Arcteryx Alpine Academy 2016

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Arcteryx Alpine Academy 2016: So wars in Chamonix

Zum 5. Mal lud der kanadische Sportartikelhersteller Arcteryx zu seiner Alpine Academy nach Chamonix. Der Wettergott drehte zwar etwas arg verspielt an den Regen-Reglern – sonst war der Event aber ein voller Erfolg. Der persönliche Nachbericht unseres Outdoor-Guide-Abgesandten

Bild: Adrian Hicks / Arcteryx
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um fünften Mal hatte Arcteryx zu seinem jährlichen Stelldichein nach Chamonix geladen, die selbsternannte Welthauptstadt des Alpinismus. Rollt man vom Col des Montets hinab in das Städtchen, drängt sich eine Umbenennung in Hauptstadt des Actionsports auf: Links und rechts schiessen Mountainbiker durch die Wälder, lycrabehoste Rennradfahrer quälen sich bergauf. In den Strässchen hopsen die Trailrunner in ihrer zwingend grellbunten Arbeitskleidung über die Bürgersteige, und vom Brévent drehen die Paraglider ihre Loopings so knapp bemessen herab, dass man Angst um die Baumwipfel haben muss. Oder um ihr Leben. Erst zwei Tage zuvor war – mal wieder, muss man leider sagen – ein Italiener samt Wingsuit beim Sprung von der Aiguille du Midi tödlich verunglückt. Nur vor dem Maison de la Montagne am Kirchplatz, wo sonst immer die Bergführer auf Kundschaft warten, ist nicht so viel los. Die Zeiten ändern sich…

Academy für alle

Die Alpine Academy ist eine Veranstaltung für alle: 360 Gäste haben sich dieses Jahr um die Tickets gebalgt, die wie erwartet binnen weniger Stunden ausverkauft waren. Es gibt Testartikel von namhaften Firmen, die Bergführer in Chamonix, übrigens bei weitem nicht nur Franzosen, freuen sich über vier Tage gesicherte Kundschaft. Die gesponserten Athleten von Arcteryx, Ines Papert etwa, Will Gadd oder Nina Caprez, geben ihre Erfahrungen in Kursen weiter. All das interessiert auch die fotografierende und schreibende Zunft, die so gebündelt wie selten an schöne Bilder und interessante Gesprächspartner kommt:

Erstmal den Berg aufräumen

Eine Institution der Alpine Academy ist das Mountain Clean-Up am Eröffnungs-Donnerstag. Es giesst aus Strömen, als sich die zwei 50-Mann-Gruppen auf die Seilbahnstationen von Brévent und Flégère verteilen. Bruno von der Compagnie des Guides zerstört im Bus etwas die Hoffnungen auf spektakuläre Funde: «Wir werden entlang der Skipisten aufsteigen. Da findet man meistens nur Kleinkram, Plastikteile und ähnliches.»

Schön wärs: Champagnerflaschen, Ferngläser, Pistenpläne, Tagespässe, Bruchstücke von Skibindungen und sogar ein ganzer Ski (Modell Atomic, 80er Jahre) landen am Ende in den Müllsäcken. Nicht zu vergessen die unzähligen Kabelbinder und Kronkorken. Viele Teilnehmer entwickeln einen bemerkenswerten Ehrgeiz bei der Müllsuche, durchkämmen akribisch das Unterholz nach Plastikschnipseln. Besonders erfolgsversprechend (und anstrengend) ist das Abwandern der Sessellifte. Es bleibt das schöne Gefühl, den Regentag sinnvoll genutzt zu haben – auch wenn die gefüllten Müllsäcke zwischen all den Pistenraupen, Speicherseen und meterbreiten Forststrassen das Bild eher vervollständigen als stören.

Wenn schon mal alle da sind: Neuer Schuh im Sommer 2017

Während sich die Teilnehmer über eine heisse Dusche freuen, hetzen die Medienvertreter rüber zum Brévent, denn für 16:00 Uhr ist ein Produktlaunch angekündigt:

«Norvan VT» heisst der neue Schuh, der laut Produktentwickler Greg Grenzke die Brücke zwischen Trailrunning und «Scrambling» schlagen soll. Ein Laufschuh zum Kraxeln also, man hat offenbar auf die Kletterer gehört, die ihre Laufschuhe ohnehin bis zum Einstieg anbehalten, egal was der Hersteller als «Einsatzbereich» definiert hat. Mehr als eine kurzer Sprint von der Bergerie rüber zur Seilbahnstation ist in der nassen Dunkelheit nicht drin – andere wollen den Schuh schliesslich auch haben.

Das ist uns am Norvan VT aufgefallen:

Mit einer geräumigen Zehenbox und einem Drop von neun Millimetern zwischen Ferse und Ballen hat Arcteryx auf jeden Fall auf einen bergtauglichen Schuh geachtet. Laut Greg wurde für den Schuh ein eigener Leisten entwickelt – in der heutigen Massenschuhproduktion ein teures Vergnügen. Die charakteristische Innensocke lässt sich nicht herausnehmen, schade – hier wurde dem geringeren Endgewicht Vorrang gegeben.

In einen Kraxelschuh soll sich der Laufschlappen mittels einer speziellen Schnürung verwandeln: Ein Haken am Vorfuss ist standardmässig frei. Hakt man den speziellen Senkel (oben flach, unten rund) in den freien Haken ein, soll sich das Volumen um eine halbe Schuhgrösse verringern. Der Schuh sitzt dann fester und lässt sich präziser auf kleine Tritte stellen. Beim Kurztest trifft das zu – allerdings nicht wesentlich anders, als würde man einen gewöhnlichen Schuh fester schnüren. Ob die modulare Schnürung im Dauerbetrieb bequemer ist, liess sich in den wenigen Minuten nicht feststellen.

Die weiteren Fakten: Die Sohle stammt, natürlich, von Vibram (eine Mischung der griffigen Idrogrip-Sohle und der haltbaren Megagrip-Sohle), die Zwischensohle hat Polyolefin-Anteile (soll haltbarer sein), aussen läuft ein PU-Mantel um den Schuh, um die Zehen vor Stössen zu schützen. Es gibt eine Gore-Tex-Version.

Bei der Optik hat Arcteryx angeblich auf «Timelessness» geachtet, zeitloses Design also, was angesichts der knallbunten Farben (lila, mintgrün, hellblau, rot etc.) zumindest ambitioniert wirkt, denn auch in der Outdoor-Branche wechselt die Saisonfarbe inzwischen so vorhersehbar wie die Schneehöhe im Winter. Immerhin gibt es eine klassisch-edle schwarze Version, die man tatsächlich als zeitlos bezeichnen könnte.

Gewichtstechnisch wird sich der Norvan VT im Mittelfeld bewegen: Mit 320 Gramm ist er kein aussergewöhnlich leichter Trailrunning-Schuh. Berücksichtigt man aber den Innensocken und die eher stabile Anfertigung des Schuhs, muss sich der Schuh gewiss nicht verstecken.

Clinics, Clinics, Clinics

Freitag bis Sonntag steht dann auf dem Programm, warum alle da sind und wieso man sich gerne durch fünf teilen würde: die Clinics. Eisklettern, Gletschervorbereitung, Akklimatisierung, Alpine Fotografie, Erste Hilfe und Rettungskurs, Basiskurs Hochtouren, Mehrseillängenklettern, Technisches Bergsteigen, Biwaknacht, Trad Climbing, Splitboardkurs, Skibergsteigen, Höhenmedizin, Big Wall Climbing, Mixedklettern, Bouldern… Das alles in kleinen Gruppen mit 4-6 Personen, unter Anleitung von Bergführern und/oder den Stars der Szene. Eisklettern mit Will Gadd und Ines Papert am Mer de Glace? Kein Problem. Auch wenn die Anfängertipps von Will Gadd wohl erstmal keinen Nachahmer fand:

Das Becken unter der Aiguille du Midi dagegen eignet sich prächtig für diverse Lehrkurse in Sachen Hochtour. Für ein oder zwei Stunden verziehen sich sogar die Wolken. Neil Mackay, schottischer Bergführer, lehrt einen Finnen und einen Spanier in den französischen Alpen die Spaltenbergung. Erstaunlich, wie viele verschiedene Lehrmeinungen es in der Welt für Anseilknoten gibt, erstaunlich, wie lange man Mitte Juni graben muss, bis man kompaktes Eis für den T-Anker erreicht und erstaunlich, wie schnell man das vermeintlich simple Prozedere eines Flaschenzugs wieder vergessen hat.

Testen, kreieren, reparieren

Zurück an der Talstation der Midi-Bahn kann man dann die Zeit verbummeln, sich am Gore-Tex-Stand eine Handytasche aus Laminat nähen, seine vom Steigeisen durchlöcherte Hose zur Reparatur geben und die Jacke zum Waschen. Nur möge man den Lesern mitteilen, sagt die Dame im Waschsalon, dass eine Gore-Tex-Jacke, die nicht mehr abperlt, deshalb nicht gleich undicht ist. «Das verwechseln fast alle!» Richtig sei, dass eine nasse Jacke den Dampf von innen nicht mehr gut nach aussen weitergibt. Wasserdicht ist die Jacke aber auf jeden Fall noch. Gern geschehen.

In der Zwischenzeit kann man am Nachbarstand von Petzl neue Produkte auschecken – etwa das ultraleichte Leopard-Steigeisen aus Alu, das ohne Steg auskommt, sondern nur durch eine Dyneema-Schnur verbunden ist. Laut Petzl-Mitarbeiter Manuel Moreau soll auch eine Version aus Stahl auf den Markt kommen. Gute Nachrichten für Skibergsteiger, die auch mal im Fels unterwegs sind.

Am Samstag sind die Wolken gnädig: Erst um neun Uhr vormittags hüllen sie das Tal ein. Schlechte Bedingungen also für den Fotokurs, der an der Mittelstation der Aiguille du Midi stattfindet. Da waren die Lehrlinge am Tag davor besser dran:

 

Aber für die Tipps und Tricks Alex Buisse, dem IMS-preisgekrönten Bergfotografen, braucht man weder Sonnenauf- noch Sonnenuntergang. « Überlegt euch, welche Geschichte das Foto erzählen soll. Es muss auf den ersten Blick ersichtlich sein! Wir haben kein doppeltes Netz wie bei einem Text oder ein Video, es gibt nur eine Chance!» Weil sich gerade alle potenziellen Fotogeschichten hinter einer dicken Nebelwand verbergen, laufen die beiden Trailrunner Flo Reichert und Tessa Hill trotz Regen breit grinsend und dutzende Male für die Fotografen auf und ab. Nachts wird noch mit Stirnlampe gebouldert, während die allermeisten Academy-Teilnehmer die Movie Night an der Talstation samt Dinner geniessen.

Dank der ersten Bahn kann man rechtzeitig zum Skitouren-Kurs am Sonntagmorgen die Stiefel wechseln, dann geht es wieder empor auf 3800 Meter. Wieder Neuschnee über Nacht, Arcteryx-Telemark-Athlet Seb Mayer nutzt die guten Bedingungen und schnallt schon am Tunnelausgang seine Ski an, wo alle anderen mit Steigeisen herumkrabbeln:


Unter dem Cosmiques-Grat traversieren wir hinüber zur Pointe Lachenal, von deren Gipfel man immerhin einen kurzen Blick auf die wilde Seite des Mont Blanc werfen kann. Kurze Abfahrt, Felle aufziehen, die Sicht beträgt mittlerweile 5-6 Meter. Bergführer Octavio Defazio findet die Cosmiques-Hütte trotzdem punktgenau aus dem Gedächtnis.

Berge gegen Brexit-Schmerz

Die Hütten und Bahnen in Chamonix ermöglichen ein teils skurriles Nebeneinander von heiler Welt und Hochgebirge: Whiteout im Vallée Blanche, zehn Minuten später Kaffee in der warmen Stube der Cosmiqueshütte, zwanzig Minuten später vergebliche Umstimmungsversuche an einem Trupp Slowaken, die quasi blind, aber hochmotiviert über den Gletscher stolpern, eine halbe Stunde später fährt der Wind beim Wiederaufstieg zur Midi-Bahn in die Glieder, zwanzig Minuten später Pizza im «Alpine Village» an der Talstation. Spätestens am nächsten Morgen, als der Mont Blanc unter einem wolkenlosen Himmel wie ein Unschuldslamm von der Sonne geweckt wird, steht fest: einen besseren Ort für eine Alpine Academy gibt es nicht. Und die Erinnerungen daran halfen manch britischem Teilnehmer sogar dabei, den Brexit zu verschmerzen:

 

360

Teilnehmer verzeichnete die Alpine Academy 2016. Sie kamen aus 21 Nationen und nahmen an 40 Kursen teil. 100 halfen beim Mountain Clean-up, und 30 Medienvertreter bekamen den neuen Trailrunningschuh Norvan VT exklusiv zu Gesicht.

Bildergalerie zur Alpine Academy 2016 (41 Bilder)

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