„Amore di vetro“: Erstbegehung am Piz Badile

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Marcel Schenk und Simon Gietl klettern Neutour in der Nordostwand des Piz Badile

Mitte November haben der Schweizer Marcel Schenk und der Südtiroler Simon Gietl eine Neutour in der Nordostwand des Piz Badile eröffnet – eine jener sechs Nordwände, die als die „Grossen“ der Alpen gelten. Nachfolgend Schenks Bericht von der Erstbegehung.

Text: Marcel Schenk; Titelbild: Simon Gietl

Im Sommer zählt die 800 Meter hohe Nordostwand des Pizzo Badile (3303 m) zu den ganz berühmten Kletterzielen der Alpen. Die Saison ist jedoch nicht sehr lang, und wenn im Herbst der erste Schnee fällt, verwandelt sich die Schaufel der Nordostwand in eine schattige und frostige Wand mit dünnen Eisformationen, die aussehen wie Spinnenbeine. Immer wieder beobachtete Marcel Schenk die Veränderungen der bestehenden Eisformationen. Einen Weg über die steilen Granitplatten zu finden, der durchgehend wenigstens mit ein paar Zentimeter Eis und Schnee überzogen ist, beschäftigte ihn immer wieder.

Piz Badile "Amore di Vetro"
Die neue Route durch die 800 Meter hohe Pizzo Badile NO-Wand. (Foto M.Schenk)

Den passenden Moment erwischen

Für mich stellt sich immer wieder die Frage, ob es noch möglich ist, an den grossen Gipfeln der Alpen neue Routen zu erschliessen. Ende Oktober scheinen die Verhältnisse zu passen, um einen Versuch zu wagen. Jedoch ist es nicht ganz einfach, einen passenden Seilpartner zu finden. Auch das Wetter schlägt um, es wird winterlich bis in die Täler. Für mich ist es sicher, dass es ganz schwierig sein wird, den richtigen Moment zu erwischen. Mitte November zeichnet sich nochmals stabileres Wetter ab, und zusammen mit Simon Gietl möchte ich einen Versuch starten. Am Nachmittag des 15. November starten wir vom Parkplatz im Val Bondasca Richtung Sasc Furä Hütte. Weiter geht es mit Schneeschuhen und vollen Rucksäcken hoch zur Schulter, wo sich der Einstieg von der Nordkante des Pizzo Badile befindet. Von hier haben wir einen guten Einblick in die Wand.

Eine Spur durch das Schneefeld

Es ist schon spät und der Blick runter zum Schneefeld, welches wir traversieren möchten, ist alles andere als motivierend. Es liegt viel Treibschnee in dieser steilen Mulde und die Gewissheit, beim kleinsten Schneebrett über 200 Meter abzustürzen, macht die Situation angespannt. So entscheiden wir, noch am Abend eine Spur durch das Schneefeld zu machen. Mit dem Seil gesichert traversieren wir am obersten Rand des Schneefeldes und bringen Sicherungen an. Es funktioniert und alles scheint zu stimmen für den nächsten Tag. Zurück auf der Schulter ist es bereits dunkel. Schnell ein Materialdepot anlegen und runter geht es in die Winterstube der Sasc Furä.

Ein wunderschöner und wilder Eisstreifen

Am nächsten Tag beim ersten Licht sind wir zurück und klettern über die ersten Stufen zum eigentlichen Start der geplanten Route. Die Verhältnisse scheinen zu passen, und über einen Eisstreifen, welcher nur wenige Zentimeter dick ist, startet der Weg ins Unbekannte. Bereits in der ersten steilen Länge wird uns bewusst, wie ernst unser Unternehmen wird. Das Anbringen der Sicherungen ist sehr anspruchsvoll und über gewisse Strecken unmöglich. Unser Team passt und es geht in einem flotten Tempo voran. Nach drei Stunden erreichen wir das Schneefeld in der Wandmitte, von wo aus das eigentliche Herzstück der Linie startet. Ein wunderschöner und wilder Eisstreifen zieht steil nach oben. Die Kletterei bleibt anhaltend anspruchsvoll und der Weg ins Unbekannte spannend. Gesichert wird mit Schlaghaken, Pecker und Keilen, die kurzen Eisschrauben sind zu lang und die Camalots lassen sich in den vereisten Rissen kaum platzieren. Auch beim Klettern ist Vorsicht geboten, nicht selten schlagen wir mit den Pickeln auf den harten Granit oder stehen mit den Steigeisen auf einer Platte unter dem dünnen Eis.

Bis zu 100 Meter lange Seillängen

Weil es zum Teil nicht möglich ist, einen Stand zu bauen, klettern wir manche Strecken simultan und mit wenigen Sicherungspunkten. So entstehen bis zu 100 Meter lange Seillängen. Kurz vor 15.00 Uhr stehe ich auf dem winterlichen Gipfel des Pizzo Badile, die Freude an dieser Linie durch diese gewaltige Wand ist unbeschreiblich. Wenig später kommt Simon, auch er hat eine riesen Freude. Der Blick über die friedliche Bergewelt ist atemberaubend und die Anspannung ist weg. So genießen wir eine kurze Gipfelpause, bevor es über die Nordkante wieder zurück ins Tal geht.

Was bleibt

Für Simon und mich hat diese Erstbegehung wieder mal gezeigt, dass wir nicht immer an das andere Ende der Welt reisen müssen, um ein Abenteuer zu erleben. Es ist immer noch möglich, neue Wege in den Alpen zu finden.

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Routeninfos:

Pizzo Badile NO-Wand
«Amore di vetro»
Marcel Schenk, Simon Gietl 16.November 2016
800m, M5, R

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