ich dachte, dass es jetzt zu Ende sein könnte», erinnert sie sich.

«Es sind die scheinbar verrückten Leute wie du, die dafür verantwortlich sind, dass die Welt in Balance bleibt und sich weiter dreht.»

«Auch wenn es oft sehr mühsam ist und ich mich nach zuhause sehne – kaum bin ich wieder da, will ich eigentlich sofort wieder aufbrechen.» Das schönste Feedback und Kompliment hat sie so auch auf einer ihrer Expeditionen bekommen, von einem Aborigine, einem australischen Ureinwohner. Der, bemerkt sie zum Schluss, habe zu ihr gesagt: «Es sind die scheinbar verrückten Leute wie du, die dafür verantwortlich sind, dass die Welt in Balance bleibt und sich weiter dreht.»

Bloss nicht verdursten: Wasser sammeln in der Wüste Gobi

Sarah Marquis´ Abenteuer in Bildern

Überlebenstipps mit Sarah

Lagerplatz

«Ich schlage mein Zelt nie in der Nähe von Süsswasser auf. Das wäre zwar ein guter Platz, aber eben auch für andere Menschen oder Tiere. Um die Situation gut überblicken zu können, schlage ich mein Zelt immer vor der Dämmerung auf. So kann ich auch den Boden genau prüfen und vermeiden, dass Tiere, die sich tagsüber im Boden eingraben, plötzlich in meinem Zelt auftauchen. Und ich setze mich erst einmal hin und höre auf meine Intuition. In einem engen Canyon in China hatte ich mein Zelt schon aufgeschlagen, als mich ein ungutes Gefühl beschlich. Sofort wechselte ich den Standort. Als ich am Morgen aufwachte, lag an der ursprünglichen Stelle ein riesiger Gesteinsbrocken, der sich aus den Felsen gelöst hatte. Ich hätte nicht überlebt.»

Verschluss-Taktik

«Vor allem im Dschungel trage ich immer einen Hut mit breiter Krempe, dazu ein Tuch. Und auch meine Ärmel und Hosenöffnungen schliesse ich. So können Schlangen oder Spinnen nicht in meine Kleidung eindringen.»

Unsichtbar sein

«Wenn ich mir eine Mahlzeit zubereite, esse ich schnell und übernachte an einem anderen Ort. Ich kleide mich wie ein Mann, suche jeden Menschen, dem ich begegne, mit meinen Augen zuerst einmal nach Waffen ab. Wenn immer möglich, laufe ich auf hartem Untergrund, um keine Spuren zu hinterlassen. Oft ist es hilfreich, nachts zu laufen und tagsüber zu schlafen. Und Feuer mache ich eigentlich nur in grossen Höhlen.»

Selbstschutz

«Im Dschungel von Laos lag ich mit Denguefieber im Zelt, unweit eines reissenden Flusses. Weil ich befürchtete, im Delirium in den Fluss zu kriechen, fesselte ich einen Fuss an einen Baum. Und das während drei Tagen.»

Comments
  • Frauke Aigner
    Antworten

    Liebe Sarah,DANKE

    gerade habe ich ihr Buch „Allein durch die Wildnis“ zu Ende gelesen.
    Die letzten Seiten konnte ich kaum noch erkennen, weil ich so schluchzen und weinen musste.
    Was für ergreifende Momente, an denen sie ihre Leser teilhaben lassen.
    Ich bin tief beeindruckt von ihrem Mut, ihrer Zähigkeit und ihrer über allem stehenden Liebe zur Natur.Bravo- ich verbeuge mich tief vor ihnen.
    Ihre philosophische Herangehensweise macht mir Mut auch meine kleine Abenteuerin endlich los zu lassen.
    Ja, in der Tat haben sie ausgesprochen, was ich schon lange in mir trage – wir besitzen mehr Kräfte, als wir uns in unseren wagemutigsten Träumen
    vorstellen können.
    Ich werde ab nun sicher weiter verfolgen, was ihnen noch Wunderbares einfällt und widerfährt.
    DANKE,DANKE,DANKE……….

    Ich umarme sie als Frau
    und danke, dass es sie gibt

    Frauke(57)
    aus München

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Outdoor Guide

Outdoor Guide GmbH
Eichbergerstrasse 60
CH-9452 Hinterforst

Email: info@outdoor-guide.ch
Phone: +41 71 755 66 55


Folgen Sie uns auf:

Enter-Taste drücken

Interview mit Schurter